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Kultur

Es geht um Vertrauen

Die katholischen Bischöfe haben ihre Zusammenarbeit mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer bei der Erforschung sexuellen Missbrauchs aufgekündigt. Ein "ärgerlicher Rückschlag" für die Kirche, meint Christoph Strack.

Es ist ein Scherbenhaufen: Die katholischen deutschen Bischöfe und der medial und gesellschaftlich populärste Kriminologe des Landes gehen im Streit auseinander. Das vor zwei Jahren begonnene Projekt, sexuelle Gewalt durch Priester umfassend aufzuarbeiten und dabei auch viele Akten vergangener Jahrzehnte in die Hand zu nehmen, ist in dieser Form gescheitert. Von Zensur und mangelnder Wissenschaftlichkeit spricht Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Die Bischofskonferenz kritisiert im Gegenzug sein "Kommunikationsverhalten" und sieht das gegenseitige Vertrauensverhältnis gestört. Die Bischöfe wollen nun mit anderen Wissenschaftlern das Projekt fortsetzen.

Das wird schwer werden. Denn jeder andere Experte, der diese Aufgabe übernimmt, wird sich ebenfalls wissenschaftlichen Ansprüchen stellen müssen. Eine Zensur oder auch eine strikte Vorgabe, was da veröffentlicht werden soll, darf es nicht geben. Und die Bischöfe müssen hinnehmen, dass ihre Einmütigkeit in Frage steht. Wollten wirklich alle 27 Diözesen die Aufarbeitung in dieser Form? Gab und gibt es da Lager? Konnte sich der Vorsitzende Erzbischof Robert Zollitsch mit seinen Mitarbeitern auf Bundesebene nicht gegen Mitbrüder durchsetzen?

Ärgerlicher Rückschlag

Pfeiffer selbst, der das groß aufgezogene Projekt fast als so etwas wie sein Alterswerk sah, hat deutlich gemacht, dass für ihn die katholische Kirche kein Sündenbock ist. Immer wieder betont er, dass die Gewalt, auch die sexuelle Gewalt, in Familien und familienähnlichen Strukturen wohl weit verbreiteter sei als in den Kirchen. Und im Vergleich der Konfessionen in Deutschland sah er nach einer entsprechenden Studie größere Probleme in evangelikalen Strukturen als in katholischen Milieus. Pfeiffer wollte manche gesellschaftliche Vorverurteilung auch wissenschaftlich erwidern. Auch ist er überzeugt, dass der Missbrauch durch katholische Geistliche oder Kirchenmitarbeiter seit 20 Jahren deutlich zurückgegangen sei.

Für die katholische Kirche in Deutschland ist der Bruch mit Christian Pfeiffer ein ärgerlicher Rückschlag. Mehr als das: Es geht nicht nur um einen Dienst an den Opfern - über materielle oder psychologische Hilfen hinaus. Es geht um gesellschaftliches Ansehen der Kirche, um neues Renommee knapp drei Jahre nach dem Bekanntwerden zahlloser Missbrauchsfälle in den Nachkriegsjahrzehnten. Es geht um Vertrauen.

Beispiel für andere Länder?

Wiederholt haben Kirchenvertreter seit 2011 betont, die Studie werde die weltweit umfangreichste Aufarbeitung des Missbrauchs in der katholischen Kirche. Die deutschen Bischöfe wollten bewusst einen Beitrag leisten zur Aufarbeitung sexueller Gewalt in kirchlichem Milieu auch in anderen Ländern. Erst im Dezember stellte der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann, eine bereits seit 2001 erarbeitete, forensische Untersuchung von "Täter-Priestern" vor - auch sie stößt international auf Widerhall. Und: Organisiert von deutschen Wissenschaftlern erarbeiten internationale Experten seit längerem ein Curriculum, das bei der Aus- und Fortbildung in seelsorgerlichen Berufen zum Einsatz kommen soll. Eine Erprobungsphase in acht Ländern läuft. Die deutsche Seite, Diözesen und Orden, sind maßgeblich beteiligt, nicht nur bei der Finanzierung.

All das steht mit zur Debatte, wenn es um die Entschiedenheit der katholischen Kirche in Deutschland geht, das Phänomen der sexuellen Gewalt aufzuarbeiten und zu bannen. Es waren die Forderungen von Opfer-Vertretern, es war der breite öffentliche Druck. Vor allem aber hatte die eigene - glaubhafte - Bestürzung die derzeitigen Bischöfe zu der umfassenden Aufarbeitung ermutigt. Was sie jetzt tun - oder lassen - wird Beispiel gebend sein auch für andere Länder, wo die Kirche sich diesem Thema noch nicht so aufrichtig stellt. Auch dieser Verantwortung müssen sich die katholischen Bischöfe weiter stellen. Mit Entschiedenheit, Transparenz und Gewissenhaftigkeit.

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