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Digitales Leben

Escape Games: Nur dein Verstand bringt dich raus

Life Escape Games sind in der Wirklichkeit angekommen: Menschen lassen sich in einen Raum einsperren und knacken Rätsel, um den Weg nach draußen zu finden, Bomben zu entschärfen, Katastrophen zu verhindern.

Der Raum ist düster beleuchtet, das Licht reicht kaum bis in die Ecken. In einer steht eine Figur im ABC-Schutzanzug mit einer Gasmaske vor dem Gesicht. Überall stehen Flaschen in den verschiedensten Größen. Rote, gelbe und grüne Flüssigkeit schwappt darin. Verbeulte Tonnen und Kanister türmen sich vor der rußgeschwärzten Wand.

Der 15-jährige Miro hält ein Kryptex - eine Art antikes Zahlenschloss - ins Licht, dreht es, zieht und rüttelt daran. Vergeblich. Die Enden der schmalen Messingröhre bleiben verschlossen. Nur mit dem richtigen Lösungswort lässt sie sich öffnen. Die Zeit drängt. Hinter Miros Schulter hängt eine Digitaluhr an der Wand und zählt unerbittlich die Sekunden herunter. Wenn sie bei Null ankommt, geht die Bombe hoch und die Chemikalien des verrückten Professors werden Berlins Trinkwasser verseuchen. Miro, sein zwei Jahre jüngerer Bruder Timon und Mutter Sandra Eckstein wollen das verhindern. Deshalb stehen sie in der Laborküche des Chemikers und lösen ein Rätsel nach dem anderen.

Berlin Spiel Exit Game

Vorsicht beim Kabelziehen! Sonst geht die Bombe hoch.

Wie ein PC-Spiel in echt

Zum Glück ist alles nur Show. Die Flüssigkeiten sind nur gefärbtes Wasser, der ABC-Schutzanzug stammt aus dem Military-Shop. Die Familie spielt ein sogenanntes Live Escape Game. Ursprünglich kommen Escape Games aus der digitalen Welt. Es sind Browser-Spiele, bei denen man per Mausklick einen virtuellen Raum durchsucht. Da findet man etwa in einer Vase ein Taschenmesser, mit dem man den Boden einer Hutschachtel aufritzen kann und dort dann den Schlüssel für die Tür findet. In Japan wurden die Spiele erstmals ins wirkliche Leben geholt. Teams lassen sich in einen Raum einsperren und versuchen gemeinsam, den Weg nach draußen zu finden. In Asien ist diese Freizeitbeschäftigung längst Kult, jetzt kommt sie auch nach Deutschland.

Berlin Spiel Exit Game

Gründer Rael Hofmann überwacht das Spiel mit Babyfon.

In einer Zeitung las Rael Hoffmann davon und schickte seinen Kollegen Max Mühlbach zum Testen nach München, wo es schon einen Live Escape Room gab. Der kam begeistert zurück. Für die beiden stand fest: Das holen wir in die Hauptstadt. Sie gründeten Exit Berlin. "Wir hatten hier drei Räume frei und haben uns Rätsel ausgedacht, um sie mit Leben zu füllen", sagt Hoffmann. In ihre Räume wird allerdings niemand wirklich eingesperrt. "Manche finden das vielleicht ganz reizvoll, aber ich glaube, das ist einfach kein schönes Gefühl. Und was ist, wenn man mal auf die Toilette muss?" Also haben die beiden Gründer sich für die Spieler eine Mission ausgedacht: die Bombe des Chemikers entschärfen.

Überwacht vom Babyfon

Miro hat es inzwischen geschafft, das Kryptex zu öffnen. Doch darin findet sich kein Schlüssel, nur ein Blatt mit Klammern, Sternchen und Pluszeichen darauf. Jetzt heißt es Kopfrechnen - aber mit welchen Zahlen? Ein Tipp kommt vom Display an der Wand. Denn auf der Tafel erscheinen immer wieder Hinweise, geschrieben von Hoffmann. Der sitzt ein paar Zimmer weiter und kann via Kamera und Babyfon das Geschehen verfolgen. So kann er auch helfend eingreifen, wenn das Spiel ins Stocken gerät. "Rechne du mal", fordert Sandra Eckstein ihren Sohn Miro auf. "Ich kann gerade nicht rechnen, ich bin zu nervös."

Berlin Spiel Exit Game

Code für's Kryptex gesucht! Die Herausforderungen dürfen weder zu schwer noch zu leicht sein.

Die Rätsel haben Hoffmann und Mühlbach nach dem Prinzip "Try and Error" entwickelt. "Wir haben uns selbst eingesperrt und rumgesponnen", erzählt Hoffmann. "Das Schwierigste war, einen Mittelweg zu finden. Nicht zu schwer, aber auch nicht zu einfach, sodass die Leute nach 30 Minuten fertig sind." Wenn allerdings betrogen wird, helfen auch die ausgeklügeltesten Rätsel nichts. "Einer hat mal mit Gehör und Gefühl das letzte Zahlenschloss geknackt. Aber damit raubt er sich ja selbst die Spannung."

Spaß für Teamspieler

Life Escape Games gehören schon ins Programm von Touristen, Junggesellenabschieden oder Kegeltouren. Die Besucher: ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Familie Eckstein kommt aus der Schweiz und ist nur für ein paar Tage nach Berlin gefahren. "Wir haben einfach Highlights in Berlin gesucht und da erschien das ganz oben in der Trefferliste", erzählt Sandra Eckstein. Viele Spieler haben vorher noch nie von Live Escape Games gehört. "Aber manche haben es schon in anderen Städten gespielt und suchen ganz gezielt danach", berichtet Rael Hoffmann. "Das ist wie mit Leuten, die sich überall Fußballstadien ansehen."

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Die Uhr tickt. Die Spieler haben nur eine Stunde Zeit.

Inzwischen hat die Familie einen neuen Code herausgefunden. Miros Bruder Timon beugt sich über das Schloss an einer Holztruhe. "Mach hinne", drängelt seine Mutter. Nur wenige Minuten bleiben ihnen noch. Timon klappt den Deckel hoch und in der Truhe findet sich - nichts. Bis auf einen kleinen Stick. Doch wo soll der hineinpassen? Die Suche beginnt von vorn.

Am Ende gelingt es ihnen nicht, die Bombe zu entschärfen. Nicht untypisch - nur knapp drei Viertel aller Spieler erreichen dieses Ziel. Trotzdem würden Miro und Timon am liebsten gleich in den nächsten Raum stürmen und weiter rätseln. "Das war spitze", findet auch ihre Mutter. "Man fühlt sich manchmal ein bisschen hilflos, weil man überhaupt nicht auf die Idee kommt, was man eigentlich alles machen könnte. Und im Team arbeiten ist auch nicht unbedingt unsere Stärke. Aber es war ein gutes Experiment. Gibt’s das auch in der Schweiz?" Das Rätselfieber hat sie angesteckt.

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