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Musik

Es geht auch ohne Behinderten-Bonus

"Bitte lächeln!" ist ihr Motto – und "Bitte lächeln!" ist auch ihr Name. In der integrativen Band aus Hamburg spielen Menschen mit und ohne Handicaps Poprock – mit wachsendem Erfolg.

Zwei Bandmitglieder von 'Bitte lächeln!' (Foto: Matthias Lemme)

'Alles klar?' – Sänger Lukas und Percussionist Dominic

Mehr als zweihundert Besucher drängen in den Theatersaal, sie wollen die Band "Bitte lächeln!" hören. "Ich find die süß", sagt eine junge Besucherin zu ihrer Freundin. Wer die Band zum ersten Mal sieht, schaut sicher zweimal hin. Der Sänger sitzt im Rollstuhl, der Percussion-Spieler hat Down-Syndrom, der Saxofonist müht sich sichtlich um den richtigen Einsatz.

Der Bandleader Mirko Frank (Foto: Matthias Lemme)

Ein Däne in Hamburg – Bandleader Mirko Frank

Am Anfang des integrativen Bandprojekts stand ein Casting, initiiert vom Hamburger Thalia Theater. 30 junge Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen haben sich beworben. Bandleader und Bassist Mirko Frank musste auswählen. Seine Kriterien dafür: "Erstens, sich konzentrieren zu können. Weil so eine Probe dauert ja schon mal ein, zwei Stunden." Außerdem unverzichtbar: ein gewisses Maß an Musikalität. Sonst gäbe es ein heilloses Durcheinander. Frank ist Däne, Anfang 40, blonder Strubbelkopf, Typ Rocker. Er ist enthusiastisch und echt – so, wie wohl mancher Sozialpädagoge gerne wäre. Aber Frank ist kein studierter Pädagoge, er ist Musiker. Das erste Zusammentreffen mit der Band liegt mittlerweile zwei Jahre zurück. "Ich dachte damals, das wird nie was. Das war so anstrengend!" Vier Monate hat es gedauert, bis jeder seinen Platz gefunden hat, dann aber hat es funktioniert. Seitdem weiß jeder, was er beisteuern kann, wie die Band und die Proben laufen.

"Mir ist heiß!"

Die Musik klingt mittlerweile richtig gut – lässiger Poprock. Lukas, Dennis, Christian, Benjamin, Dominic, Philipp, Maxim und Mirko haben ein abendfüllendes Programm erarbeitet. Sie haben ein Gespür füreinander entwickelt, so etwas wie einen eigenen Sound gefunden. Ob mit Behinderung, wie die Mehrzahl der Jungs, oder ohne, wie Maxim, der siebzehnjährige Schlagzeuger – die Musik steht an erster Stelle.

Die Band bei einem Live-Auftritt (Foto: Matthias Lemme)

Live im Thalia-Theater in Hamburg Altona

Der momentane Ohrwurm und Lieblingstitel der Band heißt: "Mir ist heiß!" Lukas Johannsen ist für viele der Texte zuständig. Er sagt: "Hier in der Band kann ich machen, was ich wirklich kann: texten, singen und eben auch entertainen." Er lacht aus lauter Kehle – der 19-Jährige ist die Rampensau auf der Bühne, sein Rollstuhl stört ihn dabei kaum. Die Jungs sind mit Leib und Seele bei der Sache, recken die Hände in die Luft, haben eine ureigene Komik. Je länger sie spielen, desto überflüssiger wird der Behinderten-Bonus, den sie bei vielen Hörern zweifelsohne haben. Und wer auf die Texte hört, merkt, dass da jemand ein Gespür für Sprache hat. "Meistens bringe ich erst den Text an den Start", sagt Lukas, "und dann bauen wir den ins Arrangement ein.

Tolle, authentische Energie

Die Stücke entstehen bei den Proben. Mirko Frank, der Bandleader, gibt die Harmonien vor, dann wird ausprobiert und wieder verworfen, Takt für Takt entstehen die Stücke. Oft helfen die Eltern der Musiker dabei, die Songstrukturen und Abläufe aufzuschreiben – Noten spielen dabei keine Rolle. Dennis Reinhardt, 26, ist erst später zur Band gestoßen, er ist einer von zwei Keyboardern. Die Band, sagt er, sei für ihn wie eine Familie. "Es ist einfach ein Hammergefühl, auf der Bühne zu stehen und zu spielen und die Leute zu begeistern."

Ein Gruppenfoto der Band (Foto: Matthias Lemme)

Auf dem Weg nach oben – die Jungs von 'Bitte lächeln!'

Die Musiker sind gewachsen, miteinander, aneinander und auch an den Herausforderungen. Vier Konzerte spielen die Jungs in den nächsten Wochen. Es läuft gut für "Bitte lächeln!". Mirko Frank blickt angriffslustig in die Zukunft. "Ich hab gemerkt", sagt er dankbar, "was da für eine tolle Energie unterwegs ist bei den Jungs. Das hat etwas ganz Authentisches. Und das Tolle ist, es kommt wahnsinnig viel zurück von denen."

Autor: Matthias Lemme

Redaktion: Manfred Götzke

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