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Kultur

Es "tikkt" in den Ghettos

Batteriesäure, Rattengift und WC-Reiniger: Dass man mit diesen Zutaten "Tik" anrührt, wissen in Kapstadt schon die Viertklässler: Eine neue Modedroge überschwemmt Südafrikas Townships.

Ein Mann raucht Tik durch ein Glasrohr

Durch ein Glasrohr wird die neue Modedroge "Tik" geraucht

Wer in Mitchell's Plain, eine halbe Autostunde östlich von Kapstadt, nach einem Strohhalm fragt, bekommt mehr, als er erwarten mag: Denn in Strohhalmen wird "Tik" verkauft. Seit Monaten beherrscht eine gefährliche Modedroge die Ghettos in den Cape Flats, den armen Vororten von Kapstadt: "Tik", Methamphetamin oder "Crystal Meth". Keine neue Erfindung, schließlich wurde der Stoff schon von der deutschen Wehrmacht als Aufputschmittel verwendet. Heute aber ist Tik die Droge des armen Mannes. Wie nirgendwo sonst fällt sie bei den ohnehin extrem benachteiligten Schwarzen in den Cape Flats auf fruchtbaren Boden. Sie lässt nicht nur die Kriminalitätsraten weiter in die Höhe schnellen, sie zerstört eine ganze Generation.

Die neue Modedroge tikkt durch Südafrikas Townships

Die neue Modedroge "tikkt" durch Südafrikas Townships

Seinen Namen verdankt es dem Geräusch, das beim Erhitzen entsteht. Bereits Kinder der vierten Klasse wissen, wie man einen Tik-Verschnitt auch zu Hause herstellen kann: Man mischt Batteriesäure, Rattengift, Bad- und WC-Reiniger, Ameisengift, Scheuermilch und zerriebenen Toilettenduftstein, erhitzt die Masse und sammelt die kristalline Substanz in einer zerbrochenen Glühbirne. Dann werden die Dämpfe durch einen Strohhalm inhaliert. Das Ausmaß der Lungen- und Gehirnschäden ist verheerend.

Kein Ende

Im Sultan Bahu Drogen-Rehazentrum in Mitchell's Plain sitzen zehn Jugendliche im Kreis und hören Fatima zu, die an der Tafel von den Gefahren des Rückfalls erzählt: Bereits mit der ersten Einnahme der Droge stürben so viele Pleasure Cells (Gehirnzellen, die für das Genusserlebnis sorgen) ab, dass das Flasherlebnis des ersten Mals – obwohl immer wieder gesucht – nie wieder erreicht werden kann, warnt sie. Doch so weit sind die meisten noch gar nicht, denn sufgehört hat hier noch keiner. Sie alle rauchen Tik oder Daggah - und das schon seit mehreren Jahren. Sie wissen, dass es gefährlich ist. Davon los kommen sie trotzdem nicht. Der falsche Freundeskreis und der Druck in der Gruppe haben sie zur Droge getrieben.

Ein Vierzehnjähriger aus der Gruppe erklärt: "Du willst einfach dazugehören. Der beste Weg aufzuhören, ist niemals anzufangen, aber dafür ist es jetzt zu spät. Überall wohin du gehst, dreht sich alles nur um Tik und Dagga". "Es frisst dich auf und das ganze Geld, das dafür draufgeht. Man beklaut seine Eltern, beraubt die Nachbarn, die Leute auf der Straße", erzählt ein anderer Teilnehmer. Wie keine andere Droge heizt Tik Gewalt und Kriminalität an. Sie sorgt dafür, dass normale Kinder zu Monstern werden, um die notwendigen 30 bis 40 Rand (fünf Euro) für eine Dosis zusammenzubekommen.

Immer mehr Drogenabhängige

Townships: Die armen Vororte von Kapstadt

Townships: Die armen Vororte von Kapstadt

Von zehn Kindern und Jugendlichen in Mitchell's Plain und anderen Orten in den Cape Flats experimentieren acht mit harten Drogen. Bereits mehr als ein Drittel der Patienten im Sultan Bahu Center ist unter 20 Jahren. Tendenz steigend, sagt Shafiek Davids, Koordinator im Center: "Das sollten doch eigentlich einmal unsere Ärzte, Ingenieure, Anwälte und Geschäftsleute werden, und jetzt gehen sie nicht mehr in die Schule. Und wenn mehr als die Hälfte der Drogensüchtigen hier zwischen 20 und 30 Jahre als sind - wo ist dann die Zukunft?"


Lebensretter

Es ist ein ungleicher Kampf gegen Tik: Es gibt viel zu wenig Reha-Zentren, Junkies müssen wochenlang auf einen Behandlungsplatz warten. Trotzdem will Shafiek Davids vom Sultan Bahu Center nicht aufgeben. Zurzeit kommen 17 Abhängige in seine Einrichtung, fünf Tage die Woche, acht Stunden am Tag. Viele können die umgerechnet 320 Euro für sechs Wochen Behandlung mit Entgiftung in einem benachbarten Krankenhaus nicht aufbringen, aber Shafiek setzt sie nicht vor die Tür. Er hat Glück - gerade hat ihm die Provinzregierung umgerechnet 30.000 Euro zugesichert. Er weiß, dass er nicht die Welt retten kann, auch nicht Südafrika. Aber wenigstens ein paar junge Menschen auf den Straßen von Mitchell's Plain.

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  • Datum 10.10.2006
  • Autorin/Autor Alexander Göbel
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  • Permalink http://p.dw.com/p/9EDA
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