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Musik

"Es war eine unglaubliche Odyssee": der Soul-Sänger Fetsum

In den 70er Jahren flohen seine Eltern aus Eritrea, er wurde in Ägypten geboren und kam über Italien nach Deutschland. Die aktuelle Flüchtlingsdebatte werde falsch geführt, sagt der Musiker Fetsum im DW-Interview.

Deutsche Welle: Dein Debütalbum "The Colors of Hope" klang schon ziemlich international. Jetzt arbeitest du in L.A. und London an Deinem zweiten Album. Wie wichtig ist es Dir, musikalisch über den deutschen Tellerrand hinauszublicken?

Fetsum: Dadurch, dass ich auf Englisch singe, klingt es automatisch international. Außerdem bin ich mit ziemlich vielen Einflüssen aufgewachsen: eritreische Musik, arabische Musik, italienische Musik, Pop, Soul, Reggae. Es war für mich immer schwierig, mich auf einen Stil zu reduzieren. Am Anfang war das ein ziemliches Potpourri und irgendwann ist dann eine eigene Linie daraus entstanden.

Deine Eltern flüchteten aus Eritrea nach Ägypten, wo Du geboren wurdest. Dann ging es nach Italien und schließlich nach Deutschland. Welchen Einfluss hatten diese Stationen auf Deine Musik?

Sänger Fetsum sitzt imStudio (Foto: Valerio Girardi)

Ein nachdenklicher Musiker

Meine Eltern haben im Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien gekämpft. Bei ihnen weckt die Revolutionsmusik aus der Zeit natürlich Erinnerungen. Und diese politischen Lieder haben auch mich sehr geprägt. Außerdem bin ich in Kairo geboren. Meine Familie ist christlich, aber um uns gab es viele Moscheen. Mir ist später irgendwann aufgefallen, dass mir immer die Tränen kamen, wenn ich Dokus im Fernsehen gesehen habe, in denen Muezzin-Gesänge zu hören waren. Ich dachte immer: Warum ist das so? Ich habe mit meiner Mutter drüber gesprochen und sie sagte: "Hey, in Deinen ersten anderthalb Jahren hast Du das täglich fünf Mal gehört." Ich fand es einfach super, ohne den religiösen Kontext, sondern einfach nur das, was diese Tonalität dort mit mir gemacht hat. So gesehen, bin ich extrem beeinflusst. Und dann auch die ersten Jahre in Italien. Ich mag italienische Cantautori (italienische Singer-Songwriter, Anmerkung der Redaktion), wie Paulo Conte oder Francesco De Gregori oder Pino Daniele.

Du machst keine oberflächliche Popmusik. In Deinen Texten geht es Dir darum, Aussagen zu treffen. Warum ist Dir das wichtig?

Ich habe mir viel Zeit gelassen für mein erstes Album. Mit 34 Jahren war ich natürlich ein Spätstarter. Auf der anderen Seite habe ich eine Biografie, die sich nicht nur an einem Ort abgespielt hat. Also gibt es viel zu erzählen. Die Frage ist ja nur, was erzähle ich und was ist interessant für andere? Es geht ja nicht nur darum, irgendwas für sich selbst zu machen. In dem Moment, wo man es auf eine CD presst, hofft man, dass es irgendwo eine Schnittmenge mit den Erfahrungen anderer Menschen gibt.

Wie gehst Du an Deine Songtexte ran?

Fetsum mit Rapper Max Herre auf einer Bühne (Foto: Thomas Brauchle)

Fetsum bei einem gemeinsamen Auftritt mit Rapper Max Herre

Man sagt ja immer, man hat sein ganzes Leben für das erste Album. Für das zweite Album ist es dann nur noch die Zeit zwischen den Alben. Mir ist extrem wichtig, viele Dinge aufzuarbeiten, und man versucht natürlich auch, allgemeingültige Aussagen zu treffen. So gesehen versuche ich, alles in die Songs reinzustopfen - von meiner Geburt in Kairo bis hin zum Weg über Rom nach Deutschland. Deswegen heißt mein erstes Album auch "The Colors of Hope", weil wir bei allen Unwägbarkeiten trotzdem extrem viel Glück hatten und ich heute ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führen kann. Wenn ich sehe, wie Leute, die den gleichen Weg gegangen sind, heute zu kämpfen haben, dann sieht man sich schon auch als Brückenbauer, als Übersetzer, als Vermittler, und das möchte ich gerne sein mit meiner Musik.

Wie hast Du Eure Fluchtgeschichte damals erlebt und wie blickst Du heute darauf zurück?

Ich glaube, der einzige Weg, den ich selbst bestimmt habe, war der von Stuttgart nach Berlin. Ich habe eigentlich keine negativen Erinnerungen. Es kamen natürlich irgendwann Identitätsfragen als Jugendlicher in Deutschland. In der Grundschule war ich, das einzige dunkelhäutige Kind. Später auf der Oberschule mit eintausend Schülern, glaube ich, gab es zwei. Natürlich stellt man sich da Fragen, auch wenn Reaktionen von außen kamen, zum Beispiel beim Fußballspielen. Dinge, die einem klarmachen, dass wir nicht von hier sind. Ich habe dann Gespräche mit meinen Eltern gesucht und gefragt: "Warum sind wir eigentlich hier?" Und irgendwann entwickelt man sich und versucht natürlich neue Wurzeln zu schlagen an dem Ort, an dem man lebt.

Was verbindest Du mit dem Begriff “Migration”?

Migration ist ja ein großes Thema der Menschheit. Man versucht, das Beste daraus zu machen und sich klar zu machen, dass es am Ende ein großer Vorteil ist, einen Bezug zu verschiedenen Kulturen zu haben und von klein auf mindestens zwei oder drei Sprachen zu sprechen. Damit gehen aber auch Aufgaben einher: Man kann viele Dinge tun, die eine Gesellschaft zusammenbringen und vereinen. Und ich glaube dieser Gedanke, Menschen zu vereinen oder Frieden zu stiften, ist halt in der DNA. Das sehen wir auch heute an der politischen Lage in Europa und in Deutschland. Ich glaube, angesichts der vielen Sorgen und Ängste, die es gibt, kann man vielen Menschen sagen: "Hey, letzen Endes kommen da Menschen genauso wie wir damals." Und wenn man die menschlich behandelt, dann tut man, glaube ich, nichts Verkehrtes - ganz im Gegenteil.

Für Deine Mutter muss die Flucht von Eritrea nach Ägypten dramatisch gewesen sein. Sie war damals verletzt und schwanger mit Dir. Danach seid Ihr von Ägypten nach Italien gegangen. Wie war das für Dich als Kind - ein Abenteuer?

Fetsum beim Dreh mit dem PopXport-Team (Foto: Jens von Larcher/ DW)

Fetsum bei den Dreharbeiten für die PopXport-Sendereihe "Grenzenlos Pop".

Es war in der Tat ein großes Abenteuer, vor allem wenn man das Glück hat, tolle Menschen kennen zu lernen. Dann ist man einfach da, wo man ist. Und wenn man gut aufgehoben ist, dann stellst du dir erstmal keine weitere Frage als Kind. Zumal ich die Sprache auch immer relativ schnell gelernt habe. Das heißt, ich konnte immer kommunizieren. Irgendwann später war mir natürlich klar, dass es eine unglaubliche Odyssee gewesen ist. Ich ziehe da extrem meinen Hut vor, wie meine Mutter es trotzdem geschafft hat, ihrem Kind ein konstruktives und positives Leben zu ermöglichen - bei all dem, was sie erlebt hat. Und ihre Verletzung war relativ schwer und sie war schwanger mit mir. Ich glaube, mir ist nichts so wichtig wie der Respekt meiner Mutter für das, was ich mache. Nicht, dass ich ihre Erlaubnis brauche. Ich erinnere mich, als ich mein Studium an den Nagel gehängt habe, um Musik zu machen - das war für sie ein Weltuntergang. Heute ist sie natürlich froh, weil sie gemerkt hat, ich habe mich für etwas entschieden, was mich glücklich macht.

Was bedeutet für Dich Heimat?

Das ist eine sehr gute Frage. Was mir Heimat letzten Endes bedeutet, konnte ich in Eritrea verstehen, als ich 2006 zum zweiten Mal dort war. Da habe ich zum ersten Mal begriffen, dass Heimat eigentlich keine regionale Verortung ist, sondern die Art und Weise, wie man sich in anderen Menschen wiedererkennt. Und das tut man wahrscheinlich am ehesten in der Familie. Als ich da so saß im Kreise meiner Großeltern, Großtanten, Cousinen und Cousins – bei Leuten, die ich in meinem Leben wenig gesehen habe - da überkam mich dieses Gefühl: "Okay, von denen stamme ich ab!" Ich glaube, das, was ich da fühlte, ist das Nächste, was für mich an die Begriffsdefinition von Heimat heran kommt. Wenn du weißt, wo du herkommst, spielt es am Ende des Tages auch keine Rolle, wo du lebst. Denn es ist einfach wichtig zu wissen, wo die Wurzeln sind. Im Gegensatz dazu ist dein Zuhause natürlich der Ort, wo du lebst, wo du dich wohlfühlst, wo du arbeitest, wo deine Freunde sind.

Wie erlebst Du die Debatte um Flüchtlinge, die hier in Deutschland gerade geführt wird?

Fetsum lächelt im Porträtbild (Foto: Guerilla Management)

Fetsum ist Mitveranstalter von Peace X Peace, einem Berliner Benefiz-Festival für Flüchtlinge

Die Frage ist, welche Debatte? (lacht) Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich über gewisse Dinge enttäuscht bin in der Flüchtlingsdebatte. Und zwar darüber, dass die Menschen vergessen, was hier vor 30 oder vor 60 Jahren los war; wie viele Menschen damals von irgendwoher hierhin geflohen sind; wie sehr Deutschland davon abhängig war, dass Menschen von woanders hierher gekommen sind, und das Land wieder aufgebaut haben. Jeder Zweite hat eine Großmutter, einen Großvater oder einen Urgroßvater oder eine Urgroßmutter, die einmal hierher geflohen sind. Wenn wir das als Basis nehmen, müsste doch heute die Debatte um Flüchtlinge anders geführt werden.

Wie denn?

Wir in Zentraleuropa sehen uns als Erfinder von Freiheit und Humanismus. Wir halten hier die Fahnen der UN-Charta hoch. Aber auf der anderen Seite ertrinken Menschen im Mittelmeer und man tut das dann mit einer Kranzniederlegung ab. Ich finde das sehr besorgniserregend. Wir sehen auch, wie leicht es ist, Unruhe zu stiften. Wir sehen, was in Paris passiert ist, aber gleichzeitig ist das genau die Art von Willkür und Gewalt, die die Menschen dazu veranlasst, ihre Heimat zu verlassen. Wenn man das alles mit bedenkt, dann muss man die Debatte auf einer anderen Ebene führen - auf einer menschlichen Ebene. Und natürlich ist es schwer, wenn einige Wenige die Arbeit von Vielen tun müssen. Wenn alle mit anpacken, ist es erstaunlicherweise immer viel, viel einfacher. Ich hoffe, dass wir mal auf dieses Level kommen.


Das Interview führte Jens von Larcher.

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