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Sport

"Es werden noch bessere Spieler kommen"

Warum war die WM so defensiv? Sind die Deutschen wieder wer? Antworten von Christian Streich - einem der renommiertesten deutschen Nachwuchstrainer, der für den Bund Deutscher Fußballlehrer das WM-Finale beobachete.

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Christian Streich, ehemaliger Bundesliga-Spieler und A-Jugendfußballtrainer beim SC Freiburg

DW-WORLD.DE: Herr Streich, Deutschland ist eine der positiven Überraschungen dieser WM. Noch kurz vor dem Turnier ging die Angst vor der Blamage um, sogar die kurzfristige Ablösung von Jürgen Klinsmann wurde gefordert. Heute ist der Trainer eine Art Nationalheld. Wie konnte sich die Mannschaft so schnell so positiv wandeln?

Christian Streich: Klinsmann hatte vor der WM mehrere Wochen Zeit - und die Spieler standen vor sich selbst unter großem Druck. Die Spieler haben erkannt, dass sie individuell nicht die Möglichkeiten haben wie die Leistungsträger von England, Argentinien, Italien oder Brasilien. Also wurde viel über das Team Building gemacht. Die Spieler haben verstanden, dass sie nur gemeinsam etwas erreichen können. Dazu wurde wissenschaftlich gut gearbeitet: Viel und konzeptionell gut trainiert, aber auch die richtigen Ruhepausen eingehalten. Hinzu kam, dass sich Michael Ballack als absoluter Führungsspieler voll in den Dienst der Mannschaft gestellt hat. Da er seine Rolle eher defensiv interpretierte, gab er den Abwehrspielern ein großes Maß an Sicherheit.

Gerade die Abwehr galt als das ganz große Sorgenkind - sogar noch beim 4:2 im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica. Im zweiten Spiel sah das dann schon ganz anders aus. Wie schaffte es Klinsmann, innerhalb von kürzester Zeit die Abwehr so beeindruckend zu stabilisieren?

Gegen Costa Rica sind ja zwei Tore wegen einem Problem gefallen: Es gab keine Verbindung zwischen Mittelfeld und Abwehr. In der Viererkette wurde nicht die Linie gehalten, zweimal ist der rechte Verteidiger Arne Friedrich nach hinten gelaufen und hat das Abseits aufgehoben - das war relativ einfach zu beheben. Aber ich kenne den Assistenz-Trainer Jogi Löw persönlich sehr gut und ich weiß, dass er akribisch mit den Abwehrspielern gearbeitet hat. Er hat sich gezielt mit diesem Mannschaftsteil beschäftigt, immer und immer wieder Situationen simuliert - und gezeigt, wie man sich verhält. Ein Grund, dass es ab dem zweiten Spiel besser lief, war aber auch die defensivere Rolle von Michael Ballack. In der Regel haben mit ihm und Torsten Frings zwei Spieler defensiv vor der Abwehr gespielt, womit die Lücke zwischen Abwehr und Mittelfeld geschlossen werden konnte.

Defensive war ohnehin Trumpf bei dieser WM. Bei der Europameisterschaft 2004 wurde noch zum großen Teil mitreißend offensiv gespielt - wovon 2006 kaum noch etwas zu sehen war. Nur bei der WM 1990 fielen noch etwas weniger Tore als 2006. Woher diese Defensivtaktik?

Schwierig zu sagen. Fußball verläuft generell nicht zyklisch. Es ist natürlich einfacher, gut defensiv zu spielen als gut offensiv. Natürlich kennen sich die Mannschaften und die Spieler inzwischen so gut wie noch nie zuvor. Sogar fast alle Südamerikaner spielen in Europa - es gibt so gut wie keine Geheimnisse mehr. Man kann die besonderen Qualitäten der Offensivspieler lange im Voraus studieren und dann gezielt dagegen arbeiten. Man kann auch einen Ronaldinho aus dem Spiel nehmen, wenn zwei Defensivspieler immer wieder auf ihn drauf schieben. Besonders im Achtelfinale war dann aber der enorme Druck zu sehen - in der ersten K.O.-Runde auszuscheiden wäre für die ganzen Traditionsmannschaften wie England, Portugal und so weiter natürlich eine Blamage gewesen - aus dieser Angst wurde extrem defensiv gespielt.

Wird es in Zukunft immer so wenig Tore geben, wenn die Geheimnisse der Stürmer keine sind, die Räume immer enger werden, die Abwehrspieler immer besser?

Das wäre zu befürchten. Aber ich glaube, das Spiel reinigt sich selbst. Wahrscheinlich ist das eine Phase, wo defensiv gespielt wird. Irgendwann wird dann aber von den Medien Druck aufgebaut und es wird wieder Trainer geben, die nicht mit einem 0:0 zufrieden sind. Es wird eine neue Spielergeneration kommen. Es wird sich ein Prozess auslösen und es kann sein, dass bei der WM 2010 so viele Tore geschossen werden wie schon seit 30 Jahren nicht mehr.

Noch bis vor wenigen Jahren musste man sich extreme Sorgen um den deutschen Fußballnachwuchs machen. Bei der WM 2006 hatte Deutschland mit die jüngste Mannschaft - der nun glänzende Perspektiven zugeschrieben werden. Auch die jüngeren Jahrgänge sollen sehr gut besetzt sein. Hat Deutschland nun den erhofften Anschluss wieder gefunden?

Volker Finke (l), Trainer des Fußball-Bundesligavereins SC Freiburg, steht am Samstag (01.09.2001) mit Andreas Bornemann (r), Leiter der Freiburger Fuflballschule, vor dem Gebäude der Freiburger Fußbal

Volker Finke (l), Trainer des SC Freiburg mit Manager Andreas Bornemann vor der Freiburger Fußballschule

Es haben ja so viele Junge gespielt, weil uns eine komplette Generation von Spielern fehlt - besonders aus Westdeutschland. Es ist ja kein Zufall, dass Ballack und Bernd Schneider in der ehemaligen DDR groß wurden. Wir haben ein Jahrzehnt nicht genug investiert in die Jugendarbeit - und deswegen fehlte einfach die Breite. Durch die Nachwuchszentren, die für alle Profi-Vereine vorgeschrieben wurde, durch die Intensivierung der Jugendarbeit, ist heute schon die deutsche U-21 Mannschaft ausnahmslos mit Stammspielern aus den Bundesliga-Clubs besetzt. Vor sechs, sieben Jahren waren da nur Spieler, die in der Bundesliga-Saison bei ihren Clubs vielleicht auf drei Einsätze kamen. Heute gibt es in der Bundesliga 30 Stammspieler unter 21. Deutschland hat den Anschluss gefunden - und dadurch relativieren sich die glänzenden Perspektiven dieser Mannschaft von 2006 erheblich. Ob die bei der nächsten WM alle auf dem Platz stehen werden, bezweifle ich - der Kader wird sich wesentlich verändern. Es werden noch bessere kommen, die jetzt 18 sind, dann aber 22, 23 sind und individuell stärker sein werden. Die Breite ist wesentlich besser geworden - und wenn das Fundament stimmt, werden aus dieser Breite immer wieder auch Spieler besonders hervorstechen. Perspektivisch kommen wir wieder auf Augenhöhe mit Frankreich, England, Italien - keine Frage.

Durch was wurde diese positive Entwicklung angestoßen?

Es war ein Problem, dass Deutschland 1990 Weltmeister wurde. Man hat angefangen an die Mär zu glauben, dass Deutschland sowieso gewinnt, dass Deutschland athletisch überlegen ist - was natürlich damals schon überhaupt nicht mehr stimmte. Auch die Spieler aus afrikanischen Ländern sind zum Beispiel topfit, physisch mindestens gleichwertig. Nach und nach wurden die Trainingsmethoden umgestellt, mehr Wert auf Technik gelegt, und seit ungefähr 1998 wurde die Nachwuchsarbeit beim DFB massiv reformiert. Es gibt nun über 300 Stützpunkte, jeder Profi-Club muss ein eigenes Jugendleistungszentrum haben, die Junioren Bundesliga wurde gegründet. Dazu wurde in anderen Ländern geschaut, wie die trainieren, etwa nach Frankreich, Italien und Argentinien. Man ist einfach vom hohen Ross herunter gekommen und hat sich den Notwendigkeiten des modernen Fußballs angepasst - aber man hat zehn Jahre gebraucht, um aus den eigenen Fehlern zu lernen.

Hat man bei den Leistungszentren von den Erfahrungen mit den Sportschulen der DDR profitiert?

Im Osten blieben ja einige Strukturen erhalten. In Dresden oder Jena haben die Jungs, acht-, neun-, zehn Mal Training pro Woche. Da die Kultus-Hoheit in Deutschland bei den Ländern liegt, haben wir aber ein Problem: Für uns in Baden-Württemberg ist es ganz schwierig, Sportklassen an den Schulen zu bilden - und den Jungs dadurch mehr Trainingszeiten zu geben. Das ist für uns Jugendtrainer ein Problem: Ein brasilianischer oder argentinischer Spieler hat mit 17 Jahren 20.000 bis 30.000 Stunden mit dem Ball verbracht - das ist für einen Europäer niemals aufzuholen. Das kann man mit einem Pianisten vergleichen: Wenn einer sechs Stunden pro Tag übt, ist er irgendwann besser, als jemand der drei Stunden übt - ob er mehr Talent hat oder nicht. Die Übungszeit zählt mehr, gerade auch im Fußball: Es ist so ein komplexes und schwieriges Spiel mit dem Fuß, den man ja normalerweise, anders als die Hand, nur zum Gehen benutzt. Man muss für sich sehr viel mit diesem Ball spielen - tausende, zehntausende von Stunden. Da sind die Südamerikaner voraus - haben aber natürlich dann andere Probleme. Ich kenne das aus Leistungszentren in Sao Paolo: Die Jungs spielen den ganzen Tag, haben dann abends um neun Uhr Schule - und schlafen dann natürlich ein. Das ist eine völlig andere gesellschaftliche Struktur. Wir müssen es hier hinbekommen, dass die Jungs Trainingszeiten bekommen - wie zum Beispiel in England bei Aston Villa, wo sie neun Mal pro Woche trainieren. Dort haben sie auch nur zwölf Stunden Schule pro Woche, bei uns sind es 33. Allerdings ist es den dortigen Jugend-Trainern auch ziemlich egal, was mit den Spielern passiert, die es nicht zum Profi schaffen. Das ist bei uns undenkbar.

Was ist das Anforderungsprofil für den modernen Profi?

Natürlich kann jeder Trainer eine Liste von Punkten aufzählen, die ein Spieler erfüllen muss, um auf Dauer auf hohem Niveau zu spielen. Es gibt ja durchaus Spieler, die ein paar Spiele ganz oben mithalten können, dann aber nicht mehr - weil sie nur eine überragende Qualität haben, auf die man sich einstellen kann. Es gibt aber noch etwas anderes: Beim FC Barcelona wird zum Beispiel bei den 12-, 13-jährigen nicht gemessen, wie groß diese Jungs mal werden. Das ist medizinisch möglich, und das machen eigentlich auch alle Clubs. In Barcelona ist etwas anderes wichtig: Sie sprechen dort vom "dritten Auge", das ein Spieler haben muss - das Auge, das zum Beispiel Riquelme am Hinterkopf hat. Der sieht auch in seinem Rücken, was der Gegenspieler tut. Das heißt: Ein Spieler braucht enorme Fähigkeiten an Antizipation und peripherem Sehen. Was sieht ein Spieler in welchem Moment und wie schnell kann er den Pass spielen? Das wird immer wichtiger, weil die Räume verstellt sind wie bei einem guten Schachspiel. Und dazu kommt natürlich noch überragende Technik und enorme Fitness. Im modernen Fußball müssen fünf Spieler laufen, damit zwei sich einen Pass zuspielen können.

Kann man das dritte Auge nicht auch Kreativität nennen?

Vielleicht. Kreativität muss immer hoch disziplinierter Arbeit vorausgehen. Wie bei Picasso, dessen Werk auch 90 Prozent Handwerk war und der Rest Ausdruck seiner Persönlichkeit, seiner Ideen. Bei Zidane ist das ganz ähnlich.

Selbst das Ausland ist begeistert von der deutschen Mannschaft. Haben Ihnen als Trainer die deutschen Spiele auch Spaß gemacht?

Ich war sehr erfreut, dass sie versucht haben offensiv zu spielen. Es gibt einige Spieler in der deutschen Mannschaft, die ein großes Herz und viel Empathie für das Spiel haben: Lahm oder Klose etwa. Sie waren eine Mannschaft, die ehrlichen, klaren Fußball gespielt hat und immer Tore erzielen wollte. Das gefällt auch im Ausland, wenn man Fußball mag - und natürlich noch mehr, weil viele Mannschaften, die bei der WM noch erfolgreicher waren, deutlich defensiver gespielt haben.

Was kann die deutsche Mannschaft jetzt aus dieser WM lernen?

Man darf die Ergebnisse nicht zu hoch hängen und auf keinen Fall in Selbstzufriedenheit verfallen. Die alten deutschen Attribute von physischer Überlegenheit und überlegenem Siegeswillen sind natürlich Unsinn - den hat von Togo bis Italien jede Mannschaft genauso, wenn der Charakter stimmt. Deutschland muss sich bemühen zu schauen, was die anderen Länder machen und sich damit auseinandersetzen, dann aber mit großem Selbstvertrauen auf die eigene Stärke agieren - wir haben inzwischen wieder sehr viele sehr gute Fußballer bei uns.

Christian Streich, 41, ehemaliger Bundesliga- Spieler ( u.a. bei Stuttgarter Kickers, SC Freiburg, FC Homburg), leitet die Freiburger Fußballschule, die bundesweit als Maßstab in der Nachwuchsförderung und in der Jugendarbeit gilt. Als Trainer der A-Junioren des SC Freiburg gewann er 2006 den DFB-Pokal und erreichte das Halbfinale der Deutschen A-Junioren Meisterschaft.

  • Datum 10.07.2006
  • Autorin/Autor Das Interview führte Sonia Phalnikar
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  • Permalink http://p.dw.com/p/8jyJ
  • Datum 10.07.2006
  • Autorin/Autor Das Interview führte Sonia Phalnikar
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