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Wirtschaft

"Es kommt auf Deutschland an"

Wie geht es weiter mit dem deutschen Außenhandel? Kommt der große Einbruch wie schon 2009? DW-WORLD.DE sprach darüber mit Anton Börner, Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen (BGA).

Der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen e.V. (BGA), Anton F. Börner(Foto: anemel)

DW-WORLD.DE: Herr Börner, im Frühjahr haben Sie verkündet: Die magische Grenze von einer Billion Euro bei den Ausfuhren wird die deutsche Wirtschaft im Jahr 2011 erstmals schaffen. Da war die Situation auch ein bisschen anders, die Welt sah noch ein bisschen freundlicher aus. Heute hat sich das geändert. Ändert das auch etwas an Ihrer Prognose?

Anton Börner: Wir sind jetzt schon im vierten Quartal. Die ersten drei Quartale sind gut gelaufen. Ich denke, dass wir so einen Auftragsbestand haben, dass wir das vierte Quartal Richtung der Eintausend Milliarden, also der einen Billion auch noch stemmen werden. Die große Frage wird sein, wie werden sich der November, Dezember und vor allem dann das erste Quartal im nächsten Jahr entwickeln.

Und was glauben Sie, wie könnte sich das entwickeln? Die Vorzeichen sind alles andere als gut. Die Finanzmärkte strahlen wieder dasselbe Misstrauen aus wie zu Lehman-Zeiten. Stehen wir vor einem Lehman 2.0?

Ich hoffe in der Tat, dass wir nicht vor einem Lehman 2.0 stehen. Es kommt auf die Politik an. Und da kommt es auf Deutschland und auf den Deutschen Bundestag an. Wir haben es in der Hand, wollen wir Deutschland, Europa und die Welt in eine Rezession stürzen -politisch betrachtet - oder wollen wir das unter allen Umständen verhindern. Wir können es heute noch verhindern, wir müssen es verhindern. Dann wird das mit unserem Wachstum auch gut weitergehen und dann geht das auch mit unseren Arbeitsplätzen gut weiter. Die Realwirtschaft ist sehr stark, wir sind stabil, wir sind wettbewerbsfähig, wir sind sehr erfolgreich in allen Märkten. Es kommt auf die Politik an.

Nun haben wir ja gesehen: 2008 vor der Lehman-Pleite, da lief es ja auch relativ gut und dann war sozusagen über Nacht alles vorbei. Kann das wieder passieren?

In der Tat, es kann wieder passieren, wenn diese Phase der Unsicherheit zunimmt. Wenn die Märkte, die Portfolio-Manager immer noch nervöser werden. Wenn man vor allem versucht, sich von einzelnen Eurostaaten zu verabschieden und es zu einer Bankenkrise in Europa kommt. Das wird dann entsprechend Schockwellen in die USA, Schockwellen nach Asien aussenden. Dann haben wir Lehman 2.0, allerdings in wesentlich größeren Dimensionen als vor drei Jahren.

Schauen wir auf die deutsche Volkswirtschaft. Die hat extrem gelitten im Jahr 2009, weil sie eben sehr exportlastig ist und die Exporte einfach weggebrochen sind. Folge war eine Rezession, mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung von fünf Prozent. Das hat sich dramatisch schnell wieder ins Gegenteil verkehrt, die deutsche Wirtschaft boomt, die Auftragsbücher sind immer noch gefüllt. Ist dieser Zustand trügerisch?

Der Zustand ist sehr stabil, wenn die Finanzmärkte wieder in ruhiges Fahrwasser kommen. Wenn nicht, ist der Zustand sehr instabil. Weil wir eben darauf angewiesen sind, dass die wachstumsstarken Märkte wie Asien - China in erster Linie - aber auch Lateinamerika weiter boomen. Das können diese Länder aber nur, wenn sie ihre Waren nach Europa und nach Amerika stabil weiterverkaufen können. Nur dann können sie wachsen, nur so können sie wiederum unsere Produkte kaufen. Wenn wir in Schwierigkeiten kommen, können wir weniger aus Asien einkaufen, dann können die weniger exportieren, dann werden sie auch weniger importieren. Das heißt, sie werden auch weniger deutsche Waren kaufen und dann haben wir eine Spirale nach unten in der Realwirtschaft, die sich so schnell nicht stoppen lässt.

Neuwagen von Ford, die in Köln produziert wurden, werden auf einem Binnenschiff über den Rhein in Düsseldorf gefahren. (Foto: dpa)

Wie lange noch brummt der deutsche Exportmotor?

Ist es die Angst vor diesem Virus, der die Finanzwirtschaft befallen hat, dass er überspringt auf die Realwirtschaft?

In der Tat, das Einfallstor für diesen Bazillus ist der Dienstleistungsbereich, der Großhandel. Wir finanzieren 180 Milliarden Euro an Geschäften. Und wenn wir das nicht mehr finanzieren können, können wir weniger einkaufen und dann wird eine Kettenreaktion in Gang gesetzt: Die Industrie kann weniger verkaufen, wir nehmen die Hälfte der deutschen Industrieproduktion ab. Dann haben wir diese Spirale nach unten, die sich dann über die Welt verbreitet und fortsetzt.

In diesen unruhigen Zeiten sucht man die Schuld gerne bei Anderen. Deutschlands exportlastiges Wirtschaftsmodell ist so ein Kritikpunkt. Wir gehen Sie mit dieser Kritik um?

Diese Kritik lässt mich relativ kalt, weil unser Exportüberschuss das Ergebnis unserer Leistung ist. Wir sind eben sehr gut aufgestellt, wir haben Produkte, wir haben Dienstleistungen, die auf der Welt nachgefragt werden. Man kauft uns ja nicht die Produkte ab, weil sie aus Deutschland kommen, sondern weil die gebraucht werden, weil sie effizient sind, weil sie gut sind. Daran arbeiten wir hart. Das ist das Ergebnis einer harten Anpassung, auch einer harten Strukturreform, die wir ja in Deutschland die letzten zehn Jahre betrieben haben. Und die Wettbewerbsfähigkeit wird uns nicht geschenkt, die wird auch nicht vom Staat verordnet, sondern sie wird an den Märkten erkämpft. Wirtschaftlicher Erfolg heißt: Bekomme ich den Auftrag, ja oder nein. Bekomme ich den Auftrag nicht, sondern mein Wettbewerber, kann ich die Löhne nicht mehr bezahlen, die Steuern nicht bezahlen. Wir sind sehr nah an den Märkten, wir sind sehr nah an den Kunden. Das ist das Geheimnis unseres Erfolges. Das sollte eher den anderen Ländern als Ansporn dienen zu sagen: Wir versuchen es besser zu machen. Wettbewerb ist anregend, Wettbewerb belebt das Geschäft und wenn andere Wettbewerber uns Konkurrenz machen, werden wir noch besser. Das bringt die Welt weiter und das ist die Lösung.

Die Fragen stellte Henrik Böhme
Redaktion: Zhang Zhang

Der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen e.V. (BGA) vertritt 120.000 Unternehmen in Deutschland. Diese erwirtschaften einen Jahresumsatz von 1,3 Billionen Euro und haben 1,2 Millionen Beschäftigte.