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Deutschland

Es geht auch anders - Kinder als Karrierechance

Familiengipfel in Berlin: Gemeinsam mit Kanzlerin Merkel diskutierten Vertreter aus Wirtschaft und Verbänden über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Manche Unternehmen zeigen, wie es gehen kann.

Wer auf der Karriereleiter nach oben will, muss sich mit ganzer Kraft in seine Arbeit stürzen. Überstunden machen einen guten Eindruck, Auslandsaufenthalte verbessern die Chancen auf den innerbetrieblichen Aufstieg normalerweise erheblich. Ungünstigerweise fallen diese Schritte bei den meisten in die Zeit, in der sie auch über die Familiengründung nachdenken. Besonders für ambitionierte Frauen ist es ein fast unlösbares Problem: Kinder oder Karriere. Auch wer kranke Angehörige pflegt, steckt in einem ähnlichen Dilemma.

Jahrzehntelang mussten Nachwuchsführungskräfte diesen inneren Zwiespalt mit sich und mit ihren Partnern ausmachen. Erst nach und nach erkennen die Unternehmen, dass sie mit flexibleren Arbeitszeitmodellen für gute Arbeitskräfte attraktiver werden können. Eine Situation, von der beide Seiten profitieren können.

Attraktiv für beide Seiten

So bietet zum Beispiel die Robert Bosch GmbH ihrer Belegschaft die Möglichkeit, beim Weg auf die nächste Hierarchieebene eine sogenannte Familienzeit statt eines Auslandsaufenthaltes als Karrierebaustein anrechnen zu lassen. Das Unternehmen stellt unter anderem Zubehörteile für die Automobilindustrie her und hat weltweit mehr als 300.000 Mitarbeiter. In der Firma gibt es mehr als 100 Teilzeit-Modelle, die von Führungskräften, Mitarbeitern und Arbeitnehmervertretern entwickelt wurden. Auf den ersten Blick wirkt die große Zahl verwirrend, doch sie erklärt sich durch die sehr individuelle Gestaltung, sagt Heidi Stock, Leiterin der Zentralstelle für Mitarbeiterentwicklung bei Bosch.

Heidi Stock, Leiterin der Zentralstelle Mitarbeiterentwicklung, Vielfalt und Chancengleichheit, Robert Bosch GmbH (Foto: Bosch)

Heidi Stock: "Von flexiblen Arbeitszeiten für Eltern profitiert auch das Unternehmen"

Home Office, Telearbeit oder Teilzeitstellen seien nur einige Möglichkeiten, auf die Bedürfnisse der Angestellten zu reagieren und damit als Unternehmen für qualifizierte Arbeitnehmer attraktiv zu werden. Auch regionale Besonderheiten würden aufgenommen, zum Beispiel in den Werken nahe der französischen Grenze: "In Frankreich sind ja mittwochs die Krippen zu, das heißt, wir haben zum Beispiel an diesen Standorten Teilzeitmodelle, die berücksichtigen, dass die Mitarbeiter mittwochs nicht arbeiten können."

Mittlerweile arbeitet jede vierte weibliche Führungskraft bei Bosch in Teilzeit, und mehr als 50 Prozent der Mitarbeiter in Elternzeit sind Väter. Nicht nur der Arbeitnehmer, auch das Unternehmen profitiert, meint Heidi Stock: "Was wir uns von Mitarbeitern wünschen, ist, dass man Absprachen trifft: Wo arbeite ich, an welchen Tagen arbeite ich, kann ich reinkommen, wenn mal ein wichtiges Meeting ist? In dem Maße, in dem ein Unternehmen Flexibilität bietet, bekommt man diese auch zurück."

Teilzeitfalle

Solche Beispiele weisen in die richtige Richtung, sagt Miriam Hoheisel vom Bundesverband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV). Besonders wichtig seien in diesem Zusammenhang die Führungskräfte als Vorbilder, so die VAMV-Geschäftsführerin: "Wer selbst die Erfahrung gemacht hat, wie wichtig eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist und wie wichtig es auch ist, dass Unternehmen eine familienfreundliche Arbeitskultur unterstützen, der wird auch versuchen, dies im eigenen Betrieb umzusetzen."

Miriam Hoheisel vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter, Bundesverband e.V. (Foto: VAMV)

Miriam Hoheisel: "Eltern muss die Rückkehr zur Vollzeitarbeit garantiert werden"

Unternehmen sollten zudem nicht auf die vermeintliche Überlastung von Alleinerziehenden hinweisen, sondern sich deren Qualifikationen zunutze machen: "Alleinerziehende sind hoch motiviert, sind in ihrem Alltag gut durchorganisiert und haben auch viel Eigeninitiative, wovon ja auch Arbeitgeber wiederum profitieren."

Mehr rechtliche Grundlagen

Trotzdem reiche es nicht, allein auf die guten Beispiele zu setzen und darauf zu hoffen, dass dadurch die Unternehmenskultur in Deutschland insgesamt familienfreundlicher werde, meint Miriam Hoheisel. Es müssten Gesetze erlassen werden, die Eltern eine rechtliche Grundlage verschafften, bei der Ausgestaltung von Teilzeit-Modellen mitbestimmen zu können.

Außerdem müsse - gerade für Frauen - der Übergang von einer vorübergehenden Teilzeitstelle zurück in Vollzeit eindeutig festgeschrieben werden, denn sonst könne Teilzeit zur Falle werden: "Viele wünschen sich, gerade wenn die Kinder größer sind oder ein Betreuungsplatz gefunden wurde, wieder auf ihren alten Arbeitsumfang zurückzugehen. Zurzeit haben sie aber keinen Anspruch darauf, was in der Praxis ein großes Problem ist."

Familiengipfel und Wahlkampf

In diesem Punkt widerspricht Heidi Stock von Bosch. Sie sei keine Freundin von zu vielen Regelungen: "Ich glaube, man muss einfach Erfahrungen sammeln und ganz viele Beispiele herausstellen von ganz unterschiedlichen Arbeitsformen, damit man das wirklich in der Realität zur Anwendung bringt."

Es ist absehbar, dass dieses Thema eins der wichtigsten im anstehenden Bundestagswahlkampf wird. Auf dem "Familiengipfel", zu dem Bundesministerin Kristina Schröder am Dienstag (12.03.2013) neben Bundeskanzlerin Angela Merkel auch Experten und Wirtschaftsvertreter eingeladen hatte, zeigten sich schon erste Dissonanzen. Während Schröder ebenfalls einen Rechtsanspruch für Arbeitnehmer auf die Rückkehr von Teil- in Vollzeit fordert, sprachen sich die FDP und Wirtschaftsvertreter gegen solche Pläne aus. Die Worte der Kanzlerin, das Arbeitsleben müsse familienfreundlicher werden, dürften jedenfalls noch für viel Gesprächsstoff sorgen.

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