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Islamismus

"Es gibt keine Alternative zu einer Reform des Islam"

Er war früher selbst ein Radikaler - jetzt will der Berliner Psychologe Ahmad Mansour muslimischen Jugendlichen helfen, sich von erzkonservativen oder radikalen Deutungen ihrer Religion zu lösen. Ein Gespräch.

Deutsche Welle: Herr Mansour, Sie haben kürzlich in einem im "Spiegel" erschienenen Essay gefordert, dass die in Deutschland lebenden Muslime ihr Islamverständnis reformieren sollten. Wie stellen Sie sich dies vor?

Ahmad Mansour: Das ist ein Prozess, der Zeit benötigt. Wir müssen dabei vor allem den Jugendlichen einen Islam zeigen, der mit Radikalismus nichts zu tun hat. Der Islam muss von Angst und von der Vorstellung eines 'strafenden Gottes' befreit werden. Wir müssen uns außerdem von der Tabuisierung der Sexualität befreien und unsere Religion nicht nur patriarchalisch verstehen, so wie unsere Väter, sondern wir müssen Zweifel und Fragen zulassen, um vom Glaubensdogma weg zu unterschiedlichen, individuellen Interpretationen zu kommen.

Das sind ehrgeizige Ziele. Aber wer soll hier die Initiative ergreifen? Einen einflussreichen Reformer oder gar 'islamischen Martin Luther' sucht man vergeblich. Hardliner wie der in Katar predigende Youcef Al-Qaradawi geben den Ton an ...

Das ist tatsächlich die wichtigste Frage. Al-Qaradawi ist ein Hindernis, genau wie viele andere Imame, die den Islam als Monopol und nur ihr eigenes Islamverständnis als das richtige sehen. Sie tun damit letztlich auf andere Weise genau das, was der 'Islamische Staat' (IS) und Al Kaida tun: Sie nutzen den Islam als politisches Instrument. Und das darf nicht sein!

"Islamische Angstpädagogik"

Wir leben hier nicht in Jordanien, Saudi-Arabien oder Gaza, wo vielleicht kritische Fragen verboten sind. Wir leben in Deutschland, wir leben in einem demokratischen System. Und wenn wir die muslimischen Jugendlichen hierzulande von dieser islamischen Angstpädagogik befreien würden, können wir sie vielleicht auch besser erreichen.

Ahmad Mansour Islam Experte Interview

Früher selbst Radikaler, inzwischen preisgekrönter Versöhner: Islamexperte Ahmad Mansour

Sie sagten, wir leben hier nicht in der arabischen Welt. Aber wir leben im Internetzeitalter. Lassen sich die von Ihnen beklagten negativen Einflüsse in einer globalisierten Welt wirklich noch eindämmen?

Es lässt sich natürlich nicht vermeiden, dass wir unterschiedliche Meinungen und darunter auch sehr radikale Meinungen auf Facebook-Seiten sehen. Die Jugendlichen sollten jedoch auch Alternativen zu sehen bekommen. Und wenn sie nur in ihrer eigenen Nachbarschaft Menschen sehen würden, die ihre Religion anders leben! Wenn sie lernen, kritische Fragen zu stellen, dann würden sie auch nicht mehr allein von solchen Internet-Videos beeinflusst.

Saudi-Arabien, Katar und anderen Ländern wird häufig vorgeworfen, politisch radikale oder zumindest erzkonservative Islam-Organisationen mit viel Geld zu unterstützen. Hat dies nach Ihren Beobachtungen auch Auswirkungen auf junge Muslime in Deutschland?

Die Jugendlichen haben von diesen Geldern jedenfalls rein gar nichts, denn sie bekommen dadurch in Europa doch bloß einen Islam vorgeführt, der von katarischen oder saudischen Scheichs für gut befunden wird. Sie lernen keine Alternativen dazu kennen. Aber in Deutschland gibt es durchaus Möglichkeiten, Alternativen zu schaffen. Es gibt hierzulande beispielsweise Gelder, die wir in Präventionsarbeit investieren könnten, um solchen Einflüssen entgegenzusteuern.

Wie und mit welchen Partnern könnte dies erreicht werden?

Wir sollten unsere Partner erst einmal neu sortieren. Die meisten muslimischen Verbände, die wir hier in Deutschland haben, sprechen sich ja immer wieder gegen Radikalismus aus und erhalten für dessen Bekämpfung auch Unterstützung. Meiner Meinung nach sind es letztlich aber dieselben Vereine, die den Radikalismus begünstigen, weil sie bestimmte Inhalte partout nicht in Frage stellen. Sie unterhalten Kontakte im Ausland und sind meist gar nicht in der Lage, kritische Fragen zu stellen.

"Die Muslimbrüder nehmen gerade kluge Leute bei sich auf"

Wenn wir, als Mehrheitsgesellschaft, unsere Partner gut auswählen, dann werden wir auch Leute finden, die den Islam wirklich reformieren und eine demokratische Struktur schaffen wollen. Ich frage mich zum Beispiel auch, warum wir jetzt den IS bekämpfen, aber kein Wort über die Muslimbrüder verlieren. Die Muslimbrüder sind viel aktiver in Deutschland. Und sie nehmen gerade auch kluge Leute bei sich auf - vielleicht um diese Gesellschaft zu unterwandern.

Sie meinen, die Muslimbrüder würden hierzulande unterschätzt?

Leider ja, definitiv. Aus Unwissenheit. Aber auch, weil man jetzt primär die Salafisten bekämpfen will.

Das klingt nicht nach günstigen Voraussetzungen für eine Modernisierung des Islam ...

Das ist ein Teil des Problems.Wir haben viele Politiker, die unfähig sind zu verstehen, was hier eigentlich genau läuft. Aber in Zukunft werden wir hoffentlich andere Politiker haben - und eine Generation von Muslimen, die es satt hat, immer wieder nur Opfer von Radikalismus zu sein. Ein solcher Prozess fängt in der Schule an, dann in der Politik - und dann innerislamisch. Nur so können wir unsere Ziele erreichen. Große Chancen sehe ich derzeit zugegebenermaßen nicht dafür, aber wir dürfen nicht aufgeben! Wir müssen weiter machen und den Jugendlichen immer wieder Alternativen aufzeigen.

"Es gibt keine Alternative dazu, dass wir unsere Religion reformieren"

Aber Aufrufe zu Reformen gibt es in der arabischen Welt und auch in Europa seit vielen Jahren. Bisher sind jedoch alle Versuche gescheitert...

Es geht hier nicht um Scheitern oder Nicht-Scheitern. Es gibt einfach keine andere Alternative dazu, dass wir unsere Religion reformieren. Ansonsten werden wir weiter mit ansehen müssen, wie sich immer mehr Jugendliche radikalisieren und die Werte dieser Gesellschaft ablehnen.

Aber es hat doch inzwischen mehrere Demonstrationen von Muslimen gegen den IS-Terror gegeben, auch in Deutschland ...

Bremen Demonstration Nahostkonflikt 23.07.2014

Doppelmoral? Demonstration gegen den Gaza-Krieg im Juli 2014 in Bremen

Ja, aber wir haben in diesem Sommer auch wieder einen Gaza-Krieg erlebt. Und da sind Hunderttausende auf die Straße gegangen, um gegen Israel zu protestieren. Das ist völlig in Ordnung - ich war auch gegen diesen Krieg! Ich frage mich aber, wo sind diese Hunderttausende, wenn es um den IS geht? Wo ist diese Leidenschaft? Das empfinde ich als Doppelmoral, denn durch den IS sind viel mehr Menschen gestorben als durch israelische Angriffe. Die zweite Frage ist: Wem hilft es, wenn wir immer wieder Sätze hören wie: 'Das hat mit dem Islam nichts zu tun'. Das bringt uns keinen Zentimeter weiter. Dadurch, dass wir hier eine Debatte vermeiden, schaffen wir nur die Basis für weitere Radikalisierung.

Sie sehen hier die islamischen Verbände in der Pflicht?

Ja. Menschen die spirituell leben, haben mit dem IS nichts zu tun. Aber Menschen, die bestimmte Inhalte als Teil ihrer Religion sehen, begünstigen die Radikalisierung. Das sind genau die Inhalte, die ich genannt hatte, zum Beispiel die Vorstellung eines 'strafenden Gottes' beziehungsweise die damit verbundene Angstpädagogik.

"Unsere Religion wird dadurch nicht kaputt gehen"

Angesichts dessen kann man sich nicht wundern, wenn Jugendliche denken: Wenn ich sowieso von Gott bestraft werde, dann gehe ich vielleicht besser in den Irak und sterbe als Märtyrer. Oder dass manche sagen: Ich will kein Opfer mehr sein - ich will jetzt für einen islamischen Staat kämpfen und mich dem IS anschließen. Wenn wir tiefer gehen wollen, müssen wir in der Lage sein, solche Botschaften in Frage zu stellen. Unsere Religion wird dadurch nicht kaputt gehen - sondern sie wird viel stärker werden!

Sie bekommen für solche Thesen sicherlich nicht nur Lob?

Ich erhalte viele unschöne Emails, keine Frage. Aber ich lasse mich nicht einschüchtern.

Sehen Sie sich bei ihren Ansätzen zur Islamreform als Außenseiter innerhalb der islamischen Gemeinde?

Nein. Ich will noch mehr kritische Stimmen hören, ich bin ein Muslim und ich arbeite mit Jugendlichen. Das ist meine alltägliche Arbeit, das ist meine Leidenschaft und das mache ich weiter. Es geht mir um die Sache, nicht darum, bekannt zu werden. Und es geht mir schon gar nicht darum zu behaupten, der Islam sei böse oder nicht reformierbar. Nein, ich bin ja selber Muslim. Und ich will den Jugendlichen einen Islam zeigen, mit dem sie in Europa leben können, gemeinsam mit anderen Kulturen und Religionen, und ohne sich zu radikalisieren.

Ahmad Mansour wurde 1976 als Araber in Israel geboren. Er ist Diplompsychologe in Berlin und arbeitet in unterschiedlichen Projekten mit muslimischen Jugendlichen zum Thema Islamismus, Radikalisierung und Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Mitte September wurde Mansour für sein gesellschaftliches Engagement mit dem "Moses-Mendelssohn-Preis" des Landes Berlin ausgezeichnet.

Das Interview führte Ibrahim Mohamad.

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