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Amerika

Es lebe die Schneckenpost!

Schreiben Sie noch Postkarten? Nein? Dann befinden Sie sich zumindest in den USA in guter Gesellschaft. Aber haben Sie sich auch überlegt, welchen Stein Sie da ins Rollen gebracht haben?

fern.schreiber Grafik Washington (Quelle: DW)

Bei meinem letzten Urlaub im sommerlichen Ocean City an der US-amerikanischen Atlantikküste musste ich feststellen, dass Postkarten-Schreiben extrem out ist. Vergeblich suchte ich in den dutzenden Souvenirläden am Strand nach einer halbwegs hübschen Postkarte. Nun ist Ocean City nicht gerade malerisch, aber irgendetwas mit Meer und Strand müsste sich doch auftreiben lassen, dachte ich. Fehlanzeige. Das einzige, was ich sah, waren Karten mit nahezu nackten Männern oder Frauen (Ich dachte, auch das verschickt man mittlerweile per MMS?) oder solche mit verfärbten, unscharfen Landschaftsaufnahmen, die an die Postkarten der 60er Jahre erinnerten.

Fazit: Wenn niemand mehr Postkarten schreibt, dann werden auch keine Postkarten mehr verkauft. Und dann kann ich keine mehr verschicken. Und jeder, der sich bisher über diese "richtige" Post gefreut hat, geht leer aus.

Weniger Schneckenhäuschen

Christina Bergmann (Foto: DW)

Christina Bergmann

Doch nicht nur die Postkartenindustrie leidet unter der Schreibfaulheit. 10 Milliarden weniger Poststücke werden im nächsten Jahr in den USA transportiert werden, berichtete die Washington Post. Die Zeitung zeigte auf ihrer ersten Seite ein großes Foto von den ersten Opfern dieser Entwicklung: die blauen Briefkästen, die an immer weniger Straßenecken zu finden sind. In den letzten 20 Jahren, so ist zu lesen, wurden landesweit 200.000 diese Blechboxen mit der Schwingklappe abgeholt und zu Sammelplätzen gebracht, wo sie vor sich hin rosten.

Doch es bleibt nicht beim Verschrotten der Briefkästen, das munter weiter geht. In meiner Nachbarschaft habe ich letztens eine Petition unterschrieben, in der gegen die Schließung unseres Postamts protestiert wird. Ich will das Postamt behalten. Denn wo, wenn nicht dort, soll ich meine Päckchen für die Lieben in Deutschland abgeben, selbst wenn das Porto oft mindestens doppelt so teuer ist wie der Inhalt?

Immerhin, ich will nicht klagen: Innerhalb der USA kostet ein Brief nur 44 Cents (knapp 30 Euro-Cents). Egal, ob er tausende Kilometer nach Alaska oder Kalifornien soll. Und unser netter Briefträger, der im Sommer als Uniform immer diese lächerlichen blauen Shorts tragen muss, nimmt ihn sogar direkt von unserer Haustür mit. Ich müsste mich nicht einmal zu unserem Briefkasten bewegen, der etwa einen Steinwurf weit von unserem Haus entfernt steht.

Andere Opfer der Digitalisierung

Wie lange der Briefträger wohl noch kommt, wenn auch in den USA die Leute eher eine E-Mail als einen Brief schreiben, Party-Einladungen samt Antwortmöglichkeit per Internet verteilen und langsam die Vorzüge von Online-Banking entdecken und keine Schecks mehr verschicken? Die Fahrradkuriere in der US-Hauptstadt hat es jedenfalls schon erwischt. In Zeiten des papierlosen Büros und des E-Mail-Verkehrs hat sich ihre Zahl seit den 90ern mehr als halbiert: Statt 400 Kurieren flitzen nur noch 150 durch die Straßen, berichtet ebenfalls die Washington Post. Tendenz fallend.

Also, wenn Sie nicht Schuld sein wollen, dass die Briefträger hier das gleiche Schicksal wie die Fahrradkuriere erleiden, schreiben Sie mir eine Postkarte! Ich antworte garantiert!

Christina Bergmann

DEUTSCHE WELLE

2000 M Street NW, Suite 335

Washington, DC, 20036

USA

Autorin: Christina Bergmann

Redaktion: Martin Schrader