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Fußball

"Es ist ein anderes Spiel"

Im wichtigsten WM-Qualifikations-Spiel muss die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Russland antreten. In Moskau betritt die DFB-Auswahl ungewohntes Terrain: Sie spielt zum ersten Mal auf Kunstrasen. Ein Nachteil?

Ostkampfbahn Köln Kunstrasen (Foto DW/Olivia Fritz)

Kunstrasen im Schatten des Kölner WM-Stadions

"Fußball gehört auf den Naturrasen und nicht auf einen Kunstrasen." Diese Meinung teilen sicher so ziemlich alle Fußballer - egal ob Profi oder Amateur - mit Sebastian Masuch. Der Torwart des Sechstligisten FC Junkersdorf aus Köln spielt mit seinem Team auf der Ostkampfbahn direkt neben dem Kölner WM-Stadion. Ein Kunstrasenplatz, auf dem der Ball ganz anders rollt als auf Naturrasen. "Beim Pass-Spiel ist er berechenbarer, aber als Aufsetzer oder wenn der Platz nass ist, ist er für einen Torwart unberechenbarer", so Masuch.

Daniel Zillken, Trainer FC Junkersdorf (Foto DW/Olivia Fritz)

Trainer Zillken auf dem ungeliebten Grün

"Es ist ein anderes Fußballspielen", gibt ihm sein Trainer Daniel Zillken Recht. "Der Ball wird schneller, gerade, wenn man lange Bälle spielt oder wenn der Platz nass ist. Dann bekommt der Ball unwahrscheinlich Fahrt. Man muss sehen, dass man passgenau spielt." Technik und Präzision spielen also eine wichtige Rolle – und an das Spiel auf dem Kunstrasen muss man sich erst einmal gewöhnen. "Wir haben schon einen kleinen Vorteil. Wir wissen, wie der Ball springt. Trotzdem glaube ich, dass viel im Kopf entschieden wird, gerade im Profifußball."

Alles Kopfsache also? Das sieht Schalke-Trainer Felix Magath aber ganz anders. Er kennt den Kunstrasen in Moskau noch allzu gut aus seiner Zeit beim FC Bayern. "Ich habe da überhaupt kein Verständnis dafür, dass auf so einem Niveau, bei einer solch bedeutungs- vollen Partie eine Mannschaft so einen Wettbewerbsvorteil bekommt." Mit dieser Meinung steht er nicht allein. FIFA-Präsident Joseph Blatter kann diese Klagen nicht mehr hören. "Das ist doch keine Wettbewerbsverzerrung. Kunstrasen ist die Zukunft." Schon zwei U17-Weltmeisterschaften wurden teilweise oder ganz auf Kunstrasen ausgetragen. Und nicht nur im Luschniki-Stadion in Moskau, sondern beispielsweise auch in Salzburg und in Bern spielt man auf Kunstrasen.

Unterschiede wissenschaftlich nicht nachweisbar

Gibt es wirklich einen Vorteil? Wolfgang Potthast vom Institut für Biomechanik an der Sporthochschule Köln wollte es ganz genau wissen und hat die Bewegungsmuster von Spielern untersucht – auf Kunstrasen im Vergleich zum Naturrasen. Das Ergebnis: "Die Schüsse sind weniger platziert, schwächer und die Spieler bewegen sich ganz anders, vorsichtiger."

Dr. Wolfgang Potthast vom Institut für Biomechanik, Deutsche Sporthochschule Köln (Foto: DW/Olivia Fritz)

Potthast: Keine Unterschiede messbar

Das gilt allerdings nur für einen schlechten Kunstrasen mit schlechtem Füllmaterial – das kann zum Beispiel Sand sein oder ein Granulat-Gemisch. Außerdem spielt die Pflege eine große Rolle: Wenn das Füllmaterial zu komprimiert ist, die Halme plattgetreten und nicht aufgebürstet sind. Auf einem gut gepflegten Platz hat Potthast keine messbaren Unterschiede feststellen können. Das deckt sich mit Ergebnissen anderer Studien. "Beim spieltaktischen Verhalten wird auf Kunstrasen etwas weniger über die Außen gespielt und der Pass in den Fuß wird dem Pass in den Lauf vorgezogen. Die Verletzungshäufigkeit unterscheidet sich nicht."

Glaubt man der Wissenschaft, ergibt sich bei einem guten Platz – der Platz in Moskau unterliegt den FIFA-Kriterien – also kein Vorteil für die Russen. Denn: Spielstarke Teams wie die deutsche Nationalmannschaft sollten keine Probleme haben.

DFB-Elf testet "Plastikrasen" in Mainz

Bundestrainer Joachim Löw (Foto dpa)

Bundestrainer Löw lässt auf Kunstrasen trainieren

Um sich trotzdem optimal vorzubereiten, hat der DFB den Kunstrasenplatz in Mainz ausfindig gemacht, der fast identisch ist mit dem in Moskau. Nach dem ersten Training herrscht im DFB-Lager Zuversicht. "Kein Problem", findet Nationalstürmer Lukas Podolski, der in der Jugend beim 1. FC Köln oft auf Kunstrasen gepielt hat.

Ähnlich sieht es DFB-Teammanager Oliver Bierhoff. "Wir können lamentieren, wie wir wollen. Wir müssen auf dem Untergrund spielen." In den insgesamt fünf Trainingseinheiten sollen laut Bundestrainer Joachim Löw vor allem Pass-Präzision sowie Ball-An- und -Mitnahme geübt werden. "Was die Formation betrifft, gibt es Überlegungen, welche Spieler prädestiniert sind, Aufgaben auf Kunstrasen zu bewältigen", machte Löw vor allem den technisch beschlagenen und quirligen Spielern wie Mesut Özil, Marko Marin oder Piotr Trochowski Hoffnungen.

Entscheidend ist auf dem Platz

Gelber Elfmeterpunkt auf einem Kunstrasenplatz (Foto: DW/Olivia Fritz)

Sieht künstlich aus - macht aber nicht schmutzig

Zurück zu den Kickern vom FC Junkersdorf, die wie viele Teams in den unteren Ligen immer häufiger auf Kunstrasen spielen: Die Plätze sind pflegeleichter und im Winter besser bespielbar. Außerdem kostet die aufwändige Renovierung eines alten Asche-Platzes oft genauso viel wie ein neuer Kunstrasenplatz. Und es gibt da noch einen weiteren Vorteil, mit dem der Junkersdorfer Kapitän Matthias Börger die Profis aber sicher nicht überzeugen kann: "Man bringt nicht soviel Dreck nach Hause, da die Klamotten nicht dreckig werden. Für diejenigen, die noch selber waschen müssen, ist das ein großer Vorteil."

Autorin: Olivia Fritz
Redaktion: Wolfgang van Kann

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