„Et hätt noch emmer joot jejange“ | Spurensuche | DW | 24.02.2017
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Spurensuche

„Et hätt noch emmer joot jejange“

Humor hilft, mit den Widrigkeiten des Lebens umzugehen. Er schenkt Gelassenheit im Umgang mit dem eigenen Leben. Für Christine Hober von der katholischen Kirche zeigt sich dies nirgends besser als im rheinische Karneval.

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Karneval, Fastnacht oder Fasching: das bunte Treiben vor der Fastenzeit vermittelt ein besonderes Lebensgefühl. Foto: Paul-Georg Meister/pixelio.de

Es ist wieder Karneval. Meine Tochter ist aus ihrem Studienort angereist, um mit ihren Freundinnen die närrischen Tage im Rheinland zu verbringen. Jetzt steckt sie mitten in den Vorbereitungen: Kostüme werden anprobiert, neue Schminktechniken geübt. Es wird überlegt, wann und wo am besten gefeiert werden kann. Die Stimmung ist ausgelassen. Ich freue mich über die Feierlaune meiner Tochter, auch wenn mir selber das rheinische „Karnevalsgen“ fehlt.

Karneval, Fastnacht, Fasching oder Fastelovend: das bunte Treiben in der Zeit zwischen Weihnachten und Ostern hat viele Namen. Dabei zählt Karneval nicht wirklich zum kirchlichen Festjahr. Als Schwellenfest vor dem Aschermittwoch und der nachfolgenden Fastenzeit hat es seit vielen Jahrhunderten dennoch einen festen Platz im Kirchenjahr. Egal wie man das närrische Treiben nennt, die Menschen wollen noch einmal richtig feiern, bevor die Fastenzeit, die österliche Bußzeit, beginnt. Während heute Christen versuchen in der Fastenzeit auf Dinge wie Süßigkeiten oder Alkohol zu verzichten, galt früher für die Gläubigen sich des Verzehrs von Fleisch zu enthalten. Dem trägt das Wort „Karneval“ Rechnung: es kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Carne vale“, also „Fleisch – lebe wohl“.

Humor und Heiterkeit, eine Gabe Gottes

Der Brauch, Karneval oder Fastnacht zu feiern, ist vor allem im Rheinland als „fünfte Jahreszeit“ bekannt. Sie steht unter der fastnachtsphilosophischen Faustregel „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“. Vielleicht passen Humor und Glaube deshalb so gut zusammen. Bestes Beispiel dafür ist der rheinische Katholizismus, der von der seit Jahrhunderten bestehenden Symbiose von Karneval und Kirche lebt – und der für seine heitere Lebensart über die Grenzen des Erzbistums Köln bekannt ist. Tradition und Brauchtum haben hier einen besonderen Stellenwert, und so ist es heute noch während der „fünften Jahreszeit“ üblich, dass die Kölner Oberhirten das Kölner Dreigestirn empfangen und sich dafür auch eine Narrenkappe aufsetzen. Es finden „kölsche Messen“ statt, zu denen die Gläubigen maskiert erscheinen und in denen die Gebete auf Kölsch gesprochen werden. Getreu dem Motto „Humor und Heiterkeit sind eine gute Frucht des Glaubens und damit eine Gabe Gottes“, wie es einst Dompropst Heinz-Werner Ketzer formulierte, wissen die Menschen im Rheinland den notwendigen Lebensernst mit einer guten Portion Humor zu verbinden.

Vielleicht leben rheinische Katholiken deshalb leichter als ihre Brüder und Schwestern im Herrn andernorts, weil sie sich selbst nicht so wichtig nehmen, sich nicht absolut setzen. Wer sich nicht so wichtig nimmt, kann die Dinge, die um ihn herum geschehen, mit einem gewissen Abstand betrachten und so Gelassenheit und Humor entwickeln. Humor ist die lebenspraktische Fähigkeit, mit den Fallstricken und Widrigkeiten des Lebens und der Unzulänglichkeit der Welt und der Menschen besser umgehen zu können. Dazu gehört auch, eigene Grenzen und persönliche Schwächen zu erkennen, ohne daran zu verzweifeln. Eine Gebrauchsanweisung für ein humorvolles Leben gibt es allerdings nicht.

Zuversicht im Glauben

Humor ist die Grundkonstante des rheinischen Katholiken und gründet vor allem im christlichen Glauben, dass wir Kinder Gottes sind. Wer Gott zum Vater hat, hat allen Grund zuversichtlich zu sein. Die Unwägbarkeiten und Abgründe, die das Leben bereithalten kann wie Leid, Schmerz und Tod, können uns wohl Angst machen. Sie können uns jedoch nicht die Hoffnung nehmen, dass wir jemals tiefer fallen als in die Hand Gottes. Wer an die Frohe Botschaft Jesu und ihre Verheißung glaubt, vermag die Wirklichkeit zu relativieren und so die Freiheit zu gewinnen, aus einer gewissen Distanz zu allen Dingen trotzdem im Hier und Jetzt zu leben. Indem wir die Dinge des Lebens in die richtige Perspektive bringen, können wir gelassener und zugleich humorvoller damit umgehen. „Et hätt noch emmer joot jejange“, sagt der Rheinländer.

In diesem Sinne trägt der Humor immer auch die „Signatur des Transzendenten“ und lässt unvollkommenes Leben als gelingendes Leben erscheinen.

Christine Hober, Dr. theol., arbeitet als Lektorin und Autorin. Sie lebt in Bonn, ist verheiratet und hat zwei Kinder.