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Kultur

"Es gibt nicht eine geschichtliche Wahrheit"

Deutsche Schüler auf Nahost-Reise begegnen Israelis und Palästinensern. Es entsteht eine Film-Dokumentation, die den Blick junger Deutscher auf den Konflikt radikal verändert. Filmemacher Johannes Gulde im Gespräch.

Deutsche Welle: Herr Gulde, die Dokumentation, die Sie als Filmemacher über die Reise der Jugendlichen nach Israel gedreht haben, ist hauptsächlich für den pädagogischen Einsatz gedacht. Wie macht man eine so schwierige Thematik für Schüler nachvollziehbar?

Johannes Gulde: Da haben Pädagogen vom israelisch-palästinensischen Friedensforschungsinstitut PRIME vorgearbeitet. Sie haben nämlich Geschichtsbücher auf israelischer und palästinensischer Seite untersucht und festgestellt, dass keine Seite die andere wahrnimmt. Die Palästinenser sehen den Holocaust nicht, und die israelische Seite sieht nicht Flucht und Vertreibung, die mit der Gründung des Staates einhergingen. Dieser Ansatz hat dazu geführt, dass sie ein neues Schulbuch geschrieben haben. Darin kommen beide Seiten - links das israelische, rechts das palästinensische Narrativ, die Erzählung - zu Wort.

Welche Rolle hat dieses Buch für Ihren Film gespielt?

Wir haben uns gefragt, warum dieser Ansatz nicht auch dazu dienen kann, den Nahost-Konflikt im Geschichtsunterricht in Deutschland zu vermitteln. Wer das Buch durcharbeitet, hat ein Aha-Erlebnis. Man stellt nämlich fest - das gilt auch für die Schüler, mit denen wir die Nahost-Reise gemacht haben - dass es nicht eine geschichtliche Wahrheit gibt. Sondern dass Geschichte auch mit gleichen Fakten unterschiedlich interpretiert werden kann.

Sie haben die Schüler auf ihrer Reise mit einer jungen Israelin und einem jungen Palästinenser zusammengebracht, die genau für diesen unterschiedlichen Blick auf identische Fakten stehen. Was hat das bei den Schülern ausgelöst?

Das war wichtig, denn es hat einen Lernprozess ausgelöst. Sie haben sich gefragt, warum die beiden miteinander zusammenarbeiten können. Sie kamen selber darauf und sagten, da gibt es ein gemeinsames Verständnis von Menschenrechten, aufgrund dessen die Israelin Lotty Camerman und der Palästinenser Ali Abuawwad miteinander kommunizieren konnten.

Schülergruppe in Israel, im Hintergrund sind Hügel und Siedlungen zu erkennen (Foto: TerraMedia)

Reise in ein zerrissenes Land: die Schülergruppe aus Deutschland

Waren die Jugendlichen nicht häufig hin- und hergerissen zwischen dem Verständnis für die unterschiedlichen Seiten?

Für sie war der entscheidende Schritt, vom Schulbuch in die Realität zu kommen. Diese Realität heißt, an der Mauer zu stehen, die Realität heißt, palästinensische Familien kennenzulernen, die unter der Besatzung leiden, die Realität heißt, eine israelische Familie zu treffen, die durch einen palästinensischen Selbstmordanschlag eine Tochter verloren hat. Dieser Schritt in Kenntnis des Narrativs hat allen Schülern geholfen. Das hat auch zu Schockerlebnissen geführt. Eine 16-Jährige, die Jüngste in der Gruppe, hat wirklich gelitten am Checkpoint, da hat sie richtig Angst gekriegt. Aber wir hatten jeden Abend ein Plenum, da wurden Eindrücke, die am Tag entstanden sind, erörtert und bearbeitet.

Nun haben Sie das Projekt als Filmemacher erlebt, Sie haben Bilder gemacht. Auch in diesem Konflikt gilt: Mit Bildern wird unweigerlich Politik gemacht. Kann man diesem Dilemma entkommen?

Ich hatte ein sehr spannendes Erlebnis, was Medien angeht: Die Jugendlichen haben festgestellt, spätestens nachdem sie zurückkamen, dass sie ihre unmittelbaren Erfahrungen, die Gesichtspunkte beider Seiten, hier in den Medien nicht widergespiegelt finden. Das mag ein Nebeneffekt sein, aber nicht unwichtig. Ich denke, es gibt auch ein Grundproblem in den Schulen. Lehrer sagen: 'Wir haben es mit so einem komplexen Konflikt zu tun, ethisch, religiös, geographisch, politisch, wo sollen wir anfangen?' Unsere Vorstellung war, diese neue Erfahrung für die Jugendlichen zu schaffen. Das war ja ein pädagogisches Experiment.

Wenn ich Sie richtig verstehe, war das Bild der Jugendlichen geprägt von Selbstmordanschlägen der palästinensischen Seite, die sich gegen Israelis richten, aber weniger von dieser Erfahrung der Sperranlage und von dem schwierigen Alltag vieler Palästinenser?

Das ist richtig. Wir haben vor der Reise in einem Workshop nach Einstellungen und Meinungen der Schüler gefragt. Ihnen war relativ viel über die Geschichte des Holocaust bekannt. Aber so gut wie nichts über die palästinensische Seite. Natürlich gab es erst Schockeffekte. Aber wenn man beispielsweise in einer palästinensischen Familie hört, wie sie unter der Besatzung leidet, dann stellen sich auch Rechtsfragen. Es ist wichtig zu fragen, was sagt das internationale Recht zur Mauer auf palästinensischem Boden? Was sagt das internationale Recht zu Besatzung und Siedlungsbau? Das ist ja alles illegal. Die Jugendlichen konnten mit diesen Fakten sehr gut umgehen. Wichtig war die persönliche Begegnung. Genauso auf israelischer Seite. Sie haben festgestellt, dass Israelis ihrerseits sehr wenige Informationen haben über das, was nur wenige Kilometer entfernt unter der Besatzung passiert. Das scheint ein Fakt zu sein. Wir haben das immer wieder gehört von unserer israelischen Begleitung.

Sie selbst haben schon einige Dokumentationen in der Region gedreht. Hat sich Ihre Sicht auf den Nahost-Konflikt mit dem neuen Film noch einmal verändert?

Wir haben vor 2008 eine Reise in die besetzen Gebiete und in die Flüchtlingslager in den Libanon gemacht, da ist der Film "Zwischen HipHop und Kalaschnikow" entstanden. Begonnen hatten wir unsere Arbeit in der Region bereits 1980. Vor etwa vier Jahren sind wir auf das Narrativ beider Seiten gestoßen. Das hat bei mir einen Aha-Effekt ausgelöst, weil ich es als wirkliche Hilfe begriffen habe, an diesen Konflikt noch mal neu heranzugehen. Insofern war es eine enorme Bereicherung auch für mich persönlich.

Johannes Gulde ist gemeinsam mit Stefanie Landgraf Autor des Dokumentarfilms "Wir weigern uns Feinde zu sein. Den Nahost-Konflikt verstehen lernen - Deutsche Jugendliche begegnen Israelis und Palästinenser". Gefördert wurde das Projekt von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, der Robert Bosch Stiftung und dem Auswärtigen Amt. Die Schirmherrschaft hatte Landesbischof Johannes Friedrich.

Das Gespräch führte Aya Bach
Redaktion: Klaudia Prevezanos

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