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Europa

"Es lohnt, anständig zu sein“

Wladyslaw Bartoszewski überlebte Auschwitz und kämpfte gegen den Kommunismus. Jetzt feierte der Wegbereiter der deutsch-polnischen Aussöhnung seinen 90. Geburtstag. Im DW-Interview blickt er auf seine Erlebnisse zurück.

Deutsche Welle: Herr Prof. Bartoszewski, Sie hatten schon viele Leben: Sie waren Häftling in Auschwitz, nahmen am Warschauer Aufstand teil und wurden von den polnischen Kommunisten verfolgt. Sie gelten als Vorkämpfer der Versöhnung, waren Diplomat, Außenminister, Staatssekretär, Historiker, sind als Journalist und Autor zahlreicher Bücher bekannt. "Ein schwieriges, aber kein langweiliges Leben" - so lautet auch der Titel eines Ihrer Bücher. Was planen Sie noch? Was wünschen Sie sich noch?

Wladyslaw Bartoszewski: Ich denke, dass ich bis heute ein erfülltes Leben führe. Es ist die Ironie des Schicksals, es macht mich jedoch zufrieden, dass ich meinen Dienst für die Öffentlichkeit erst mit 68 Jahren antrat. Denn erst zu diesem Zeitpunkt wurde Deutschland vereinigt, Polen frei und Europa neugestaltet. Bis dahin, bis 1989-90, lebte ich wie die DDR-Deutschen, Bulgaren, Rumänen, Tschechen, Slowaken unterdrückt, der Möglichkeit freier Meinungsäußerung sowie der Freiheit zur Ausübung von Arbeit beraubt. Und wenn Sie nach meinen Plänen fragen, dann kann ich nur sagen, ich möchte noch zwei, drei neue Bücher schreiben, die schon längst eingeplant sind. Ich beabsichtige, damit noch dieses Jahr anzufangen. In der laufenden Politik des Landes bin ich doch einer der geschätzten Berater des Ministerpräsidenten Donald Tusk, und in dieser Rolle kann ich auch weiter machen, obwohl Menschen in meinem Alter, mit 90, außerordentlich selten als Beamte arbeiten oder überhaupt in einem Arbeitsverhältnis stehen. Ich möchte im Laufen sterben, bis zum Ende aktiv und zufrieden sein.

Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und der polnische Politiker und Historiker Wladyslaw Bartoszewski am Tag der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1986 (Foto: AP Photo)

Bartoszewski mit Bundespräsident Richard von Weizsäcker

Wenn Sie einen jungen Menschen vor sich hätten, was würden Sie ihm aus Ihrer menschlichen Erfahrung der 90 Lebensjahre sagen, wenn er fragt, worauf es im privaten, politischen Leben und beim öffentlichen Engagement ankommt, besonders wenn man vor schwierigen Entscheidungen steht, das Richtige zu tun?

Ich hätte gesagt: ich bin alt und ich freue mich, dass ich mein Leben nach dem Prinzip richtete: 'Es lohnt sich, anständig zu sein'. Und ich wünsche Dir und Deinen Kolleginnen und Kollegen, in diesem Sinne handeln zu können, um sich im Spiegel ohne Scham in die Augen zu schauen, aber auch anderen Menschen, in der Familie und im Freundeskreis. Und die jungen Leute können damit rechnen, dass sie auf Verständnis stoßen und Freunde finden. Materiell lohnt es sich zwar nicht immer, anständig zu sein, aber moralisch, im Bezug auf Grundwerte, lohnt sich das allemal für jeden Menschen, sowohl für einen gebrechlichen Menschen als auch für einen Kriminellen. Und das war auch mein Prinzip, nach dem ich immer handelte, sowohl in der Gefangenschaft als auch danach, als ich in die Freiheit entlassen wurde.

Sie waren im KZ Auschwitz, haben von Deutschen viel Leid erfahren. Nach dem Krieg traten Sie sehr früh für die deutsch-polnische Versöhnung ein. Woher schöpften Sie damals den Glauben an die Möglichkeit der Aussöhnung zweier Völker?

Das war ein langer Prozess. Diese Überzeugung habe ich erst dann gewonnen, als Adenauer und de Gaulle sich zusammentaten, aber auch als solche Menschen wie Schuman und Monet ihre Visionen von Europa entwickelten, predigten und praktizierten. Es gibt keinen besseren Weg, keine andere, gesündere Alternative. Der einzige Weg ist die gemeinsame Zukunft miteinander. Die Emotionen der Menschen, die Erfahrungen einer Generation spielen dabei natürlich auch eine Rolle. Jedoch entscheidend für das Fundament dieser Zukunft sind der gesunde Menschenverstand und die gemeinsamen, doch christlichen und menschlichen Wurzeln Europas vom Frühmittelalter bis heute. Es gibt keine andere, keine gesündere und bessere Lösung.

Sie haben Erfahrungen mit zwei großen Diktaturen aus dem letzten Jahrhundert gemacht. Wie ist Ihre Einschätzung des jetzigen Zustands Europas aus der heutigen Perspektive?

Der Fortschritt ist sehr groß. Kein EU-Bürger heute, der z. B. im Europäischen Parlament sitzt, kann sich auf unserem Kontinent einen Krieg als Instrument zur Durchsetzung irgendwelcher politischen oder wirtschaftlichen Ziele vorstellen. Das steckt noch ein bisschen in den Köpfen auf dem Balkan. Aber bis auf diese Ausnahme geistert das nicht mehr durch Europa. Ich halte das für einen bedeutenden Fortschritt. Natürlich leiden wir in Europa sehr unter vielen Defiziten, die meist aus der langjährigen Teilung des Kontinents resultieren. Das müssen wir ertragen und geduldig, mit viel Verständnis füreinander, daran arbeiten. Denn Europa war wirklich schwer krank und jetzt muss es genesen. Die Ernsthaftigkeit dieser Krankheit war ernorm, daher ist auch die Genesung nicht leicht. Sie ist sogar sehr kompliziert.

Wladyslaw Bartoszewski als Häftling im KZ Auschwitz

Wladyslaw Bartoszewski als Häftling im KZ Auschwitz

Sie gehören zu den Menschen, die den Ehrentitel "Der Gerechte unter den Völkern" (1965) der Gedenkstätte Yad Vashem verliehen bekamen. Sie wurden für den Einsatz Ihres Lebens für die Rettung der Juden vor der Ermordung unter der nationalsozialistischen Herrschaft während des Zweiten Weltkrieges ausgezeichnet. Wie erinnern Sie sich heute an diese Erfahrung?

Ich habe diese Situationen von damals noch stark in Erinnerung. Natürlich war diese Zeit durch Leid gezeichnet, auch durch Mühe und Angst. Solch starke Gefühle lassen sich nicht so leicht auslöschen. Ich bin jedoch stolz darauf, dass ich unter den Menschen bin, die in der Gedenkstätte Yad Vashem, in dem Garten der Gerechten in Jerusalem, verewigt sind. Und ich bin auch stolz darauf, dass ich der einzige Außenminister Europas bin, der die Ehrenstaatsbürgerschaft Israels verliehen bekommen hat.

Was würden Sie den jungen Deutschen und Polen über ihre Zukunftsaufgabe sagen, über ihre Verantwortung für die Zukunft?

Jeder Mensch trägt Verantwortung für seine Taten. Die Christen in der katholischen Kirche, nicht nur in Polen, beten um die Vergebung der Gedanken- und Tatsünden, etwa um die Vergebung der Unterlassung der Hilfe, der Gleichgültigkeit gegenüber dem Bösen. Also nicht nur böse Taten, nicht nur böse Worte, sonder auch Passivität, die Ohne-mich-Haltung, die Nichtbeteiligung an guten Taten sind eine Sünde. Die jungen Menschen sollten ihr Leben so gestalten, dass sie mit sich selbst zufrieden sind. Und diese Zufriedenheit gewinnen Sie durch die Überzeugung, richtig gehandelt zu haben.

Zur Person:
Wladyslaw Bartoszewski wurde am 19. Februar 1922 in Warschau geboren. Er ist Historiker, Journalist und Autor zahlreicher Bücher. In Polen ist eine Legende: Auschwitzhäftling (Nummer 4427), Judenretter im Zweiten Weltkrieg, Kämpfer im Warschauer Aufstand (1944), Ehrenbürger Israels. Er verbrachte sechs Jahre im kommunistischen Gefängnis, danach war er aktiv in der demokratischen Opposition im kommunistischen Polen. Nach der Wende war er zwei Mal Außenminister Polens, zurzeit ist er Beauftragter des Premierministers Donald Tusk für den internationalen Dialog, sowie Vorsitzender des Internationalen Auschwitzrates. Bartoszewski hat die deutsch-polnischen Beziehungen maßgeblich mitgestaltet.

Barbara Cöllen hat mit Wladyslaw Bartoszewski gesprochen
Redaktion: Bartos Dudek / Blagorodna Grigorova

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