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Deutschland

Es war einmal in Gelsenkirchen

Wissenschaftler und Liebhaber haben sich auf dem Kongress der Europäischen Märchengesellschaft getroffen. Sie wollten zeigen, dass Märchen eine internationale Angelegenheit sind.

Japanische Märchenbücher (Foto: DW)

Japanische Märchenbücher: Märchen werden auf der ganzen Welt erzählt

Finnische, brasilianische, afghanische Märchen - es gibt sie überall. "In der russischen Version von Frau Holle taucht zwar ein männlicher Dämon auf, die Geschichte bleibt aber gleich", erläutert die Erzählforscherin Barbara Gobrecht. Märchen seien der Beweis dafür, dass sich Menschen in verschiedenen Ländern die gleichen Fragen stellten, zum Beispiel die nach dem Sinn des Lebens. "Es gibt kaum etwas, was die Menschen so verbindet und die Völkerverständigung derartig fördern könnte wie Märchen", ist Gobrecht überzeugt.

Logo der Europäischen Märchengesellschaft (Foto: Europäische Märchengesellschaft e.V.)

Die Vogelfrau ist das Logo der Europäischen Märchengesellschaft

Die Völkerverständigung fördern ist auch eines der Ziele der Europäischen Märchengesellschaft (EMG). Jedes Jahr richtet die Gesellschaft Kongresse zu ausgewählten Themen aus. In diesem Jahr drehte sich im Musiktheater in Gelsenkirchen alles um die Internationalität von Märchen. Die Ehrenpräsidentin der EMG, Ursula Heindrichs, ist nämlich sicher, "dass sich die Menschen weniger die Köpfe einschlagen würden, wenn sie wüssten, wie gleich sie doch in ihren Wurzeln und Märchen sind".

Die Europäische Märchengesellschaft gibt es seit mehr als 50 Jahren. Gegründet 1956 in Westfalen, gehören der Gesellschaft heute 2500 Wissenschaftler, Künstler und Märchenliebhaber an. Es gibt in Deutschland keinen Verein, der sich mit Märchen beschäftigt und mitgliedsstärker ist. Die EMG gibt zwei eigene Buchreihen heraus und nennt eine auf Märchen spezialisierte Bibliothek ihr Eigen. Diese wurde im fast 600 Jahre alten Kloster Bentlage im Münsterland eingerichtet. Kongresse wie der in Gelsenkirchen geben den Vereinsmitgliedern Gelegenheit zum Wiedersehen und Austausch.

Märchen in der Wissenschaft

Barbara Gobrecht (Foto: DW)

Als Erzählforscherin weiß Barbara Gobrecht, wie Märchen in anderen Ländern überliefert sind

Die Erzählforscherin Barbara Gobrecht ist aus der Schweiz nach Gelsenkirchen gekommen. Sie ist die Vorsitzende der Schweizerischen Märchengesellschaft und lehrt unter anderem an der Universität St. Gallen. Als Erzählforscherin vergleicht sie Märchen aus aller Herren Länder miteinander. Sie erforscht, woher ein Märchen ursprünglich kommt und wie es sich in einem anderen Land verändert.

So erfährt man auch, dass die deutschen Sprachwissenschaftler und Märchensammler Jacob und Wilhelm Grimm weltweit bekannt sind. "Die Brüder Grimm sind vor allem Vorbilder gewesen. Es gibt inzwischen einen russischen Grimm, einen italienischen Grimm oder einen schweizerischen Grimm", erläutert Barbara Gobrecht. Auf dem Märchenkongress hat die Erzählforscherin allerdings nicht die Brüder Grimm zum Thema gemacht. Gobrecht hat einen Fachvortrag zum Thema "Internationale Motive in russischen Märchen" gehalten.

14 solcher Fachvorträge waren auf dem Märchenkongress zu hören. Wissenschaftler sprachen über Südosteuropas Märchen, über Märchen aus Zentralasien oder die Erzählkultur der Roma. 500 Besucher waren angemeldet. Allerdings ging es nicht nur um die wissenschaftliche Betrachtung von Märchen. An den Nachmittagen trafen sich zahlreiche Arbeitsgemeinschaften. Dort spürten die Teilnehmer Gemeinsamkeiten zwischen deutschen und indischen Märchen auf, oder fanden heraus, welche Werte und Normen des realen Lebens sich in türkischen Märchen widerspiegeln. Die Abende gehörten in Gelsenkirchen dann den rund 30 Märchenerzählern.

Märchenerzählen will gelernt sein

Martin Kuske ist einer von ihnen und wie es sich für einen echten Märchenerzähler gehört, erzählt er frei aus dem Gedächtnis. Seine Zuhörer in Gelsenkirchen waren mucksmäuschenstill, sie hörten gespannt zu. Wer bei Märchen unwillkürlich an Kinder denkt, wurde an diesem Erzählabend eines Besseren belehrt: Die Zuhörer waren im Schnitt 60 Jahre alt. Märchen werden hier nicht vorgelesen, Märchen werden erzählt.

Martin Kuske macht das schon seit 20 Jahren. "Damals habe ich auf einem Kongress Erwachsene gehört, die anderen Erwachsenen Märchen erzählt haben. Das hat mich begeistert", berichtet er. Das Erzählen habe er dann mithilfe der Europäischen Märchengesellschaft gelernt. Erzählförderung nennt sich dieses Angebot. Haben die Erzähler ihre Ausbildung nach insgesamt zehn Seminaren und mit einem öffentlichen Auftritt abgeschlossen, werden sie in die Gilde der Erzählerinnen und Erzähler der Märchengesellschaft aufgenommen.

Silvia Studer-Frangi (Foto: DW)

Silvia Studer-Frangi ist Märchenerzählerin

Zu dieser Gilde gehört auch Silvia Studer-Frangi. Die Muttersprache der 74-Jährigen ist Italienisch, sie erzählt Märchen aber auch auf Hochdeutsch und Schweizerdeutsch. Bei ihr purzeln an einem Abend nicht nur die Sprachen durcheinander. Sie trägt auch mal ein deutsches Märchen auf Italienisch vor. Eigentlich ist Silvia Studer-Frangi Sozialarbeiterin und Heilpädagogin. Die Leidenschaft für Märchen war dann aber doch irgendwann größer: Mittlerweile ist die fröhliche Frau mit den langen weißen Haaren hauptberufliche Märchenerzählerin.

Autorin: Gesche Brock
Redaktion: Kay-Alexander Scholz