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Europa

EU fordert längere Schulpflicht für Pflegeberufe

Die EU-Kommission hat zum Jahreswechsel Pläne für eine EU-Richtlinie vorgestellt: Darin fordert sie eine zwölfjährige Schulausbildung als Voraussetzung für Pflegeberufe. In Deutschland ist das Vorhaben umstritten.

"Wir brauchen keine Akademisierung des Pflegeberufs", sagt Johannes Singhammer, der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Gespräch mit DW-WORLD.DE. Viel wichtiger sei es, die Kranken- und Altenpflegeberufe nachhaltig attraktiver zu gestalten, so Singhammer: "Dazu gehört auch eine bessere Bezahlung." Der Gesundheitsexperte von der CSU liegt hier auf einer Linie mit Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr von der FDP. Auch er spricht von einem falschen Signal: Haupt- und Realschüler müssten ebenfalls die Möglichkeit haben, einen Pflegeberuf zu ergreifen.

Ein Krankenpfleger betreut auf der Intensivstation einen Patienten, während auf einem Kontrollschirm dessen Vitalfunktionen angezeigt werden (Bild: AP)

Krankenpflege wird komplexer

Nach EU-Angaben ist schon heute in 24 der 27 Mitgliedsstaaten für Pflegeberufe eine zwölfjährige Schulzeit vorgeschrieben. Zwölf Schuljahre führen in Deutschland in der Regel zum Abitur, also zur Allgemeinen Hochschulreife. Eine solche Vorgabe würde den Kreis potenzieller Bewerber in den Pflegeberufen erheblich einschränken, davon ist Singhammer überzeugt.

Besser ausgebildetes Personal für höhere Anforderungen

Franz Wagner, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Bundesverbandes für Pflegeberufe (DBfK), widerspricht dem vehement: "Wir haben 20 Jahre lang versucht, den Mangel zu beheben, indem wir die Anforderungen immer niedriger gesetzt haben. Einen Effekt hatte das aber nicht", sagte er im Interview mit DW-WORLD.DE.

Der DBfK ist mit rund 20.000 Mitgliedern der größte Interessenverband für Arbeitnehmer und Selbstständige in der Kranken- und Altenpflege. Die EU habe Recht mit ihrer Forderung, glaubt Geschäftsführer Wagner: "Die Anforderungen haben sich deutlich erhöht und wir brauchen immer mehr und immer besser qualifiziertes Personal." Durch höhere Anforderungen an die Ausbildung werde die Attraktivität des Berufes gesteigert, glaubt Wagner.

Der Direktor des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung, Frank Weidner, geht sogar noch einen Schritt weiter: "Die Zulassung sogar von Hauptschülern zur Pflegeausbildung im Jahr 2009 hat zu einem internationalen Imageschaden geführt", so der Wissenschaftler.

Soziale Kompetenz versus formale Ausbildung

Bislang reichen in Deutschland zehn Jahre Schulbildung zum Einstieg in einen der betroffenen Berufe. In der Regel bedeutet das einen Schulabschluss an der Realschule, der mittleren Stufe der weiterführenden Schulen. Wenn man gute Leute gewinnen wolle, so Franz Wagner vom DBfK, brauche man einen Beruf, der auch nach außen sichtbar anspruchsvoll sei. Gleichbleibende oder gar sinkende Anforderungen führten dazu, dass sich nur noch Bewerber melden, die sonst keine Chance auf dem Ausbildungsmarkt haben, glaubt Wagner: "Das wünschen sich weder die Patienten und die Bewohner in den Altenheimen noch die Menschen, die in Zukunft mit den Pflegenden arbeiten müssen."

Eine Altenpflegerin kümmert sichum eine ältere Frau im Krankenbett (Bild: DW)

Führende Unions- und FDP-Politiker verweisen vor allem auf soziale Kompetenz und Berufserfahrung

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr lehnt das Vorhaben mit Hinweis auf den Fachkräftemangel ab. Es komme eher auf die soziale Kompetenz als auf die Anzahl der Schuljahre an, so Bahr. Johannes Singhammer führt noch ein weiteres Argument an: "Was ist mit den Müttern, die nach der Familienphase ihre soziale Kompetenz einbringen möchten?", fragt er im DW-WORLD.DE-Interview. Das wäre dann nicht mehr möglich, wenn die für einen Ausbildungsbeginn nötigen Schuljahre fehlten.

Häufig wird das EU-Vorhaben in den Medien fälschlicherweise mit einem zwingenden Abitur gleichgesetzt. Dabei heißt es in dem Entwurf zur EU-Richtlinie "Zwölf Jahre Allgemeinbildung oder Äquivalenz". Aus Sicht des Bundesverbandes für Pflegeberufe könne man dieser Anforderung gerecht werden, indem man nach der zehnjährigen Realschule noch eine zweijährige Berufsfachschule für Pflegeassistenz oder Sozialassistenz einführte. Der Vorteil: Nach dieser Berufsfachschule könnte man sofort als Pflege- oder Sozialassistent ins Berufsleben einsteigen oder die dreijährige Ausbildung in der Kranken- oder Altenpflege beginnen.

Die EU-Richtlinie wird kommen

Johannes Singhammer (CSU, stellvertretender Fraktionsvorsitzender von CDU/CSU), spricht in der Bundespressekonferenz (Bild: dpa)

Unions-Experte Singhammer

Die Europäische Union zielt mit ihrem Vorhaben auf eine bessere internationale Vergleichbarkeit der Pflegeberufe ab. Ein Vergleich sei aber nicht möglich, bemängelt CSU-Gesundheitsexperte Singhammer: "In einigen Ländern wird sogar die Vorschule auf die Schulzeit angerechnet. So kommt man leichter auf die geforderten zwölf Jahre."

Dass die Bundesregierung mit ihrem Widerstand Erfolg haben wird, glaubt aber auch er nicht. "Der EU-Wettbewerbskommissar ist entschlossen", so Singhammer. Für das Vorhaben reiche eine Mehrheitsentscheidung der EU-Mitglieder. Und wie die ausfallen wird, scheint klar angesichts der großen Mehrheit der Länder, in denen der geforderte Standard schon jetzt Realität ist.

Autor: Tobias Oelmaier
Redaktion: Daphne Grathwohl

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