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Deutschlehrer-Info

„Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß“

Einander zuhören und andere Meinungen akzeptieren: Wo die Politik oft an ihre Grenzen stößt, zeigen Schüler aus Mittel- und Osteuropa, dass es auch anders geht: beim Wettbewerb „Jugend debattiert international.“

Wenn die Glocke das erste Mal leise klingelt, dann weiß Ivan Michňa, dass er nicht mehr viel Zeit hat. Seine Redezeit ist fast abgelaufen. Der 18-jährige Schüler aus Tschechien holt noch einmal tief Luft, dann sprudelt es aus ihm heraus. Ivan Michňa ist einer von 16 Jugendlichen, die sich bei dem deutschsprachigen Schülerwettbewerb „Jugend debattiert international“ bis zum Finale gekämpft haben. In Warschau tritt der Schüler aus Prag jetzt gegen die internationale Konkurrenz an.

Persönliche Geschichten – leidenschaftliche Debatten

Bild von Ivan Michňa

Ivan Michňa gefällt die inhaltliche Vorbereitung

Drei Tage gemeinsames Debattieren und Programm liegen hinter Ivan und den anderen Jugendlichen. Heute ist Halbfinaltag. Das Thema: „Sollen Denkmäler, die nicht mehr den Grundsätzen der Gegenwart entsprechen, entfernt werden?“ Ivan Michňa steht ganz links. Er vertritt die Pro-Seite. Die Positionen werden kurz vor Beginn ausgelost. Egal ob Pro oder Contra, für beide Seiten müssen die Teilnehmer schlagfertige Argumente parat haben. „Mir gefällt vor allem, die Themen im Vorfeld zu recherchieren“, erzählt Ivan. Denn die Jury achtet besonders darauf, wie gut die Teilnehmer inhaltlich vorbereitet sind.

Wie auch seine Mitstreiter und Mitstreiterinnen kann er Beispiele aus seinem eigenen Land mit in die Debatte einbringen. Wie man mit historischen Denkmälern umgehen sollte, mit dieser Frage können sie alle etwas anfangen. Viele von ihnen kommen aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion – etwa aus Estland, Litauen oder der Lettland. „Mit den Denkmälern verherrlichen wir autoritäre Regime und beleidigen die Opfer“, betont Ivan bereits zu Beginn der Debatte. Mit seinen Argumenten kann der junge Tscheche bei der Jury im Halbfinale punkten. Er zieht in die Finalrunde ein und wird am Ende den vierten Platz belegen.

Fragen, auf die auch die Erwachsenen keine Antwort haben

Bild von Ansgar Kemmann

Für Ansgar Kemmann geht es vor allem ums gegenseitige Zuhören

Dass die Schüler und Schülerinnen auf dem Podium über aktuelle Themen aus Politik und Gesellschaft debattieren, ist den Organisatoren ein besonderes Anliegen. „Jeder von ihnen hat dazu einen Bezug“, erklärt Ansgar Kemmann von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung. Er hat den Wettbewerb vor über zehn Jahren mit ins Leben gerufen. Zunächst fand er nur an Schulen in Deutschland statt. Seit 2005 gibt es das Projekt, das unter anderem vom Goethe-Institut mit organisiert wird, auch an Schulen in Mittel- und Osteuropa. Die Debattiersprache allerdings ist auch hier die gleiche: Deutsch.

Für Ansgar Kemmann ist das Zusammentreffen der Jugendlichen aus Polen, Russland und der Ukraine viel mehr als nur ein Debattierwettbewerb. Es gehe vor allem um die Kunst, einander zuzuhören. „Bei einer Debatte kann ich immer wieder entdecken, dass der andere etwas gesehen hat, was ich selbst noch nicht gesehen habe“, erklärt Kemmann. Am Ende einer Diskussion müsse deswegen auch kein klares Ergebnis stehen: „Wir stellen den jungen Menschen Fragen, auf die selbst die Erwachsenen keine Antwort haben“, betont Kemmann.

„Natürlich sprechen wir über den Konflikt in der Ostukraine“

Bild von Daniela Radanowytsch

Daniela Radanowytsch aus der Ukraine: Auch Politik spielt eine Rolle

Auch drei Schülerinnen aus Russland und der Ukraine sind zum Finale nach Warschau gereist. Die 16-jährige Daniela Radanowytsch kommt aus dem ukrainischen Lemberg. In den vergangenen Tagen stand sie mit ihrer russischen Mitstreiterin gemeinsam auf einer Bühne, sie haben mit- und gegeneinander debattiert und lagen sich nach anstrengenden Diskussionen in den Armen. „Natürlich haben wir auch über den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine gesprochen“, erzählt die Schülerin. „Es interessiert mich, was andere dazu sagen.“ Probleme habe es deswegen nicht gegeben. „Jeder hat eine andere Weltanschauung, und das akzeptiere ich“, sagt die junge Ukrainerin.

Debattieren, bis die Stimme wegbleibt

Ihre ganz persönlichen Debatten führen Daniela Radanowytsch und die anderen Finalisten auch dann weiter, wenn das offizielle Programm längst vorbei ist: beim Abendessen oder im gemeinsamen Hotelzimmer. „Wenn wir unter uns sind, sprechen wir auch über sehr sensible politische oder gesellschaftliche Themen“, erzählt der 19-jährige Kajetan Tyliński aus Polen. Er hat vor einigen Jahren selbst debattiert und ist dieses Mal als Mentor und Juror mit dabei.

Bild von Kajetan Tyliński

Kajetan Tyliński: Es gibt immer etwas dazwischen

Die Nacht zuvor hätten sie stundenlang beisammen gesessen und wild diskutiert, erzählt der Student. Zum Beispiel über Abtreibung und Homosexualität. Das sei dann fast ein wenig so, wie beim Debattieren auf der Bühne. Denn genauso wie im Wettbewerb ginge es bei ihren Gesprächen nicht um ein Richtig oder Falsch, sondern darum, einander zuzuhören und unterschiedliche Meinungen zu akzeptieren. „Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß“, betont der 19-Jährige. „Es gibt immer auch etwas dazwischen – also Grau.“ Das sei für ihn das Wichtigste, was er beim Debattieren gelernt habe.

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