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Wirtschaft

Essen wie in der Heimat

Mehr als 15 Millionen Menschen in Deutschland sind eingewandert oder haben ausländische Eltern. Die Suche nach den Zutaten für ihr Lieblingsrezept ist oft nicht mit einem Gang in den normalen Supermarkt erledigt.

Tomatenmark aus der Türkei ist dickflüssiger und saftiger (Foto: Deselaers)

Tomatenmark aus der Türkei ist dickflüssiger und saftiger (Foto: Deselaers)

Knoblauchwurst als besondere Spezialität in einem türkischen Supermarkt (Foto: Deselaers)

Knoblauchwurst als besondere Spezialität in einem türkischen Supermarkt (Foto: Deselaers)

Tomatenmark muss dickflüssiger sein. Und saftiger. "Das ist bei den Deutschen anders", sagt Mustafa Kizilgedik. Er kennt den besonderen Geschmack seiner Landsleute. Er leitet einen türkischen Supermarkt in Berlin-Neukölln.

Am Samstagmorgen sind alle vier Kassen geöffnet, am Ende der Fließbänder werden die Einkäufe den Kunden zügig in dünne, orange Plastiktüten gepackt. Trotzdem reicht die Schlange der Kunden einige Meter in den Laden hinein und zieht sich zwischen Fünf-Kilo-Säcken Reis und getrockneten Kichererbsen in Richtung Kühlregal. Rund zwei Drittel der Kunden sind türkisch, sagt Kizilgedik. Rund ein Fünftel sei arabisch oder stamme aus dem ehemaligen Jugoslawien. Nur jeder zehnte Kunde sei deutsch.

Luft aus der Heimat

In dem türkischen Supermarkt am Kottbusser Damm an der Grenze zwischen den Berliner Stadtteilen Kreuzberg und Neukölln werden vor allem die Produkte gekauft, die es nur in den türkischen Läden gibt. Zum Beispiel Seidenhelva. Weiße und braune Zuckerwatte-Bällchen mit Kakao- und Vanillegeschmack. "Einfach Luft aus der Heimat“, sagt ein Kunde aus der Türkei. Es gebe im Moment in Deutschland nichts, was es in der Türkei nicht gibt: "Man hat einfach nicht mehr diese Sehnsucht nach der Heimat. Das gefällt uns."

Knapp jeder fünfte Einwohner Deutschlands ist ausländischer Herkunft, ist also entweder selbst zugewandert oder Kind von Migranten. Statistiker sprechen von Menschen mit Migrationshintergrund. Jeder zehnte Einwohner Deutschlands hat einen ausländischen Pass. Onkel Mehmet statt Tante Emma

Auf vielen der vermeintlich türkischen Produkte steht "Made in Germany". Sie werden von deutsch-türkischen Firmen hergestellt und vertrieben. Insgesamt verkaufen die türkischen Einzelhändler, die so genannten Onkel-Mehmet-Läden, jedes Jahr Waren für rund zehn Milliarden Euro. Vor allem in großen Städten haben sie mittlerweile die Tante-Emma-Läden ersetzt.

Sonderangebot in einem türkischen Supermarkt (Foto: Deselaers)

Sonderangebot in einem türkischen Supermarkt (Foto: Deselaers)

Den speziellen Geschmack und die besonderen Bedürfnisse der Einwanderer wollen nun auch zunehmend große deutsche Discounter bedienen. Die Supermarktketten bieten immer wieder in Sonderaktionen türkische Produkte an. Aber auch im dauerhaften Sortiment tauchen verstärkt Produkte auf, die speziell Migranten ansprechen.

Migration und Konsum

Die Rewe-Gruppe überlässt die Auswahl solcher Produkte den einzelnen Märkten. "Wenn wir eine spezielle Zielgruppe haben, die auch einen speziellen Geschmack hat und bestimmte Produkte benötigen, werden wir uns vor Ort immer bemühen, uns mit unserem Angebot darauf einzustellen", sagt Pressesprecher Wolfram Schmuck. So gebe es in Frankfurt am Main ein größeres Angebot an indischen Produkten, in Hannover stünden wegen der großen Zahl türkischer Kunden entsprechende Waren im Regal. In Köln liegt der Fokus auf italienischen Einwanderern.

Onno Hoffmeister von der Universität Hamburg hat sich wissenschaftlich mit Migration und Konsum befasst. Integration und eigene Konsumgewohnheiten sind kein Widerspruch: Wenn sich russisch-sprachige Migranten in Deutschland stark mit anderen Einwanderern aus Russland vernetzen, dann könnten sie sich leichter in die Gastgesellschaft integrieren, sagt er: "Das würde dann dafür sprechen, dass auch sehr gut integrierte Migranten weiterhin den Pelmeni - russische Teigtaschen - gerne essen." Pelmeni für gut integrierte Einwanderer

In den Berliner Supermarkt kommen viele Kunden auch aus religiösen Gründen. Vor allem an die Fleischtheke. Wegen eines kleinen grünen Logos mit arabischer Schrift: "Die wollen das sehen, und die fragen nach: Ist das richtig halal, oder ist das nur ein Symbol.“ Halal bedeutet, dass die Produkte den islamischen Essensbestimmungen entsprechen. Dazu müssen die Tiere auch entsprechend geschlachtet werden.

Die Einhaltung der islamischen Schlachtvorschriften hat aber auch für andere Kunden eine - wenn auch kulinarische - Bedeutung, sagt ein deutscher Kunde, der mit einer Geflügelwurst den Laden verlässt. "Die ist halal geschlachtet, das hat eine viel bessere Qualität als im deutschen Supermarkt.“ Außerdem sei der Service in dem türkischen Markt besser.

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