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Ostmitteleuropa

"Es wäre ein großer Fehler"

- Weitere tschechische Reaktionen auf den Vorschlag, die Diskussion über die Benes-Dekrete wieder aufzunehmen

Köln, 6.2.2002, RADIO PRAG

RADIO PRAG, 5.2.2002, deutsch, Olaf Barth

Die vor allem von österreichischer Seite wieder neu entfachte Diskussion über die Benes-Dekrete und insbesondere der Vorschlag des österreichischen Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel, über eine gemeinsame tschechisch-österreichische Deklaration zu den Dekreten zu verhandeln, hat hierzulande eine Welle von Reaktionen hervorgerufen.

Der tschechische Premier Milos Zeman hat am Montag (4.2.) bereits entschieden abgelehnt, die Benes-Dekrete neu zu verhandeln oder sich gar auf eine tschechisch-österreichische Deklaration zu den umstrittenen Rechtsakten einzulassen. Der Premier verwies darauf, dass die Frage der Dekrete bereits in der bilateralen Aussöhnungserklärung mit Deutschland geklärt worden sei.

"Die tschechische Regierung erachtet es als nicht erforderlich und letzten Endes auch als nicht möglich, die Frage der Benes-Dekrete erneut aufzugreifen", sagte Zeman am Montag auf einer Pressekonferenz im Anschluss an eine Kabinettssitzung.

Der Vize-Premier und Vorsitzende der regierenden Sozialdemokraten, Vladimir Spidla, hatte zuvor jegliche Verhandlungen über die Gültigkeit der so genannten Benes-Dekrete entschieden abgelehnt.

Auch die oppositionelle ODS möchte die Geschichte nun endlich ruhen lassen, so äußerte sich nicht nur deren Chef Vaclav Klaus. Gefragt, ob nicht eine Erklärung, dass die Vertreibung ein Verstoß gegen die Menschenrechte gewesen sei, nötig wäre, entgegnete Partei-Vize Jan Zahradil gegenüber dem Tschechischen Rundfunk:

"Sofern es um Deutschland geht, da haben wir das bereits in der tschechisch-deutschen Deklaration konstatiert. Und auch mit Österreich haben wir ein zwischenstaatliches Dokument aus dem Jahre 1974. Ich denke nicht, dass es nötig ist, dort noch etwas hinzuzufügen. Es ist sicherlich nicht sinnvoll, ständig in der Vergangenheit herumzustochern, sich entschuldigen zu müssen und danach zu suchen, wer nun was verschuldet hat. Das führt auf beiden Seiten nur zu neuen Spannungen."

Zahradil meint, die Tschechische Republik dürfe weder bei der deutschen noch bei der österreichischen Seite auch nur den Eindruck entstehen lassen, dass man bereit sei, die Benes-Dekrete zu diskutieren, denn: "Das wäre ein großer Fehler, den die Interessenverbände der Sudetendeutschen sowie der österreichischen Sudeten natürlich sofort ausnutzen würden."

Der Historiker Libor Vykoupil von der Brünner Masaryk-Universität erklärt, die Dekrete hätten auf gewisse Weise ohnehin keine Rechtsgültigkeit mehr und erläutert: "Wenn wir also die Dekrete als solche in Frage stellen - nicht deren Gültigkeit, das geht nämlich nicht, weil sie so nicht mehr gelten - wenn wir sie anzweifeln, dann fordern wir im Prinzip eine Revision der internationalen Verträge, eine Revision der Resultate des Zweiten Weltkriegs, letzten Endes stellen wir damit sogar die Nachkriegsordnung in Frage." (ykk)

RADIO PRAG, 5.2.2002, deutsch, Dagmar Keberlova

Probleme zwischen den Tschechen und Sudetendeutschen gibt es heute nicht mehr, sagte "Radio Prag" ein deutscher Altansiedler aus dem Riesengebirge. Mit dem Jahre 1989 hätte sich alles geändert und dennoch wird viel Falsches erzählt. (...)

Herbert Berger ist ein Altansiedler aus Pec pod Snezkou im ostböhmischen Riesengebirge. Sein Leben lang hat er dort verbracht, nach 1945 wurde er nicht abgeschoben und wollte dann später aussiedeln. Sieben mal hatte er den Antrag gestellt, der ihm immer wieder abgelehnt wurde. Als ihm endlich die Aussiedlung bewilligt wurde, sagte er so was wie "jetzt könnt ihr mich alle gern haben", denn da hatte er schon Familie und Wurzeln geschlagen. In der kommunistischen Zeit hat er viel gelitten, die meisten um ihn herum waren Deutschenhasser und nur die Wenigsten haben geholfen. Auch heute verfolgt Herr Berger alles und hat seine Meinung hierzu. Wie er die Spannungen zwischen Tschechien und Österreich sieht?

"Was da jetzt zwischen Österreich und Tschechien und unserem Ministerpräsidenten vorgeht, ist unangenehm, aber man kann nichts machen. In vielen Fällen hat auch der Ministerpräsident Zeman recht."

Aber wie sieht er die Aussage Zemans, Sudetendeutsche waren die fünfte Kolonne Hitlers?

"Er hat auch viel Blödsinn gesagt, oft hat er auch Recht gehabt."

Mit dem Jahre 1989 ist für Herbert Berger alles abgeschlossen:

"Ich denke, heute gibt es keine Probleme mehr zwischen Tschechen und Deutschen. Hier im Gebirge und dort, wo Touristen hinkommen, dort gibt es überhaupt keine Menschen mehr, die ein schlechtes Wort gegen die Deutsche sagen würden. Vielleicht in Dörfern, wo die Leute keine Ahnung haben, da kann es jemand geben, der gegen Deutsche ist."

Ein bewegendes Menschenschicksal, das zum Nachdenken anregt. Und da muss man sich die Frage stellen, ob die große Politik nicht etwas weiter leben lässt, was man längst hätte bewältigen können. Ob es nicht besser wäre, lieber positiv in die Zukunft zu blicken. (ykk)

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