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Ostmitteleuropa

"Es ist heute nicht leicht Deutscher zu sein, aber es fällt noch schwerer, Nachbar Deutschlands zu sein"

Posen, 7.9.2003, WPROST, poln., Krystyna Grzybowska

Was denken die Deutschen wirklich über den Nationalsozialismus, über die Besetzung Polens und über den Holocaust? Ist die in unserem Land verbreitete Bewunderung für die Worte des deutschen Außenministers Joschka Fischer berechtigt, dass es keine Gleichstellung zwischen der Tragödie der Opfer und dem Drama der Verursacher gibt, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden? Die Schüler deutscher Gymnasien haben nicht viel Gelegenheit zu erfahren, welche Verbrechen an Polen und an anderen Nationen von den Deutschen begangen wurden. Nur die Geschichte des Holocaust, der von den Nazis, d. h. einer Gruppe um Hitler verursacht wurde, wird akribisch analysiert. Die deutschen Schüler wissen nur, dass der Krieg ausbrach, dass Polen besetzt wurde und dass die Deutschen den Krieg verloren haben. (...)

Im Bewusstsein der jungen Generation entsteht auf diese Weise eine seltsame Lücke, die von solchen Menschen wie Erika Steinbach ausgefüllt wird. Auch ihr wurde in der Schule erklärt, dass die Deutschen nichts von den Konzentrationslagern und von den Morden an der Zivilbevölkerung in den von den Nazis überfallenen Ländern wussten. Trotz dieser Unwissenheit wurden aber dann die Deutschen im Rahmen "ethnischer Säuberungen" aus ihrer Heimat vertrieben.

Seit vielen Jahren ist die polnisch-deutsche Bücherkommission tätig, deren Aufgabe darin besteht, die Wahrheit über die Beziehungen zwischen den beiden Ländern wieder ans Licht zu bringen. Diese Kommission agiert aber langsam und aus diesem Grunde ist zu befürchten, dass die Wahrheit durch Klischees, durch Veröffentlichungen des Bundes der Vertriebenen und durch Absichtserklärungen von Politikern sowohl linker als auch rechter Parteien ersetzt wird. Diese Politiker schauen ruhig zu, wenn Erika Steinbach, eine Bundestagsabgeordnete der CDU, ohne eine Spur von Scham die Polen beschuldigt, ethnische Säuberungen an den Deutschen begangen zu haben.

Im Internet kann man ein Elaborat von einem der Aktivisten des Bundes der Vertriebenen, Rolf-Josef Eibicht, lesen, das vom polnischen und tschechischen Imperialismus handelt. Rolf Josef Eibicht ist Politologe von Beruf und gleichzeitig Autor des Buches "Unterdrückung und Verfolgung der deutschen Patrioten". Aus seinen Texten kann jeder, der will, entnehmen, dass die Polen und die Tschechen seit jeher die unschuldigen Deutschen ermordet und ethnische Säuberungen durchgeführt haben. (...)

Das grenzenlos unverschämte und lügenhafte Elaborat von Rolf-Josef Eibicht, der eigentlich aufgrund des Gesetzes über Volksverhetzung und Verleitung zum Rassenhass rechtlich verfolgt werden sollte, gehört zu den vielen in letzter Zeit unternommenen Versuchen, die deutsche Geschichte neu zu schreiben. In dieser Version der Geschichte war und ist Polen der wahre und der einzige Feind. Solche Personen wie Eibicht haben Angst, die Juden anzurühren, aber wie man sieht, können sie ohne etwas befürchten zu müssen, sich auf Kosten der Polen austoben. (...)

Es ist heute nicht leicht, Deutscher zu sein, obwohl es noch schwerer fällt, Nachbar Deutschlands zu sein. Als sich 1989 Bundeskanzler Helmut Kohl und Premierminister Tadeusz Mazowiecki in Krzyzowa (Kreisau) als Zeichen der Versöhnung zwischen den beiden Völkern umarmt haben, schien es, dass der seit langem erwartete Durchbruch in den polnisch-deutschen Beziehungen endlich vollzogen wurde. In der Tat berichteten die Medien in den darauf folgenden Jahren darüber, dass die Zukunft und eine gutnachbarschaftliche Zusammenarbeit am wichtigsten seien und dass alles, was geschah, der Vergangenheit angehöre. Es erwies sich jedoch, dass diese Freude verfrüht war und dass die gegenwärtige Realität sehr düster ist.

Wie konnte der Text von Eibicht überhaupt entstehen? Wie konnte Erika Steinbach, die zwar genauso wie der Politologe denkt, dies aber in einer verhüllten Weise zum Ausdruck bringt, überhaupt ins politische Rampenlicht der Bundesrepublik Deutschland treten? Die Deutschen gelten in Europa als ein krankes Volk und dahinter verbirgt sich viel an Wahrheit. Als Folge der fürchterlichen Verbrechen, die an den Völkern Europas begangen wurden, gab es die Entnazifizierung, die sich jedoch nur auf den Holocaust und die Verurteilung der Täter beschränkte. Als Täter wurden dabei jedoch "sie" genannt. In den deutschen Familien wird die Wahrheit darüber vor den Kindern verborgen, welche Verbrechen ihre Väter und Großväter begangen haben. Es entstand ein falsches Bild des Krieges, das zwar voller Selbstgeißelung ist, zu dem aber gleichzeitig auch ein stiller Widerstand gegen die ungerechte Beschuldigung des ganzen Volkes gehört, dem Aggression und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Last gelegt werden.

Den Deutschen ist es nicht gelungen, in ihrer Geschichte positive Seiten und Musterbeispiele zur Nachahmung zu finden, und aus diesem Grunde entstand nach der Wiedervereinigung ein Chaos in ihren Köpfen. Die ehemaligen Bürger der DDR wurden gegen die Nazis durch den Staat indoktriniert und negativ gegenüber der Bundesrepublik eingestellt. Die Deutschen im Westen dagegen sind in den Pazifismus geflüchtet.

Der Pazifismus sollte die Erlösung sein. Er erfüllte aber diese Rolle nicht. Eine wirkliche Erlösung könnte der Patriotismus sein, der nur auf der Selbsterkenntnis und der Wahrheit basiert. Aber die Deutschen kennen dieses Gefühl nicht. In der Bundesrepublik Deutschland wurde versucht, einen "Verfassungspatriotismus" zu erzeugen, d. h. den Stolz auf die gesetzliche Ordnung. In der ehemaligen DDR dagegen wurde der sozialistische und ideologische Patriotismus eingeimpft. Es hatte den Anschein, dass die Wiedervereinigung Deutschlands der Anfang eines normalen Patriotismus in Europa sein werde, aber dazu kam es nicht.

Bei ihrer Suche nach positiven Eigenschaften, die das Volk vereinigen könnten, wiesen die deutschen Politiker auf die parlamentarische Demokratie und die wirtschaftlichen Errungenschaften hin. Es fällt jedoch schwer den Bundestag und das Scheckbuch zu lieben. Nur die Liebe zur Heimat ermöglicht es, das Schlimmste zu überwinden und die schlimmste historische Wahrheit zu akzeptieren.

Die Deutschen haben Probleme, ihre eigene Vergangenheit zu bewältigen, aber sie haben kein Recht darauf, die eigenen Komplexe auf Kosten der Polen zu heilen. (...) (Sta)

  • Datum 12.09.2003
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