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Afrika

"Es geht um reine Machtsicherung"

Im Norden Malis haben Tuareg-Rebellen große Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht. Die Gruppe verfolgt unterschiedliche Interessen, erklärt Julia Leininger vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik.

Dr. Julia Leininger, Afrika-Koordinatorin der in der Abteilung Governance, Staatlichkeit und Sicherheit am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE).

Dr. Julia Leininger

Deutsche Welle: Welche Interessen verfolgen die Tuareg im Norden von Mali?

Julia Leininger: Die Tuareg sind eine sehr heterogene Gruppe und verfolgen keine einheitlichen Interessen. Ein gemeinsames Interesse haben sie allerdings seit 1960 immer gehabt, nämlich den Azawad, die Region nördlich von Timbuktu, für sich zu beanspruchen. Diese Region geht über die Grenzen von Algerien, Niger und Mali hinweg.

In den 1960er Jahren hat man dann versucht, die Tuareg stärker in den Staat zu integrieren. Seitdem bewegen sich die Forderungen der Tuareg in einem Spannungsfeld: zwischen dem Anspruch, einen unabhängigen Staat zu gründen einerseits, und der Forderung nach stärkerer wirtschaftlicher und sozialer Integration in den malischen Staat andererseits. Einer der Hauptpunkte im Friedensvertrag von 1996 war, dass man den Tuareg mehr vom wirtschaftlichen Einkommen abgibt. Doch diese Integration ist bis jetzt nicht geglückt. Der zweite Punkt war eine Integration ins malische Militär, die ebenfalls teilweise misslungen ist.

Sind das die Gründe für die erneute Rebellion der Tuareg?

Es hat kleinere Rebellionen in den Jahren 2006/2007 gegeben. Sie wurden durch Vermittlungen durch Algerien befriedet. Da hat sich dann eine Gruppe unter der Führung des Tuareg Ibrahim Ag Bahanga abgespalten. Sie wurde dann aber mit einer sehr starken militärischen Offensive des gerade gestürzten Präsidenten Amadou Toumani Touré (ATT) mit militärischen Mitteln gestoppt. Die Leute von Ibrahim Ag Bahanga tauchen aber in der neuen Rebellion wieder auf.

Dafür lassen sich vor allem drei Gründe nennen. Erstens: Einige Tuareg-Gruppen, die in den internationalen Schmuggel involviert sind, kämpfen für einen freien Raum, um weiter schmuggeln zu können. Da sind sie zum Teil verbündet mit Al-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI), teilweise kämpfen sie aber auch gegen AQMI und suchen dabei nach internationalen Verbündeten.

Zweitens: Gaddafi hat in den 80er Jahren unter den Tuareg stark rekrutiert mit folgender Rhetorik: "Wir sind die Nomadenvölker, die ihren eigenen Raum brauchen". Daraufhin bildete er die Tuareg militärisch aus. Nach dem Sturz Gaddafis sind viele wieder zurück nach Mali gekommen.

Drittens: In Mali gab es immer ein ganz starkes Gefühl, dass die Demokratisierung eng mit der Rebellion verbunden ist. Man hat gemerkt, dass ATT es immer weniger geschafft hat, Sicherheit und Frieden herzustellen, und die Regierung immer schwächer wurde. Und dieses diffuse Gefühl, das es in Teilen der Gesellschaft gab, hat dazu geführt, dass sich die Tuareg-Gruppen wieder stärker mobilisiert haben.

Welche Rolle spielt die MNLA (Bewegung für die Befreiung des Azawad), der sich viele Tuareg angeschlossen haben?

Die MNLA ist interessant, weil sie sich im Grunde aus drei Strömungen zusammensetzt. Einmal sind da die Rückkehrer aus Libyen. Dann ist da die ehemalige Gefolgschaft von Ibrahim Ag Bahanga, das sind teilweise ehemalige Militärs aus der malischen Armee. Desweiteren setzt sie sich zusammen aus Leuten, die dem Tuareg Mohamed Najim folgen.

Das heißt, die MNLA wird immer mehr zum Sammelbecken. Es gibt jetzt auch die ersten hochrangigen Deserteure aus der malischen Armee, die sich ihr anschließen. Trotz ihrer Diversität ist es eine Gruppe, die es schafft, ganz viele anzuziehen.

In den letzten Wochen machte eine Tuareg-Gruppe, die sich Ansar ad-Din nennt (Verteidiger des Glaubens), von sich Reden. Welche Ziele verfolgt diese Gruppe?

Die Ansar ad-Din ist eine relativ undurchschaubare, etwa 300 bis 350 Mann starke Gruppe. Der Anführer, Iyad ag Ghali, hat auch im arabischen Raum gelebt, wurde dort militärisch ausgebildet und kämpft jetzt in Mali weiter. Nach meiner Wahrnehmung hat er sich nicht von der MNLA abgespalten, sondern eine neue Gruppe unzufriedener Tuareg um sich versammelt und möglicherweise auch noch andere Bevölkerungsgruppen. Der Gruppe wird ja unterstellt, dass sie islamistisch ist und im Norden Malis die Scharia installieren will.

Das ist ein sehr untypisches Phänomen. Die meisten Tuareg werden dagegen sein, weil die Mehrheit sich nicht als fundamentalistische Muslime versteht - schon gar nicht die Mehrheit der malischen Bevölkerung. Ich interpretiere die Initiative so, dass es um reine Machtsicherung geht. Darum, sich an bestimmten Geschäften oder Schmuggel in der Region zu beteiligen. Möglicherweise besteht auch eine Verbindung zu Al-Kaida im islamischen Maghreb.

Was bedeutet der Tuareg-Aufstand für die Stabilität in der Sahel-Region?

Das wird in Kombination mit der Dürre, die jetzt im Moment einzieht, zu einer extremen Destabilisierung in dem Raum führen. Einer Destabilisierung, indem immer mehr Menschen flüchten werden. Die Staaten werden noch schwächer werden und auf Hilfe von außen angewiesen sein. Und das Worst-Case-Szenario ist tatsächlich, dass es bis in den Tschad hinüber geht, wo es die größte Gruppe der rückkehrenden Tuaregs aus Libyen gibt und wo der Hunger schon jetzt am größten ist.

Dr. Julia Leininger ist Afrika-Koordinatorin in der Abteilung "Governance, Staatlichkeit und Sicherheit" am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE).

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