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Fokus Osteuropa

Estnisch-russische Beziehungen: Ängste und Misstrauen bleiben

Vor einem Jahr wurde Tallinn von Massenunruhen erschüttert, hervorgerufen durch den Streit um die Verlegung einer Gedenkstätte für sowjetische Soldaten. Die Diskussion über eine Spaltung der Gesellschaft dauert an.

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Gedenkstätte an neuem Ort

Derzeit finden in Tallinn Veranstaltungen statt, die den Ereignissen vor einem Jahr gewidmet sind: Kleine Mahnwachen der Gegner der Verlegung der Gedenkstätte, zu denen sich mehr Journalisten als Teilnehmer einfinden, aber auch einige Diskussionsforen. Der Historiker David Vseviov sagte im Gespräch mit der Deutschen Welle am Rande des Forums "Bürgerfrieden: Rückblick auf April 2007", die Ereignisse der "Bronzenen Nacht", wie man sie heute in Estland nennt, habe dem Mythos ein Ende gesetzt, wonach Estland friedlich die Unabhängigkeit erlangt und die Gesellschaft sich friedlich transformiert habe: "Plötzlich flogen Steine. Also ein gewisser Mythos, auf den wir uns stützten, nachdem wir uns als einzigartig angesehen hatten, war plötzlich weg."

Lasten der Transformationszeit

Die Soziologin Iris Pettai, die ebenfalls an der genannten Veranstaltung teilnahm, wies auf die Schwierigkeiten der Transformationszeit hin, von denen die Esten betroffen waren. Aber eine noch größere Last habe die russischsprachige Bevölkerung des Landes zu tragen gehabt: "Man musste die estnische Sprache erlernen. Vor 18 Jahren war der Anteil unter der nicht-estnischen Bevölkerung, die des Estnischen mächtig war, sehr gering, er erreichte maximal 15 bis 20 Prozent. Hinzukam, dass man gleich die Kategorie 'Bürger Estlands' schuf. Und diejenigen, die nicht Bürger Russlands sein wollten, weil sie in Estland geboren waren und sich als vollberechtigte Einwohner des Landes betrachteten, erhielten einen so genannten Ausländer-Pass, was für sie natürlich erniedrigend war."

Integration geht über Sprache hinaus

Das erste Programm zur Integration der nicht-estnischen Bevölkerung, das vor acht Jahren beschlossen wurde, zielte vor allem auf das Erlernen der estnischen Sprache ab. Dasselbe Ziel hat auch das zweite Integrations-Programm, das von der Regierung des Landes in diesem Jahr gestartet wurde.

Der Soziologin Iris Pettai zufolge ist das Programm jedoch unzureichend, denn die Mehrheit der russischsprachigen Jugend sei des Estnischen mächtig: "Wenn man Estnisch sehr gut erlernt hat, dann muss man noch wissen, wie man mit den Esten umgehen soll, damit die Esten einem vertrauen, beispielsweise wenn man in einem estnischen Betrieb arbeiten möchte. Die russischsprachige Jugend ist sich dessen bewusst, dass trotz der Kenntnis der estnischen Sprache die Gesellschaft für sie in vielerlei Hinsicht verschlossen ist."

Ängste der Esten, Misstrauen der Russen

Pettai meint, auch die Esten müssten an sich selbst arbeiten. Die Erfahrung anderer Länder habe gezeigt: Menschen würden nicht als tolerant geboren, man müsse ihnen gegenseitige Akzeptanz beibringen. Dem stünden die heutigen politischen Realitäten, aber auch Ängste aus der Vergangenheit im Wege: "An erster Stelle steht folgende Angst: Wir sind zahlenmäßig so gering, dass unsere Sprache und Kultur verschwinden, wenn wir den Russen erlauben, hier Russisch zu sprechen. Das sei gefährlich. Aber ich persönlich halte dies nicht für gefährlich. An zweiter Stelle steht die Angst vor Russland. Russland ist so groß, es könnte uns jederzeit wieder besetzen. Jüngste Umfragen haben ergeben, dass 80 Prozent der Esten diese Angst teilen", berichtet Pettai.

Auf der anderen Seite sehen laut einer Umfrage des Jurij Lewada-Forschungszentrums 60 Prozent der Russen in Estland den Hauptfeind Russlands. Diese Umfrage wurde gleich nach den Unruhen in Tallinn und der Blockade der estnischen Botschaft in Moskau durchgeführt.

Gesellschaft gespalten?

Wie dem auch sei, der Historiker David Vseviov ist nicht der Ansicht, dass die Ereignisse der "Bronzenen Nacht" die Gesellschaft nach ethnischen Kriterien gespalten haben: "Ich sehe in der Gesellschaft keine Spaltung in Esten und Russen. Ich sehe eine Spaltung in Menschen, die nachdenken und wo die ethnische Zugehörigkeit keine Rolle spielt, und in Menschen, die leicht manipulierbar sind. Die ethnische Zugehörigkeit ist eine reine Hülle und es ist eine ganz andere Sache, womit sie aufgefüllt wird. Deswegen würde ich nicht von einem ethnischen Konflikt sprechen. Meiner Meinung nach ist es ein Konflikt zwischen denkenden und nicht denkenden Menschen." Das, sagt Vseviov, gelte nicht nur für Politiker in Estland.

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