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Brasilien

"Es gibt nichts Besseres als diese Familie"

Aus den USA sind sie angereist, aus Berlin und London. Und natürlich kamen auch die Brasilianer. Denn für die Familie ist den Hamburgers und Liepmanns und wie sie alle heißen, kein Weg zu weit.

Das hätte Charlotte Hamburger sicher gefallen. Ein Treffen ihrer Kinder, Enkel, Urenkel, Nichten und Neffen! Rund 50 Menschen, junge und ältere, die von drei Kontinenten zusammen gekommen sind und ein paar Tage lang miteinander lachen, reden, feiern. Sie sprechen verschiedene Sprachen, portugiesisch, englisch, deutsch, und einige von ihnen lernen sich erst jetzt, im Juni 2012, hier in Brasilien kennen. In Sao Paulo, im Haus von Ernst Wolfgang Hamburger, und bei einer sich anschließenden Landpartie.

Berliner Wurzeln

Ernst Wolfgang ist das vierte und jüngste Kind von Charlotte Hamburger, geb. Liepmann (1899-1977), und deren Mann Hans Hamburger (1892-1953). Geboren wurde er in Berlin. Dort, in der idyllischen, am Grunewald gelegenen Eichkamp-Siedlung, hat er zusammen mit den Geschwistern Hugo, Adelheid und Stefan seine ersten drei Lebensjahre verbracht. 1936 emigrierte die Familie dann nach Brasilien. Der endgültige Entschluss, das nationalsozialistische Deutschland zu verlassen, war am 17. Dezember 1935 gefallen.

An diesem Tag läutete es morgens um sieben bei den Hamburgers. Ein Gerichtsbote überbrachte dem Hausherrn, der seit 1931 Landgerichtsdirektor und Staatsbeamter war, die Entlassung. "In diesem Augenblick", notierte Charlotte Hamburger später, "zersprang etwas in Hansens Herz". Nie hatte ihr Mann, der aus einer liberalen, assimilierten jüdischen Familie stammte, an seiner Zugehörigkeit zum deutschen Volk gezweifelt. Deshalb war er 1914 auch ganz selbstverständlich als Offizier für sein Vaterland in den Ersten Weltkrieg gezogen. Für seinen Patriotismus bezahlte er einen hohen Preis: der Jurist wurde 1918 während einer Schlacht in Belgien so schwer verletzt, dass sein linker Arm amputiert werden musste. Der rechte funktionierte seitdem nur noch eingeschränkt.

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Gabriel Mandel, der Urenkel von Hans und Charlotte Hamburger, über die Großfamilie

Hans Hamburger baute sich trotz seiner Schwerbeschädigung eine Existenz auf, er gründete eine Familie und vertraute darauf, dass die Nationalsozialisten ihn verschonen würden. Schließlich hatte Reichskanzler Paul von Hindenburg den kriegsbeschädigten Offizieren versichert, der "Dank des Vaterlands ist Euch gewiss".

Am 17. Dezember 1935, mit Erhalt der Kündigung, erlosch Hans Hamburger Liebe zu Deutschland jäh. Nun begannen er und seine Frau ernsthaft, die Emigration zu planen. Nur noch wenige Länder standen jüdischen Auswanderern offen, Freunde in Brasilien rieten zur sofortigen Auswanderung dorthin. Doch es sollten neun Monate vergehen, bis sich die Hamburgers schließlich auf der "Cap Arcona" nach Santos einschifften.

Aufbruch in ein neues Leben

1966, 13 Jahre nach dem Tod ihres Mannes, hat Charlotte Hamburger begonnen, die Geschichte jener Jahre aufzuschreiben - für ihre Kinder und Enkel. Damit die sich eine Vorstellung vom jüdischen Leben in Berlin machen können, damit sie von Ängsten und Nöten erfahren, von der tiefen Liebe der Familie zu Deutschland und von der Erleichterung über die geglückte Flucht.

"Es mag heute sonderbar scheinen", schrieb Charlotte Hamburger, "dass die meisten unseres Kreises sich gezwungenermaßen zur Ausreise entschlossen; wir waren zu tief mit der deutschen Kultur und Natur verbunden, um uns leichten Herzens loszureißen; (… ) um die politische Lage richtig zu beurteilen, verlangte es auch Kraft, die nackte, grausame Wahrheit unverblümt zu sehen und sich von allem Liebgewonnenen zu trennen, sowie Wagemut und Unternehmensgeist für den Aufbau einer neuen Existenz im Ausland."

Ernst Wolfgang Hamburger und Doris Liepmann-Partan (Foto: DW/Silke Bartlick)

Ernst Wolfgang Hamburger und Doris Liepmann-Partan

Die Hamburgers sind schließlich in ihrer neuen Heimat angekommen, sie haben dort Freunde gefunden, Arbeit und neue Aufgaben. Sie sind Brasilianer geworden. Und sie haben ihren Kindern viel mitgegeben: Klugheit, Talente und einen ausgeprägten Familiensinn. Dem ist auch das große Familientreffen im Juni 2012 zu verdanken. Immer wieder standen Männer und Frauen, Jugendliche und Kinder in diesen Tagen um die Kopie eines ausufernden Stammbaums, der bis in das Jahr 1799 zurückreicht. Ihren eigenen Namen haben sie gesucht, Linien verfolgt, sich der Beziehungen vergewissert – über Ländergrenzen hinweg, von Brasilien bis nach Europa und Nordamerika. Und dann haben sie wieder über andere Dinge gesprochen, haben Spiele gespielt, gemeinsam gegessen und sind spazieren gegangen. Immer hat man gespürt, dass sie sich mögen. Und dass sie alle irgendwie stolz auf diese Familie sind.

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