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Kultur

Es lebe der Protestsong!

"Bob Dylan wird 70, der Protestsong ist abgemeldet." So titelte das deutsche Magazin für Popkultur "Spex", und rief zum Wettbewerb für neue kritische Songs auf. Gewonnen hat die Band "Brockdorff Klang Labor" aus Leipzig.

Brockdorff Klang Labor, Gewinner des SPEX-Protestsong-Contests (Pressebilder werden zum Download zur Verfügung gestellt unter http://www.brockdorff.com/bilder/?album=1&gallery=9)

Brockdorff Klang Labor

Die Stimmung im Proberaum des "Brockdorff Klang Labor" (BKL) ist prächtig, obwohl Bandmitglied Ekki Ekk gerade nicht in Leipzig sein kann, sondern in Berlin für das Studium büffelt. Doch das ist dann das Wunderbare an der modernen Popmusik: Zur Not kommt die Beats eben vom Laptop.

Sexy Pop mit kritischen Texten

Bereits die ersten Takte von "Festung Europa" machen klar: die Musik von BKL ist Pop, allerdings intelligenter Elektro-Pop, mit dem man im Jahr 2011 vielleicht nicht gleich den Eurovision Song Contest, aber durchaus einen Protestsong-Wettbewerb gewinnen kann. Denn heute wie damals, bei Bob Dylan oder Joan Baez, zählt einzig und allein der Text. Nadja von Brockdorff hat für "Festung Europa" Liedzeilen wie diese geschrieben: "Der Duft nach Sand, und in den Augen die alte Angst. Wo du noch kämpfst, hinter dem Meer: Komm her, hierher – in die Festung Europa." Brockdorff erklärt: "Anstoß war für uns ganz konkret der Zusammenbruch der arabischen Regime und diese Diskussion um die Tausenden Flüchtlinge auf der Insel Lampedusa. Wir sagen: Kommt her! Das ist nämlich die ganz einfache Alternative zu diesem ganzen Gezicke und Getue der europäischen Regierungschefs."

Kommt her, in die Festung Europa

Die Bandmitglieder Sergej Klang, Nadja von Brockdorff und Ekki Ekk (v.l.) (Foto: Brockdorff Klang Labor)

Die Bandmitglieder Sergej Klang, Nadja von Brockdorff und Ekki Ekk

Natürlich ist es naiv, über eine Milliarde potentielle Afrika-Flüchtlinge so einfach nach Europa einzuladen, das wissen auch Sergej Klang und Nadja von Brockdorff. Doch was bei ihrem Song funktioniert: sie thematisieren das Problem der europäischen Abschottung und verpacken das Ganze in einen musikalischen Ohrwurm: modern, sexy, tanzbar – und trotzdem subtil. Man könne in einem Popsong natürlich nicht die gesamte politische Debatte ausdiskutieren, sagt Sergej Klang. "Das ist immer auf bestimmte Zeilen und Parolen reduziert. Somit kann man dem Slogan eine gewisse Naivität unterstellen." Er möchte den Song als Provokation verstanden wissen und nicht als plattes Parolenstück, wo am Ende nur alle mitgrölen.

Guttenberg, Fukushima und die Apokalypse

Die Bandmitglieder Sergej Klang, Nadja von Brockdorff und Ekki Ekk (v.l.) (Foto: Brockdorff Klang Labor)(Foto: Brockdorff Klang Labor)

Gewannen den Protestsong-Wettbewerb: Brockdorff Klang Labor

Brockdorff Klang Labor haben sich im Wettbewerb der "Spex" gegen 119 andere Bands, Musiker, und Komponisten durchgesetzt, die das Thema Protestsong höchst unterschiedlich interpretierten. Vom klassischen Singer-Songwriter-Lied über A-Capella-Nummern bis hin zu Minmal-Electro-Stücken war alles vertreten. Inhaltlich ging es um Guttenberg-Plagiate, Afghanistan, Fukushima, kleine und große Revolutionen, unsere kranke Jugend und um nicht weniger als die Apokalypse. Frei nach dem Motto: Protest ist überall. Eine vierköpfige Jury entschied sich am Ende für BKL. Aber warum hat das Magazin für Popkultur überhaupt nach neuen Protestsongs gefahndet? "Unser Wettbewerb stand am Ende einer längeren Kette von Überlegungen, warum Pop heute postpolitisch ist", so Spex-Redakteur Ralf Krämer. Die politische Pop-Linke, bis vor 15 Jahren noch sehr aktiv, produziere heute kaum noch Titel zu aktuellen protestwürdigen Zuständen. "In den 1990er Jahren haben sich deutsche Musiker noch sehr explizit zu Themen wie dem wieder erstarkten Nationalismus im sich vereinenden Deutschland geäußert. Heute wird das Feld jemandem wie Paul Kalkbrenner überlassen, der in Afghanistan vor den deutschen Soldaten auflegt und es irgendwie schafft, das als total unpolitisch darzustellen.

Der Spaßfaktor in unserer Jugendkultur

Die Bandmitglieder Sergej Klang, Ekki Ekk und Nadja von Brockdorff (v.l.) (Foto: Brockdorff Klang Labor)

Neue Album mit "Festung Europa"

Auch BKL waren auf ihrem vor vier Jahren erschienenen Debütalbum "Mädchenmusik" noch relativ unpolitisch, was sich mit der bald erscheinenden neuen Platte "Die Fälschung der Welt" ändern soll. Ob das bei den Fans ankommt, bleibt abzuwarten. "Protest hat im Pop leider den Ruf, nicht genug Spaß zu machen, weil man nicht so schön dazu feiern und saufen kann." Sergej Klang nennt es "den Spaßfaktor in unserer jetzigen Jugendkultur." Das sei der simple Grund, warum heute weniger Protestsongs existieren. "Für mich hat sich das allerdings nie ausgeschlossen, ein guter Popsong, der auf dem Tanzflur funktioniert, kann trotzdem eine politische Botschaft haben." Deshalb wird "Festung Europa" definitiv auf dem neuen Album zu hören sein, der Protestsong, der wohl nicht gleich die Welt der Politik verändern wird, aber vielleicht ein wenig die Welt der Popmusik.

Autor: Ronny Arnold

Redaktion: Gudrun Stegen