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Europa

Estland bereitet Wanderarbeiter auf finnischen Markt vor

Seit das benachbarte Estland der EU angehört, suchen viele Esten Arbeit in Finnland. Die Spielregeln des finnischen Erwerbslebens erklären ihnen heimische Gewerkschaften in einem Infozentrum in Tallinn.

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Immer mehr Esten arbeiten in Finnland. Im Bild eine Mitarbeiterin einer finnischen Margarinenfabrik.

Die Idee des Informationszentrums war beim finnischen Gewerkschaftsverband SAK in Helsinki entstanden. Dessen Vertreter hatten seit Jahren festgestellt, dass ausländische Arbeitskräfte die Spielregeln des finnischen Arbeitslebens oft nur schlecht kennen - und daher häufig auch zum Opfer gewiefter Abzockfirmen werden.

So beantragten die Initiatoren Projektmittel bei der EU, und im Jahr 2002 wurde das Informationszentrum eröffnet. Dabei hatten die Finnen nicht zuletzt auch den eigenen Vorteil im Blick: Denn trotz einer Arbeitslosenrate von sieben bis acht Prozent herrscht in Finnland in vielen Branchen - vor allem im Schiffbau und im Bauwesen - Arbeitskräftemangel und deshalb großer Bedarf an ausländischen Mitarbeitern.

Viel mehr Lohn beim Nachbarn

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Beliebt bei ausländischen Arbeitskräften: Finnlands Hauptstadt Helsinki

Auf großen Anklang stieß die Tallinner Beratungsstelle insbesondere bei estnischen Arbeitskräften, denn vor allem die zieht es seit dem EU-Beitritt ihres Landes in den Nachbarstaat. Das liege an den finnisch-estnischen Unterschieden im Lohnniveau, der geographischen Nähe beider Länder und der engen Verwandtschaft der jeweiligen Sprachen, glaubt Berater Kalev Liibert. Über einen Mangel an Anfragen könne sich das Informationszentrum jedenfalls nicht beklagen, berichtet er: "Viele erkundigen sich nach dem gültigen Tariflohn einer Branche in Finnland, oder suchen Rat wegen nicht gezahlter Lohnzulagen oder Unklarheiten bei der Lohnsteuer." Mitunter zeigten die Esten den Mitarbeitern im Infozentrum auch einfach ihre Arbeitsverträge und fragten, "ob alles in Ordnung ist".

Esten lernen finnisches Gewerkschaftssystem kennen

Neben der Beratung geht es den Betreibern des Informationszentrums auch um eine engere Zusammenarbeit mit den estnischen Gewerkschaften. Im Gegensatz zu Finnland, wo über 90 Prozent der Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert sind, sind es in Estland nur rund 14 Prozent. Dort habe Gewerkschaftsarbeit einen schweren Stand, sagt Kyntälä - einerseits, weil die estnischen Gewerkschaften noch unter dem Image der Sowjetzeit litten, andererseits, weil in Estland eine "ultraliberale" Marktwirtschaft herrsche.

Der Berater nennt ein Beispiel: "Das estnische Parlament behandelt gerade einen Gesetzentwurf über die Stellung der Vertrauensleute in Unternehmen. Darin heißt es, dass Vertrauensleute keiner Gewerkschaft angehören sollten." Es scheine darum zu gehen, so Kyntäla, "die Gewerkschaftsarbeit in den Firmen soweit wie möglich einzuschränken."

Anfragen von Arbeitgebern beider Länder

Vor diesem Hintergrund will das Informationszentrum nach eigener Aussage korrekt und objektiv über die Rolle der Gewerkschaftsbewegung in den nordeuropäischen Ländern informieren - und keine Gewerkschaftspropaganda betreiben, wie Eva Kyntälä betont: "Wir predigen nicht. Wir zeigen auf, welchen Nutzen die Gewerkschaftsarbeit hat - und dass Gewerkschaften in Finnland ein fester Bestandteil des Arbeitslebens sind."

Nicht nur unter estnischen Arbeitnehmern hat sich die Beratungsstelle mittlerweile herumgesprochen: Auch Anfragen von Arbeitgebern beider Länder sind keine Seltenheit. Die Erfahrungen mit dem Informationszentrum sind so positiv, dass die finnische Gewerkschaft jetzt auch ohne EU-Finanzunterstützung die Beratungsarbeit weiter betreibt.

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