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Digitales Leben

Es ist automatisch

Marcus Bösch frönt einem neuen Hobby und wettert gegen die Automatisierung - bis ihm eine Idee kommt. Die hat sogar mit Aristoteles zu tun. Aber nur am Rande. Und ist auch noch fies. Und schrecklich gemein.

Ich liege im Bett. Natürlich mit meinem Computer. In einem Tab des Browsers läuft gerade "Modern Times" von Charlie Chaplin aus dem Jahr 1936. Die Stelle mit der verrückten Ess-Maschine, die Chaplin die ganze Zeit automatisch Essen in den Mund stopft. Vielleicht kennen Sie die. Allerdings läuft nur das Bild. Den Ton habe ich ausgestellt.

2344 Jahre

In einem zweiten Tab geöffnet ist nämlich das Musikvideo zum Lied "It´s Automatic“ der britischen Synth Pop Band Zoot Woman aus dem Jahr 2001. Sehr kalt, sehr synthetisch und natürlich passt der Sound perfekt zum absurden Kampf Chaplins mit der Maschine. Das funktioniert auch mit anderen Videos. Probieren Sie es mal. Es gibt sehr viele Kombinationsmöglichkeiten.

Szene aus dem Film Moderne Zeiten mit Charlie Chaplin (Schwarz-weiß-Foto: picture-alliance/dpa)

Chaplin ist kurz davor, vom Automatismus zermalmt zu werden

Jetzt geht es aber erstmal um Automatisierung. Bitte! Ich zitiere auch Aristoteles. Bei dem landet man schnell, wenn man Automatisierung googelt. Denn Aristoteles fand Automatisierung auch echt gut und träumte von Werkzeugen, die auf Geheiß oder auch vorausahnend das ihnen zukommende Werk verrichten könnten. Wäre Aristoteles 2344 Jahre alt geworden, dann könnte er heute - vermutlich leicht geschwächt - seinen Wunsch erfüllt sehen.

Denn ohne weiteres ist es heutzutage möglich, eine Status-Mitteilung bei Facebook automatisch auch bei Twitter zu posten beziehungsweise posten zu lassen. Das macht die Maschine. Es ist automatisch.

IFTTT oder GIFT

Zumindest sollte es automatisch sein. Aber immer wenn etwas automatisch funktionieren soll, kann es genauso gut sein, dass es nicht funktioniert. Letzte Woche hat dieses Feature (so nennt man so eine Funktionalität) nicht hingehauen, worauf ein Blogger des Blogs "Techcrunch" einen launigen Artikel darüber geschrieben hat. Mit der sehr langen Überschrift "Facebook hat ein paar Probleme mit der Cross-Posting Funktionalität zu Twitter, niemanden interessiert das. Aus Gründen.“

Büste von Aristoteles aus Marmor (Foto: public domain)

Aristoteles hatte schon vor zwei Jahrtausenden Visionen von Automaten

Der Hauptgrund, den der Autor anführt, liegt in der absoluten Verdammung von automatisierten Weiterleitungen im Internet. Warum? Weil sie einen komplett wahnsinnig machen.

Der Wahnsinn hat einen Namen und der hat fünf Buchstaben und die lauten I und F und dann dreimal T. Ausgesprochen wird das wie das deutsche Wort "Gift" ohne G. Und das passt sogar. Denn das was der Dienst IFTTT anbietet und verharmlosend "Rezepte" nennt, kann bei unsachgemäßer Betätigung alles zerstören.

Süßigkeiten-Sensor

IFTTT ist das Epizentrum des Cross-Postings. Hier kann man mit ein paar Klicks einen von mehr als 50 Webdiensten mit einem anderen Webdienst verbinden. Poste ich einen Blogeintrag beim Dienst Blogger, wird der automatisch auch bei Facebook gepostet und dann auf Wunsch munter weiter durchgereicht. Zwar ist Twitter vor einiger Zeit ausgestiegen, dafür arbeitet man bei IFTTT aber angestrengt an der Verbindung von digitaler und analoger Welt.

Verbinden kann man nämlich auch internetfähige Heimsteuergeräte. Die ermöglichen es dann zum Beispiel, dass eine SMS geschickt wird, sobald ein angeschlossener Bewegungsmelder im Haus eine Bewegung registriert.

Blogger Martin Weigert weist bei Netzwertig.com darauf hin, dass Menschen mit Kindern auch einen Sensor in der Nähe von Süßigkeiten platzieren können. Greifen die unwissenden Kleinen mit ihren Ärmchen danach, schreibt der Sensor direkt eine Mail, oder - noch fieser - er schreibt etwas Demütigendes auf die Facebook-Profile der armen Kinder (Ja, manche Eltern machen so was, sie legen Facebook-Profile für ihre Kinder an!).

Like!

Genau jetzt denken Sie bitte noch mal an Chaplin. Denn wäre es nicht viel viel schöner, das Prinzip umzukehren? Wenn Sie irgendwo auch nur irgendwas bei Facebook liken, stopft ein umgebautes Heimsteuergerät ihrem Nachwuchs Schokoladendrops in den Mund. Chaplin staunt. Und Aristoteles wundert sich.

DW-Netzkolumnist Marcus Bösch (Foto: DW/M.Bösch)

DW-Netzkolumnist Marcus Bösch

Marcus Bösch war irgendwann 1996 zum ersten Mal im Internet. Der Computerraum im Rechenzentrum der Universität zu Köln war stickig und fensterlos. Das Internet dagegen war grenzenlos und angenehm kühl. Das hat ihm gut gefallen.

Und deswegen ist er einfach da geblieben. Erst mit einem rumpelnden PC, dann mit einem zentnerschweren Laptop und schließlich mit geschmeidigen Gerätschaften aus aalglattem Alu. Drei Jahre lang hat er für die Deutsche Welle wöchentlich im Radio die Blogschau moderiert. Seine Netzkolumne gibt es hier jeden Donnerstag neu.

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