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Aktuell Welt

Eskalation der Gewalt in Ägypten

Nach der blutigen Räumung der islamistischen Protestlager droht Ägypten in Chaos und Gewalt zu versinken. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Kairo wurden bei den schweren Unruhen 278 Menschen getötet.

Im Morgengrauen waren Armee und Polizei mit einem Großaufgebot angerückt, um die beiden Lager zu erstürmen, die die islamistische Muslimbruderschaft aus Protest gegen die Absetzung des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi durch das ägyptische Militär am 3. Juli errichtet hatte. Planierraupen walzten die Zelte nieder. Die Polizei ging mit Tränengas gegen die tausenden Demonstranten vor.

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Kriegsszenen in Kairo

Die Islamisten schleuderten Steine und Flaschen auf die Sicherheitskräfte, später wurde von beiden Seiten scharf geschossen. Das Fernsehen zeigte Aufnahmen von Sicherheitskräften, die von Dächern aus das Feuer eröffneten. Auf TV-Bildern war aber auch zu sehen, wie Mursi-Anhänger hinter Sandsackbarrikaden verborgen mit halbautomatischen Waffen auf Soldaten feuerten.

Nach der Räumung der Protestlager kam es in Kairo und anderen ägyptischen Städten zu einer Explosion der Gewalt. Anhänger Mursis und der Muslimbrüder stürmten öffentliche Gebäude in mehreren Provinzen. Zu Ausschreitungen kam es unter anderem in Alexandria, Assiut und Suez. Radikale Islamisten attackierten mehr als ein Dutzend Kirchen der koptischen Christen. Das christliche Nachrichtenportal "Wataninet" meldete, ein Kloster in der Provinz Minia sei vollständig zerstört und geplündert worden. Kopten gehörende Nil-Ausflugsschiffe und Geschäfte seien verwüstet worden. Die Islamisten werfen den Kopten vor, auf Seiten des Militärs zu stehen.

Angesichts der Ausweitung der Unruhen rief die Übergangsregierung für einen Monat den Notstand aus. In den großen Städten wurde eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Der Zugverkehr von und nach Kairo wurde unterbrochen, um eine Ausweitung der Proteste zu verhindern.

Der liberale Vizepräsident Mohammed ElBaradei, der sich für eine politische Lösung des Machtkampfes eingesetzt hatte, reichte aus Protest gegen die Gewalt seinen Rücktritt ein. Er könne nicht länger "Verantwortung für Entscheidungen übernehmen, mit denen ich nicht einverstanden bin", schrieb ElBaradei an Übergangspräsident Adli Mansur. Auch Großimam Ahmed al-Tajjeb von der Kairoer Al-Aschar-Universität, der zuletzt das Militär unterstützt hatte, distanzierte sich von der Gewalt.

Tausende Demonstranten auf den Straßen (Foto: Matthias Sailer / DW)

Tausende Demonstranten auf den Straßen

Hingegen bescheinigte Übergangs-Regierungschef Hasem al-Beblawi der Polizei, bei der Räumung der Protestcamps zurückhaltend vorgegangen zu sein. Er betonte, die Räumung der Lager der Islamisten sei alternativlos gewesen. Der Staat sei zum Handeln gezwungen gewesen, um die Sicherheit zu gewährleisten. Bei einem solchen Chaos wie derzeit wäre zudem wirtschaftlicher Fortschritt nicht möglich, sagte al-Beblawi. In einer Erklärung des Außenministeriums in Kairo hieß es, man bedauere das Blutvergießen. Die Regierung habe jedoch keine andere Wahl mehr gehabt, als die Polizei zur "Durchsetzung des Rechts" aufzufordern.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums sind unter den landesweit 278 Todesopfern der Unruhen 43 Angehörige der Sicherheitskräfte. Rund 2000 Menschen seien verletzt worden. Die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi gaben die Zahl der Toten mit mehr als 2200 an. 10.000 Menschen hätten Verletzungen erlitten. Die Muslimbrüder riefen trotz des Blutvergießens ihre Anhänger zu neuen landesweiten Protesten auf.

wl/se (dpa, rtr, afp)

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