1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

"Estnischer Tiger" lahmt vor Euro-Einführung

Als einziges EU-Mitglied tritt das kleinste der drei baltischen Länder 2011 der Eurozone bei. Brüssel belohnt damit vor allem das geringe Haushaltsdefizit Estlands. Doch die Balten-Republik hat auch Probleme.

Symbolbild Estland 2011 Euro-Einführung (Foto: DW)

Zum 1. Januar 2011 kommt die neue Währung

Estland, Lettland und Litauen: Die drei kleinen Baltenrepubliken haben sich seit Ende der 90er Jahre wirtschaftlich rasant entwickelt. Jährliche Wachstumsraten von bis zu zwölf Prozent wurden fast schon zur Gewohnheit in den häufig als "Tigerstaaten" bezeichneten Ländern. Als Musterknabe galt lange Zeit vor allem das kleinste der drei Ostseeländer: Estland, das aufgrund seiner Technik-Begeisterung den Namen "E-Stonia" verpasst bekam. Nun führt Estland als erster der drei baltischen Staaten zum 1. Januar 2011 den Euro ein. Doch von Partylaune keine Spur, denn die fetten Jahre des Booms sind vorbei im Baltikum, Euroeinführung hin oder her.

Anerkanntes Zahlungsmittel

Bei Marina Wolkowa ist der Euro schon angekommen. Die Marktfrau sitzt auf einem Höckerchen hinter ihrem Verkaufsstand am Tallinner Bahnhof und wartet auf Kundschaft. Ein Kilo estnische Gurken zum Beispiel bietet Marina für 25 Kronen an, auf das Preisschild hat sie gleich auch die Summe in der künftigen Währung geschrieben: 1 Euro 60. Die Preise müsse sie schon seit einem Jahr auch in Euro auszeichnen, erzählt sie. "Aber der Euro hilft uns auch nicht weiter, der treibt nur die Preise nach oben."

Tallinn Stadtansicht (Foto: C. Kersting)

Zwischen Tradition und Internetboom: die estnische Hauptstadt Tallinn

Zum Jahreswechsel aber werden 1,3 Millionen Esten sich verabschieden müssen von ihrer Krone, die fast 20 Jahre lang auch ein Symbol war für die endlich errungene Unabhängigkeit nach dem Ende der Sowjetunion. Seitdem hatte das technikbegeisterte Estland einen Wirtschaftsboom sondergleichen erlebt. Das Land wickelte früher als andere seinen gesamten Geldverkehr über Computer ab, die Verwaltung wurde auf das Internet umgestellt. Hinzu kamen neoliberale Marktreformen: Mit der so genannten Flat Tax etwa gilt in Estland ein einheitlicher Einkommenssteuersatz von 22 Prozent.

Niedriges Defizit

Doch die globale Krise ließ auch den "estnischen Tiger" lahmen: 2009 schrumpfte die Wirtschaft um satte 13 Prozent. Dass Estland nun trotzdem den Euro bekommt, liegt vor allem am niedrigen Haushaltsdefizit, das auch in den vergangenen zwei Jahren stets deutlich unter der Maastricht-Grenze von drei Prozent lag. Zudem ist die Krone schon seit 2004 fest an den Eurokurs gebunden. Die Währungsumstellung habe deshalb vorrangig einen psychologischen Effekt, betont der estnische Präsident Toomas Hendrik Ilves. Allzu häufig werde das Baltikum von außen als Einheit gesehen. "Wenn Lettland Probleme hat, heißt es dann: Krise im Baltikum", moniert Ilves. Der Euro schaffe da ein differenzierteres Bild.

Tatsächlich hätte Lettland 2009 ohne Milliarden-Kredite des IWF und der EU der Staatsbankrott gedroht. Auch das größte lettische Geldinstitut, die Parex-Bank, wurde nur durch Verstaatlichung vor dem sicheren Aus bewahrt.

Über die Verhältnisse gelebt

Verkaufsangebot im Gebäudefenster (Foto: C. Kersting)

"Zu verkaufen" - gewerbliche Immobilien sind derzeit wenig gefragt

Aber auch in Estland gibt es inzwischen Probleme. Nicht nur viele Menschen auf der Straße, auch unabhängige Wirtschaftsexperten sehen die Lage in Estland kritisch. Man hätte auch ohne die globale Krise Probleme bekommen, weil die Menschen ganz einfach über ihre Verhältnisse gelebt hätten, sagt etwa Rainer Kattel von der Technischen Universität Tallinn. In den Hochzeiten des Booms hätten Banken Kreditzusagen per SMS verschickt – häufig ohne zuvor die Bonität der Leute ernsthaft zu prüfen.

"Im Prinzip ist die Lage im Baltikum nicht großartig anders als in Griechenland oder Spanien. Wir haben zwar nicht diese hohe Verschuldung, dafür in Estland aktuell 18 Prozent Arbeitslose." Laut Kattel hätte man die Krone alternativ zur Euroeinführung durchaus abwerten können, denn was Estland jetzt erlebe, sei quasi eine interne Abwertung mit gekürzten Löhnen.

Wohin sich Estland entwickelt, da ist der Wirtschaftsexperte skeptisch. Die Krise sei längst nicht vorbei, viele Menschen würden noch Jahre unter einer immensen Schuldenlast leiden. "Ich fürchte, dass große Teile Estlands mehr und mehr entvölkert werden, weil die Menschen von dort in die Städte oder ganz wegziehen."

Autor: Christoph Kersting

Redaktion: Klaus Ulrich

Audio und Video zum Thema