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Europa

Estland führt den Euro ein

Zum Jahreswechsel hat sich der Kreis der Euro-Staaten wieder erweitert: Die Gemeinschaftswährung ist nun auch in Estland offizielles Zahlungsmittel. Die Regierung zeigt sich begeistert - im Gegensatz zu manchem Bürger.

Die estnischen Euro-Münzen (Montage: DW)

Estnische Euro-Münzen zeigen den baltischen Staat auf der Rückseite

Estlands Regierungschef Andrus Ansip zog symbolisch den ersten neuen Geldschein aus einem Geldautomaten, der eigens dafür vor der Oper in der Hauptstadt Tallinn aufgestellt worden war. Der Euro tritt an die Stelle der estnischen Krone, die wiederum 1992 den sowjetischen Rubel nach der Unabhängigkeit der Baltenrepublik ersetzt hatte.

Anders als seine Nachbarn Lettland und Litauen erfüllte Estland die Bedingungen für einen Beitritt zur Euro-Zone mit einem annähernd ausgeglichenen Staatshaushalt und geringen öffentlichen Schulden. Von den ost- und zentraleuropäischen Ländern, die 2004 in die EU aufgenommen wurden, haben bisher nur Slowenien und die Slowakei ebenfalls dieses Ziel erreicht.

Doch so mancher Este...

Anti Poolamets mit einem Plakat (Foto: DW)

Anti Poolamets hält den Euro für die Titanic der Währungen

...ist vom Euro alles andere als begeistert: "Mein Opa", so erzählt Anti Poolamets, "hat acht Währungen erlebt. Drei Währungen während der Revolutionszeit, die Krone in den Zwanziger Jahren, Besatzungsgeld während der Nazizeit, verschiedene Rubel in der Sowjetunion, dann wieder die estnische Krone - und jetzt also der Euro!" Anti Poolamets, Jurist und Historiker aus Tallinn, kämpfte gegen die europäische Gemeinschaftswährung. Er wollte die Krone behalten, die er als Symbol der Unabhängigkeit seines jungen Staates ansieht.

"Wer die Währung herausgibt, hat die Macht", meint Poolamets, der im Internet eine Kampagne gegen den Euro organisierte. Seiner Ansicht nach hätte die estnische Regierung erst einmal abwarten sollen, ob sich der Euro aus seiner Krise befreien kann.

Krone war nie unabhängig

Anti Poolamets ist im Finanzministerium durchaus bekannt. Die Pressesprecherin des Ministers verdreht beim Erwähnen seines Namens die Augen. Und Minister Jürgen Ligi wird nicht müde, die Argumente der Euro-Gegner zu zerpflücken. "Die estnische Krone war nie eine unabhängige Währung", so Finanzminister Jürgen Ligi. "Sie war von Anfang an an die Deutsche Mark und dann an den Euro gekoppelt. Wir haben den Wechselkurs in 18 Jahren nie verändert. Die Deutschen und die Eurozone haben unsere Währungspolitik gemacht und wir sind gut damit gefahren."

Die Einführung des Euro-Bargelds sei eigentlich nur ein kleiner Schritt und zeige möglichen Investoren, dass Estland seine finanzpolitischen Hausaufgaben gemacht hat. Die Staatsverschuldung ist die niedrigste in der gesamten EU. Nach einem bitteren Einbruch in der Wirtschaftkrise 2008 und 2009 wächst die Wirtschaft des baltischen Tigers Estland nun wieder. Die öffentlichen Haushalte wurden konsolidiert. Die Inflation, die 2007 noch die Einführung des Euros verhindert hatte, liegt unter den geforderten zwei Prozent pro Jahr.

Das Finanzministerium hat Jürgen Ligi mit einem riesigen Euro-Plakat verkleiden lassen. "Der Euro wird für viele Jahre die Währung in Estland sein. Wir sind auch bereit, uns am Rettungsschirm für schwächelnde Euro-Staaten angemessen zu beteiligen", sagt der Finanzminister im DW-Interview. Nun wird er formal gleichberechtigt mit den Finanzministern der übrigen 16 Euro-Länder am Tisch sitzen und seine 1,3 Millionen Landsleute in Brüssel vertreten.

Die kranke Braut

Werbung für den Euro am Finanzministerium (Foto: DW)

Werbung für den Euro am Finanzministerium

In Umfragen unterstützte zuletzt eine knappe Mehrheit der Esten die Euro-Einführung, auch wenn viele Bürger mit dem neuen Geld noch fremdeln. "Diese ganzen Münzen sind sehr unbequem", stöhnt der Taxifahrer vor dem Finanzministerium. Bislang gab es die estnische Krone bei einem Kurs von 15 Kronen zu einem Euro hauptsächlich in Scheinen. Der Euro und die Cents kommen in dicken Münzen daher. "Ich werde ein neue Geldbörse und eine andere Kasse brauchen", so der Taxifahrer. Die Studentin Evelyn Tamm ist auch nicht so richtig begeistert. Zwar brauche sie auf Reisen nach Europa jetzt nicht mehr umzutauschen, aber diese ständige Umrechnerei im Kopf, wenn sie in den Laden in Tallinn geht, fällt ihr schwer. "Meine Mutter, die schon den Übergang vom russischen Rubel zur Krone mitgemacht hat, hat mir erzählt, dass man nach einigen Monaten aufhört umzurechnen. Mal sehen", sagt Evelyn Tamm.

Die Münzen sind für Maris Hellrand, eine Kommunikationsmanagerin in Tallinn, nicht das große Problem. Schließlich zahle man in Estland fast alles mit der Kreditkarte, auch kleine Beträge. Angesichts der Eurokrise müsse man schon fragen, ob es richtig sei, gerade jetzt "die kranke Braut" zu heiraten, sagt Maris Hellrand. Sie glaubt vielmehr, dass durch den Euro die Lebenshaltungskosten bereits im vergangenen Herbst drastisch gestiegen sind. Der estnische Finanzminister Jürgen Ligi schiebt die Preissteigerungen dagegen auf teure Lebensmittel und Energiepreise auf den Weltmärkten. Mit dem Euro habe das nichts zu tun.

Euro kein Teuro?

Tallinn (Foto: DW)

Kulturhauptstadt 2011: Tallinn

Diese Auffassung teilt Michael Stenner von der deutsch-estnischen Handelskammer in Tallinn. Die Regierung habe sehr darauf geachtet, die Preisbildung transparent zu machen. Er glaube nicht, dass es zu Preisaufschlägen bei Restaurants oder Hotels kommen werde, wie bei der Euro-Einführung in Deutschland 2002. Michael Stenner muss es wissen: Er führt selber ein Luxushotel in der Altstadt von Tallin.

Der Handel zwischen Estland und der Euro-Zone werde im Volumen nicht explodieren, so Michael Stenner. Dadurch, dass der Umtausch und komplizierte Banküberweisungen wegfielen, werde der Handel aber insgesamt einfacher. Vor allem zeige Estland möglichen Investoren, dass es weiter sei als die beiden anderen baltischen Staaten Litauen und Lettland, die mehr unter der Wirtschafts- und Finanzkrise leiden. "2011 haben wir ja auch einen Doppeleffekt: Die Euroeinführung und Tallinn als Kulturhauptstadt Europas. Das könnte mehr Besucher und Gäste nach Tallinn bringen."

Autor: Bernd Riegert
Redaktion: Christian Walz

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