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Afrika

"Es geht nicht um Christenverfolgung"

Fast 1000 Menschen starben seit 2009 bei Terroranschlägen der Gruppe Boko Haram in Nigeria. Im DW-Gespräch sieht Toni Görtz vom katholischen Hilfswerk missio in den Anschlägen vor allem einen Angriff auf den Staat.

Aufräumarbeiten nach einem Anschlag von Boko Haram in Kano (Foto: AFP PHOTO)

Anschlag von Boko Haram in Kano

DW: Herr Görtz, Sie sind gerade mehr als zwei Wochen durch den Norden Nigerias gereist. Wie groß ist die Angst bei der Bevölkerung, besonders bei den Christen, in Nordnigeria?

Die Angst bei der Bevölkerung ist riesengroß. Das sieht man daran, dass die Menschen sich nicht mehr auf die Straße trauen. Das normale Leben ist zum Erliegen gekommen, viele Geschäfte werden gar nicht mehr geöffnet. Ganze Stadtviertel sind wie ausgestorben. Ganz viele Menschen haben wegen der Angst vor Anschlägen Kano verlassen und sind in den Süden geflohen. Das sieht man auch bei den Gottesdiensten in den Kirchen. In die meisten Kirchen kommen etwa nur noch halb so viele Menschen wie zuvor.

Wurden die Sicherheitsvorkehrungen um Kirchen erhöht?

Ja. Autos dürfen nicht mehr direkt an die Kirchen fahren. Es muss ein großer Sicherheitsabstand gehalten werden, damit keine Autobomben platziert werden können. Und bevor die Gläubigen auf das Kirchengelände gehen, werden sie durchsucht. Entweder von Uniformierten mit Maschinenpistolen oder von Jugendgruppen, die für die Durchsuchung ausgebildet worden sind. Danach können die Gläubigen einzeln in die Kirche gehen, als ob sie in ein Flugzeug einsteigen. Das macht den Menschen Angst. Ich habe Kano und den Norden Nigerias in einer Schockstarre erlebt.

Toni Görtz, Länderreferent Nigeria bei missio (Quelle: missio)

Toni Görtz von der Hilfsorganisation missio

In deutschen Medien wird teilweise von Christenverfolgung in Nigeria berichtet. Stimmt das?

Das ist Unsinn. Boko Haram ist eine Organisation, die 2002 als Sekte entstanden ist, um den Islam zu "reinigen". Es war eine fundamentalistische islamische Sekte, die sich gegen jene Muslime gewandt hat, die aus ihrer Sicht verwestlicht waren. Boko Haram ist also gegen muslimische Mitbrüder gegründet worden.

Wie kam es zum Wandel von einer Sekte zur Terrororganisation?

2009 wurde der Anführer von Boko Haram verhaftet, Mohammed Yusuf. Dann passierte etwas Tragisches: Er wurde von der Polizei verhaftet, wahrscheinlich gefoltert und ist dabei umgekommen. Das passiert häufig in Nigeria. Wer in den Händen der Polizei ist, ist häufig nicht sicher. Die Anhänger von Boko Haram wollten sich rächen und Vergeltung üben. Das war das Ende des Dialogs und Boko Haram hat sich von einer Sekte zu einer Terrororganisation gewandelt.

Gegen wen richten sich heute die Anschläge der Gruppe?

Boko Haram richtet sich heute vor allem gegen die Staatsgewalt. Meistens werden Polizeistationen und Uniformierte angegriffen. Dabei sind auch Christen und Katholiken zu Schaden gekommen. Aber der Terror von Boko Haram richtet sich nicht in erster Linie gegen Christen, sondern es geht gegen den Staat als Institution. Es geht also nicht um Christenverfolgung.

Das Gespräch führte Muhammed Awal
Redaktion: Adrian Kriesch

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