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Wirtschaft

Es geht auch ohne Atom und Kohle

Kann Deutschland seinen gesamten Energiebedarf aus erneuerbaren Technologien decken? Eine neue Studie des Sachverständigenrates für Umweltfragen wird der Bundesregierung wohl nicht ins Konzept passen.

Montage dreier regenerativer Energiekraftwerke. Wasserkraft, Windkraft und Solarkraft (Montage: DW)

Wind, Wasser und Sonne statt Kohle und Atom

Deutschland kann sich in 40 Jahren komplett aus erneuerbaren Energien versorgen, das ist das Ergebnis, das der Sachverständigenrat für Umweltfragen in einer Studie ermittelt hat. In mehreren Szenarien hat der Rat die Möglichkeiten für eine umweltfreundliche Energieversorgung durchrechnen lassen, sagt der Vorsitzende Martin Faulstich: "Die Potenziale der erneuerbaren Energien übersteigen den Strombedarf in Deutschland um ein Vielfaches. Das heißt also, eine vielfach beschworene Stromlücke gibt es mit Sicherheit nicht."

Weder Laufzeitverlängerung noch Kohlekraftwerke

AKW Brokdorf in Schleswig-Holstein (Bild: AP)

Auslaufmodell Atomkraftwerk?

Der Sachverständigenrat für Umweltfragen, in Anlehnung an die Wirtschaftsberater der Regierung auch der Rat der "Umwelt-Weisen" genannt, berät die Regierung in ökologischen Fragen. Im Moment arbeitet die Bundesregierung an einem neuen langfristigen Energie-Konzept, vermutlich werden darin längere Laufzeiten von Kernkraftwerken beschlossen. In den letzten Jahren sind zudem einige neue Kohlekraftwerke in Planung oder in Bau gegangen. Der Bericht des Sachverständigenrates hätte eigentlich im Herbst erscheinen sollen, nun präsentieren die Umwelt-Weisen die wichtigsten Ergebnisse noch vor dem Energiekonzept der Regierung. Die offiziellen Szenarien, die im Auftrag der Bundesregierung gerechnet würden, enthielten überhaupt kein solches Szenario mit 100 Prozent erneuerbaren Energien, kritisiert er. "Da haben wir uns als Sachverständigenrat natürlich aufgefordert gefühlt, ein solches Szenario zu rechnen. Aus unserer Sicht sind weder eine Laufzeitverlängerung erforderlich noch sind weitere neue Kohlekraftwerke erforderlich außer denen, die ohnehin schon jetzt im Bau befindlich sind."

Brücke steht schon

Strommasten in schöner Landschaft (Foto: ABB)

Neue Energie braucht intelligente Netze

Nach den Szenarien der Umweltweisen werden erneuerbare Energien 2050 sogar billiger sein als konventionelle. Skeptiker weisen allerdings vor allem darauf hin, dass insbesondere Wind und Solaranlagen je nach Wetter sehr unterschiedliche Energiemengen liefern. Kohle und Kernkraft müssten zumindest in den nächsten Jahrzehnten noch für Ausgleich sorgen können, wenn es windstill ist und Wolken am Himmel hängen, sagen sie – von einer "Brückentechnologie" spricht die Regierung, in die auch investiert werden müsse. "Die Brücke steht bereits", sagt dagegen Faulstich. Investiert werden müsse stattdessen in Zwischenspeicher für die Energie. Dazu böten sich insbesondere norwegische Wasserkraftanlagen an. Norwegen erzeugt in seinen Bergregionen viel Wasserenergie. Das Wasser wird in Stauseen am Berg gespeichert und dann über eine Turbine, die Strom erzeugt abgelassen. Oft sind dort mehrere solcher Stauseen hintereinander. Und genau hier liegt das Potential für die Speicherung sagt Olav Hohlmeyer, Mitglied im Sachverständigenrat. Baue man eine zweite Röhre, könne man das Wasser mit überschüssiger Windenergie wieder nach oben pumpen, wo es dann als natürlicher Energieträger bereitsteht, wenn eine Flaute einsetzt.

Die Politik gefordert

Kohlekraftwerk in Polen (Bild: DW)

In vielen Ländern noch immer Energieträger Nummer Eins: Kohle

Doch die Speicherung ist nur der eine technische Knackpunkt. Der andere ist der Ausbau der Netze. Anders als bei Kohle und Kernkraft, kann erneuerbarer Strom nur dort erzeugt werden, wo die Bedingungen stimmen. Es muss also mehr Strom transportiert werden und die Netze müssen mit größeren Schwankungen zurechtkommen. Hier muss viel investiert werden, was nicht immer auf die Gegenliebe derjenigen stößt, die in der Nähe der geplanten Hochspannungsleitungen leben. "All das geht nicht über die Köpfe der Bevölkerung hinweg", sagt Hohlmeyer, "insofern ist die Politik gefordert, erheblich mehr für die Akzeptanz eines solchen Weges zu tun." Das Ziel einer komplett erneuerbaren Energieversorgung sei nur erreichbar, so der Sachverständigenrat, wenn schon jetzt in den Ausbau der entsprechenden Technologien investiert werde.

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Henrik Böhme