Essener Tafel: Passkontrolle bei der Armenspeisung | Deutschland | DW | 24.02.2018
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Armut

Essener Tafel: Passkontrolle bei der Armenspeisung

Nahrungsmittel nur für Deutsche? Die Essener Tafel steht seit Tagen in der Kritik. Doch die Hilfsorganisation wehrt sich gegen Vorwürfe, fremdenfeindlich zu sein, und beruft sich auf Bedürftige. Von Carla Bleiker, Essen.

Es ist ein eisiger Nachmittag in Essen. Kinder rennen um die noch immer kahlen Bäume. Erwachsene stehen am imposanten historischen Wasserturm Schlange, tief in ihre Mäntel gehüllt. Sie sind nicht zum Spaß an der frischen Luft - die rund 30 Menschen warten darauf, Einlass in die zentrale Ausgabestelle der Essener Tafel zu bekommen. Hier werden kostenlos Lebensmittel verteilt, die Supermärkte nicht mehr verkaufen können, weil das Haltbarkeitsdatum knapp überschritten ist.

Deutschlandweit gibt es mehr als 930 Einrichtungen dieser Art, die - privat organisiert - Menschen in Not helfen. Gerade erst gab es ein Jubiläum: Vor 25 Jahren wurde die erste Tafel gegründet. Doch die Essener sorgen im Moment aus anderem Grund für Schlagzeilen. Es geht darum, wer zur Essensausgabe darf und wer nicht.

Alle Tafeln haben gemeinsam, dass nur Menschen versorgt werden, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Wer zum Beispiel Arbeitslosengeld bekommt, darf sich mit übrig gebliebenem Obst und Gemüse, Brot und Käse oder anderen Nahrungsmitteln eindecken.

Gemüse im Ausgaberaum der Essener Tafel (DW/C. Bleiker)

Ausgaberaum der Essener Tafel: Kein deutscher Pass, kein kostenloses Essen

Mit einem entsprechenden Nachweis kann man sich dort anmelden und erhält eine einjährige Mitgliedskarte, mit der man einmal pro Woche zu einer bestimmten Uhrzeit vorbeikommen darf. In Essen gibt es aber derzeit eine weitere Hürde: Wer eine neue Mitgliedskarte haben will, muss Deutscher sein. Ausländer bekommen diese vorerst nicht mehr - kein deutscher Pass, kein kostenloses Essen.

Probleme mit ausländischen jungen Männern

Die umstrittene Neuregelung gilt schon seit Dezember. Doch erst als lokale Medien darüber berichteten, zog die Sache immer weitere Kreise und ein Sturm der Entrüstung brach los. Als Jörg Sartor, der Vorsitzende der Essener Tafel, spontan zu einer Pressekonferenz einlud, war der Andrang immens.

Jörg Sartor (picture alliance/dpa/R. Weihrauch)

Tafelchef Sartor: "Werdet Euch selber einig"

Kamerateams und Reporter drängten sich im Büro der Organisation und Sartor war wechselweise damit beschäftigt, Kaffee an die Journalisten auszuschenken und das Vorgehen der Tafel zu verteidigen. "Ich verstehe die ganze Aufregung nicht", sagt der 61-Jährige. Keiner aus dem Tafelteam sei fremdenfeindlich.

Aber insbesondere mit vielen ausländischen jungen Männern, die in die verschiedenen Ausgabestellen kamen, habe es Probleme bei der Essensausgabe gegeben. Andere Bedürftige, wie zum Beispiel Rentnerinnen, hätten sich nicht mehr wohlgefühlt und seien einfach weggeblieben. Er sei mehrfach angesprochen worden, weil es zu oft Drängeleien gab, so Sartor. "Die schubsen immer, da ist Theater", hätten sich andere Bedürftige beklagt.

Nach Sartors Angaben sind Dreiviertel derjenigen, die zur Essener Tafel kommen, Ausländer. Er wolle sich nicht hinstellen und Polizei spielen: "Ich sage immer: 'Werdet Euch selber einig.' Die sollen sich untereinander vernünftig benehmen. Und dieses vernünftige Benehmen untereinander geht meiner Meinung nach nur, wenn es ein ausgewogenes Verhältnis von Deutschen und Ausländern gibt." Der gesamte Vorstand entschied daraufhin, die hohe Zahl der ausländischen Besucher zu senken - die Idee von der Passkontrolle war geboren.

Verhinderung von Verschwendung

Horst ist Rentner. Er gehört zu den Bedürftigen, die Woche für Woche vor der Essener Tafel auf Lebensmittel warten. Er verstehe, dass die neue Regelung für einige nachteilig sei. Aber sie sei aus seiner Sicht dennoch berechtigt. Auch ihm sei aufgefallen, wie viele Menschen in der Schlange vor der Essensausgabe aus dem Ausland kommen, zum Beispiel aus Russland, Polen oder Afrika.

Eingang zur Tafel in Essen (DW/C. Bleiker)

Eingang zur Tafel in Essen: Oft Drängeleien

"Die können manchmal frech werden, zum Beispiel wenn einige zu spät zu ihrer Abholzeit erscheinen." Sie würden dann versuchen, sich vorzudrängeln. "Ich denke, wir sollten alle dankbar sein, dass es so ein Angebot überhaupt gibt", fordert Rentner Horst von allen Tafelnutzern.

Ein wichtiges Anliegen der Tafeln ist es, die Verschwendung von Nahrungsmitteln zu reduzieren. Freiwillige holen bei Supermärkten, Bäckereien und anderen Geschäften übrig gebliebene Lebensmittel ab, die sonst auf dem Müll landen würden. Sie seien nicht dafür verantwortlich, drohenden Hunger zu bekämpfen, sagt der Essener Tafelchef Sartors. Das sei Aufgabe des Staates. Dennoch wirbt die Essener Tafel auf ihrer Eingangstür mit dem Spruch "Gegen den Hunger in unserer Stadt".

Das Ziel sei aber ein anderes: "Wir unterstützen Menschen in Not, damit sie mit dem Geld, das sie bei Lebensmitteln sparen, ihre Kinder vielleicht einmal ins Schwimmbad oder ins Kino mitnehmen können", sagt Jörg Sartor. Sollte hierzulande jemand verhungern, nur weil die Tafel nicht mehr existiere, würde in Deutschland etwas sehr Grundsätzliches schief laufen.

Essener Tafel (picture alliance/dpa/R. Weihrauch)

Bedürftige auf dem Weg zur Lebensmittelausgabe: "Dankbar sein, dass es so ein Angebot gibt"

Deshalb sieht der Vorsitzende kein allzu großes Problem darin, Ausländer von der Neuregistrierung auszuschließen. Das Verbot solle ohnehin nur noch sechs bis acht Wochen bestehen - jedenfalls nicht bis in den Sommer hinein, sagt Sartor.

"Das macht mich traurig"

Diese Ankündigung hilft der Französin Carole aktuell aber nicht weiter. Die allein erziehende Mutter von zwei Kindern kam vor zwei Wochen zur Tafel, um eine Mitgliedskarte zu beantragen - und wurde abgewiesen. Jetzt steht sie für eine schwangere Freundin Schlange, um auf deren Karte Lebensmittel abzuholen. "Das macht mich traurig", sagt sie. "Ich bin seit Jahren in Deutschland und habe einen EU-Pass, aber ich bekomme kein Essen." Carole hofft, dass das Verbot doch schneller aufgehoben wird, als angekündigt.

Tafelchef Jörg Sartor sieht seine Organisation jedenfalls auf dem richtigen Weg. Der Anteil der Mitgliedskartenbesitzer ohne deutschen Pass sei seit der Einführung der neuen Regelung im Dezember bereits von 75 auf 71 Prozent gesunken, verkündet er stolz. Aus Sicht des Vorstands der Essener Tafel ist die umstrittene Maßnahme also ein Erfolg.

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