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Ostmitteleuropa

"Es ist verhältnismäßig schlimm"

- Der Politologe Bohumil Dolezal zu den nationalistischen Erscheinungen in Tschechien

Prag, 2.5.2002, RADIO PRAG, deutsch, Martina Schneibergova

Im Zusammenhang mit dem Resultat der ersten Runde der Präsidentenwahlen in Frankreich wurde auch in anderen europäischen Ländern plötzlich allgemein konstatiert, dass es offensichtlich zu einem Ruck nach rechts gekommen ist. In Tschechien kann von einem Rechtsruck nicht die Rede sein. Allerdings wird eine seiner Begleiterscheinungen auch hierzulande beobachtet.

Würde man nach einigen Erklärungen der Politiker aus der letzten Zeit urteilen, könnte man den Eindruck gewinnen, die böhmischen Länder erleben soeben eine Art verspäteter nationaler Wiedergeburt. "Nationale Interessen" bzw. deren Verteidigung vor einem äußeren Feind scheint eine der beliebtesten Zauberformeln im Vokabular der Politiker zu sein. Ist diese nationalistische Rhetorik Bestandteil einer ganz Europa beherrschenden nationalistischen Welle oder ist sie mit Rücksicht auf die im Juni stattfindenden Parlamentswahlen eine rein tschechische Angelegenheit? Der Politologe und Publizist Bohumil Dolezal meinte hierzu:

"Bei uns gibt es Nationalismus seit jeher. Der tschechische Nationalismus ist ein maskierter Nationalismus. Die Hauptthese des tschechischen Nationalismus heißt: Wir sind in Mitteleuropa die einzigen, die keine Nationalisten sind. Alle unsere Nachbarn - Deutsche, Österreicher, Ungarn, Slowaken, Polen - sind mehr nationalistisch, die Tschechen sind die einzigen echten Demokraten und die Demokratie ist die Grundlage unseres nationalen Wesens. Auf der anderen Seite würde ich sagen, der Nationalismus ist bei uns im Aufmarsch und es ist verhältnismäßig schlimm. Aber für eine noch wichtigere Angelegenheit halte ich die Tatsache, dass sich bei uns ein aggressiver politischer Stil durchsetzt, der mit solchen Leuten wie Le Pen oder Haider irgendwie zusammenhängt. Bereits die Kampagne der CSSD in den letzten Wahlen war darauf orientiert, dass es der Regierung um den Hals gehen muss. Dieser politische Stil ist typisch für extreme Parteien und es ist praktisch egal, ob sie sich als links oder als rechts deklarieren. Es bedeutet eine primitive politische Manier, die in einem zivilisierten Land nicht benutzt werden soll."

Ein Teil der Bevölkerung hört jedoch auf diesen populistischen Stil. Bohumil Dolezal dazu:

"Ich habe den Eindruck, dass die Leute bei uns immer einen mächtigen Menschen, eine starke Persönlichkeit erwarten, die Ordnung machen wird. Es hängt damit zusammen, dass sie sich selber nicht vertrauen, dass sie nicht glauben, dass sie etwas ein wenig verbessern können und stattdessen warten sie auf einen Menschen, einen Heiland, der alles verwirklichen wird, was er ihnen verspricht."

Wie aus den Ergebnissen der Meinungsforscher hervorgeht, die vor kurzem vom Zentrum für empirische Forschungen (STEM) zum Thema Tschechen und Nationalismus durchgeführt wurden, sind 75 Prozent der Befragten der Meinung, dass die Tschechische Republik ihre nationalen Interessen auch um den Preis verteidigen soll, falls dadurch Streitigkeiten mit anderen Staaten entstehen. Werden die nationalistischen Proklamationen eher in den Grenzregionen oder eher in den Großstädten akzeptiert? Bohumil Dolezal antwortete hierauf:

"Das ist schwer zu sagen. Ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob die Kampagne so erfolgreich war wie es sich die Parteien von ihr versprechen, denn im letzten Monat sind die Präferenzen der ODS (Demokratische Bürgerpartei - MD) eher gesunken, und das war eben die Zeit, als die nationalistische Kampagne ihren Höhepunkt erreichte. Daher glaube ich, dass es sich herausgestellt hat, dass es nicht so erfolgreich ist, wie es sich die Spitzenpolitiker der ODS versprochen haben. Man kann nicht ausschließen, dass sich die Situation jetzt ein wenig beruhigt, aber selbstverständlich latent wird der Nationalismus weiter existieren, denn er wurde nicht überwunden, er wurde nur aus pragmatischen Gründen - sagen wir - für einen Augenblick beiseite gelassen." (fp)

  • Datum 03.05.2002
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