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Irland

"Es ist mein Zuhause"

In Irland können immer mehr Menschen ihre Hypotheken nicht bedienen. Viele haben in der Krise ihren Job verloren. Im schlimmsten Fall droht ihnen die Zwangsräumung. Die Betroffenen versuchen, sich selbst zu helfen.

Hausbesitzer und -besetzer Andrew Bradshaw. Foto: DW/M. Hartlep

Andrew Bradshaw vor seinem Haus in Mullingar

Andrew Bradshaw hat sich verbarrikadiert - in seinem eigenen Haus in der Kleinstadt Mullingar, eine Autostunde von Dublin entfernt. Durch die Holzpaletten an den Fenstern ist es seltsam dunkel in seiner Wohnküche. Auf der Couch sitzend erinnert er sich an den Tag, als er aus seinem Haus ausgesperrt wurde: "Eine Nachbarin rief mich an und sagte, dass irgendwelche Männer in meinem Garten seien und dass sie meine Hunde weggebracht hätten", erzählt er. "Ich bin sofort nachhause gefahren und stellte fest, dass jemand die Schlösser ausgewechselt hatte."

Hausbesitzer und -besetzer Andrew Bradshaw. Foto: DW/M. Hartlep

Hausbesetzer Andrew Bradshaw

Andrew Bradshaw blieb nichts anderes übrig, als in sein eigenes Haus einzubrechen. Seine Hunde hat er inzwischen wieder bekommen. Jetzt verbringt er die Tage und Nächte vor dem Fernseher, der die Bilder der Überwachungskameras überträgt. Andrew hat sie rings um das Haus installiert. An Schlaf ist in dieser Situation kaum zu denken.

Ein Autounfall habe den Stein ins Rollen gebracht, erzählt er. "Ich verlor meine Stelle und konnte die Schulden nicht mehr zurückzahlen. Ich schaffte es nicht, mit der Bank eine Lösung zu finden."

Nach dem Bauboom der Absturz

Andrew Bradshaws Schicksal ist nicht ungewöhnlich im Irland der Wirtschaftskrise. Tausende Iren haben nach der Jahrtausendwende einen Kredit aufgenommen. Das Land erlebte einen Bauboom ohnegleichen. Viele kauften Häuser für sechsstellige Beträge - auf Kredit.

Als sie in der Wirtschaftskrise ihre Arbeit verloren, war an eine Rückzahlung nicht mehr zu denken. Jeder sechste Immobilienbesitzer ist in Zahlungsschwierigkeiten. Die Häuser sind jetzt nur noch einen Bruchteil des ursprünglichen Preises wert. Die Banken aber bestehen auf der vollen Rückzahlung der Kredite.

Wirtschaftsexperte Professor Philip Lane. Foto: DW/M. Hartlep

Wirtschaftprofessor Philip Lane

Professor Philipp Lane, Wirtschaftswissenschaftler am Trinity College in Dublin, beschäftigt sich seit Jahren mit der Immobilienkrise in Irland: "Damals waren die Leute zuversichtlich. Die Banken vergaben Kredite - acht- bis zehnmal so hoch wie ein Jahreseinkommen", erklärt er. "Die Zinsen waren so niedrig, dass manche Leute sich eine Festhypothek mit langer Laufzeit und vereinbarten Zinssätzen holten. Ganz nach dem Motto: Ich zahle erstmal nur die Zinsen zurück und später dann den Kredit."

Dann aber sei die Immobilienblase geplatzt und die Preise stürzten ins Bodenlose, sagt Lane. Doch je mehr Menschen wegen der Krise ihre Arbeit verloren, desto kritischer wurde die Lage. "Was zunächst erschwinglich schien, wurde ganz schnell unbezahlbar."

Gemeinsame Blockaden

Auch Trish Bernette kennt die Problematik aus eigener Erfahrung. Die 47-jährige Fitness-Trainerin musste vor zwei Jahren aus ihrem Haus ausziehen, nachdem sie die Hypothek nicht mehr bedienen konnte. Kurz darauf startete sie einen Blog und ging mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Innerhalb weniger Tage erhielt Trish Bernette hunderte Zuschriften von Menschen, denen es ähnlich ging.

Anti-Eviction Taskforce Aktivistin Trish Bernette. Foto: DW/M. Hartlep

Aktivistin Trish Bernette

Überwältigt von diesem Echo gründete sie zusammen mit Gleichgesinnten die Anti-Eviction Taskforce. Die Organisation berät Menschen, die von Zwangsräumungen bedroht sind und blockiert Häuser, die zwangsversteigert werden sollen. Fast 2500 Menschen haben sich der Anti-Eviction Taskforce inzwischen angeschlossen.

Die passive Haltung der Regierung sei der Grund gewesen, die Organisation zu gründen, sagt Trish Bernette. "Jeden Tag schreiben wir Briefe an die Politiker. Wir haben ihnen Gutachten geschickt. Keine Reaktion. Es ist einfach ungerecht."

Hausbesetzen und Blockieren allein sei aber keine Lösung, räumt Trish Bernette ein. Immobilienbesitzer mit Zahlungsschwierigkeiten sollten sich bemühen, die Schulden weiter zu bedienen – seien die Raten auch noch so klein.

Wie weiter nach der Barrikade?

Andrew Bradshaw in Mullingar legt letzte Hand an die Barrikaden, die seine Eingangstür blockieren. Das Material dafür bekommt der arbeitslose Klempner von Kleinunternehmern im Ort geschenkt.

Die Bank von Andrew Bradshaw, Pepper Assett Servicing, will zu seinem Fall keine Stellung nehmen. Schriftlich teilte sie jedoch mit: "Wir unterstützen unsere Kunden dabei, ihre finanziellen Probleme in den Griff zu bekommen und in ihren Häusern zu bleiben. Vorausgesetzt sie arbeiten konstruktiv mit uns an Lösungen. Zahlreiche Beispiele belegen das."

Auch Andrew Bradshaw hält sich bedeckt, wenn es um seine Zahlungen an die Bank und den Schriftwechsel geht. Nur so viel: Einen Brief, dass eine Zwangsräumung bevorstehe, habe er nie bekommen. Seiner Meinung nach ist das Vorgehen der Bank verfassungswidrig. Einen Anwalt, der ihn vor Gericht vertritt, kann er sich aber nicht leisten.

Und so ist er auch unsicher, was die nächsten Wochen bringen werden. "In dieser Situation kann ich nur positiv denken. Wenn man darüber nachdenkt, was passieren könnte, wird man verrückt. Mir bleiben nur die Hoffnung und das Vertrauen, dass am Ende alles gut wird."

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Hilfe für Hausbesitzer in Not

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