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Türkei

"Es gab hier keine Konzentrationslager"

Die Türkei: ein Ort der Toleranz für Juden? In der NS-Zeit bot sie vor allem verfolgten Wissenschaftlern Zuflucht. Doch was ist von ihnen geblieben? Und wie ging es den Juden, die schon vorher hier lebten? Ein Rückblick.

Glasfenster in der Synagoge von Hasköy (Foto: Izzet Keribar)

Synagogen in Istanbul

Izzet Keribar schaut aus dem Fenster. "Sonntags haben sie hier am deutschen Konsulat die Hakenkreuz-Fahne hochgezogen, das konnte ich von meinem Bett aus sehen. Das war wie in deutschen Filmen, mit Gestapo und Hauptquartier." Zum ersten Mal nach Jahrzehnten hat er das Haus betreten, in dem er 1936 geboren wurde, im Herzen Istanbuls, in nächster Nähe zum Taksim-Platz. Heute ist Keribar ein international tätiger Fotograf und stellt unter anderem in Deutschland aus.

Das "deutsche Gebäude" steht noch immer schräg gegenüber dem Haus, in dem er die ersten 20 Jahre seines Lebens verbrachte. Heute ist es das Generalkonsulat der Bundesrepublik "Damals hat uns die Botschaft gar nicht so sehr gestört", sagt er. "Wir wussten nicht, was im Warschauer Ghetto passierte, in den Konzentrationslagern in Dachau, in Majdanek und Auschwitz. Als ich elf, zwölf Jahre alt war, haben wir allmählich mitgekriegt, was während des Krieges wirklich geschehen ist." Und dann sagt er noch einen wichtigen Satz: "Ich darf gar nicht daran denken, was gewesen wäre, wenn wir als Juden in Europa gelebt hätten!"

Das deutsche Konsulat in Istanbul (l) und das Park Hotel - gesehen vom Haus, dem dem der Fotograf Izzet Keribar aufwuchs (Foto: Izzet Keribar)

Das deutsche Konsulat in Istanbul: Während der NS-Zeit sah Izzet Keribar das Gebäude vom Kinderzimmer aus.

Zufluchtsort Türkei

Tatsächlich war die Türkei während der NS-Zeit ein vergleichsweise sicherer Ort, nicht nur für diejenigen Juden, die - wie Keribars Familie - seit vielen Generationen hier lebten. Auch Emigranten aus dem deutschsprachigen Raum fanden dort Zuflucht; allen voran Intellektuelle und Wissenschaftler. Sie waren als Spezialisten gefragt in der jungen Republik Türkei. Erst 1923 gegründet, suchte sie dringend Fachkräfte zum Aufbau des Staates und der Universitäten nach westlichem Vorbild.

Mustafa Kemal Atatürk (Foto: AP)

Schätzte Emigranten zum Aufbau der Republik: Staatsgründer Atatürk

So waren während der NS-Zeit 69 Juden aus Deutschland und Österreich in hochrangigen Positionen der Türkei beschäftigt – etwa als Professoren oder Berater staatlicher Stellen. Andere kamen als Dozenten oder Assistenten. Zusammen mit ihren nachziehenden Familienangehörigen dürften etwa fünf- bis sechshundert Juden legal im türkischen Exil gewesen sein. Zu ihnen zählten Prominente wie der Jurist Ernst Eduard Hirsch, der das Rechtssystem der Türkei maßgeblich beeinflusste, der Finanzwissenschaftler Fritz Neumark sowie die Literaturprofessoren Erich Auerbach und Leo Spitzer. So entstand in Istanbul zeitweise eine deutsche Spitzen-Universität mit revolutionären Vorlesungen, sogar über das Thema Sexualität.

"Sie hätten Zen-Buddhisten sein können"

Robert Schild in seiner Wohnung, im Hintergrund eine Beethoven-Büste und CDs (Foto: DW/Aya Bach)

Kritischer Beobacher: Robert Schild

Welchen historischen Stellenwert die Aufnahme der verfolgten jüdischen Intellektuellen in der Türkei hatte, ist dennoch umstritten. "Ich habe mich damit sehr intensiv beschäftigt", sagt Robert Schild, 1950 in Istanbul als Sohn einer jüdisch-österreichischen Familie geboren, die seit drei Generationen in der Türkei lebt. "Der ganze Wirbel um die deutschen Wissenschaftler ist eine Modeerscheinung. Vor zwanzig Jahren wusste man davon kaum etwas". Der promovierte Ökonom, Theaterkritiker, Buchautor und langjährige Kolumnist der Zeitung "Şalom" hat sich einen kritischen Blick auf die Geschichte bewahrt. "Die Türkei hat damals natürlich jüdische Flüchtlinge aufgenommen. Aber sie hätten auch Zen-Buddhisten sein können", urteilt Schild. "Die Türken haben das nicht unbedingt aus Judenfreundlichkeit gemacht."

Der deutsche Komponist und Dirigent Paul Hindemith während einer Orchesterprobe (Foto: picture-alliance/Robert Lebeck)

Emigriert in die Türkei: Paul Hindemith

Tatsächlich wurden neben jüdischen auch andere Intellektuelle aufgenommen, die unter Hitler verfolgt waren. Darunter Berühmtheiten wie der Sozialdemokrat Ernst Reuter, der Architekt Bruno Taut oder der Komponist Paul Hindemith. Im übrigen beschäftigte die Türkei auch regimetreue Spezialisten und Wissenschaftler aus NS-Deutschland. Ihre Anzahl war weit höher als die der verfolgten Emigranten. Fakt ist aber auch, dass sich türkische Politiker für verhaftete Angehörige von Exilprofessoren einsetzten und ihre Freilassung aus dem Konzentrationslager erreichten.

NSDAP-Ortsgruppe Istanbul

Ein widersprüchliches Bild, das die politische Gemengelage widerspiegelt. Während des Zweiten Weltkrieges wahrte die Türkei offiziell den Status der Neutralität. Doch die historisch gewachsenen Beziehungen zu Deutschland waren stark - ökonomisch wie militärisch. In Istanbul gab es seit 1933 sogar eine Ortsgruppe der Hitler-Partei NSDAP. Sie wurde von der türkischen Regierung geduldet – und das, obwohl jede politische Betätigung außerhalb der CHP, der Partei des Staatsgründers Atatürk, eigentlich verboten war.

Porträt Izzet Keribar in einer Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst (Foto: Izzet Keribar)

Der Fotograf Izzet Keribar

Und Izzet Keribar erinnert sich an antisemitische Tendenzen im Alltag: "Die sind von Deutschland herübergeschwappt. Wenn die Leute jemanden zum Lachen bringen wollten, haben sie einen Judenwitz erzählt. Was die Juden für schlechte Menschen, für miese Geschäftsleute oder Diebe sind. Wir haben uns daran gewöhnt."

Harmonie und Sonnenschein?

Dennoch wird die Aufnahme der Juden gerne verklärt – von jüdischer wie von türkischer Seite. Denn schon lange war die Türkei ein wichtiger Zufluchtsort: 1492 vertrieben die katholischen Könige alle Juden aus Spanien. Viele von ihnen emigrierten ins Osmanische Reich. Sultan Beyazid II. hieß sie damals willkommen. Dieser historische Akt nährt bis heute das Bild von der legendären Toleranz gegenüber den Juden. "Es war eine Zeit der Harmonie und des Sonnenscheins für die Juden, die im Osmanischen Reich und in der türkischen Republik gelebt haben", betont etwa Naim Güleryüz, Kurator des Jüdischen Museums Istanbul und Gründer der "500-Jahres-Stiftung", die eigens entstand, um das historische Datum zu würdigen.

Plakat mit bedeutenden türkischen Juden (um 1910) - (Foto: Izzet Keribar)

Repräsentanten der türkischen Juden um 1910: Das Plakat bringt Dankbarkeit zum Ausdruck. "Es lebe das Osmanische Reich! Es lebe das Osmanische Volk!"

Dass der Sonnenschein mitunter nicht ganz so strahlend war, belegen indes Fakten wie eine drastische Sondersteuer, die vor allem die Nicht-Muslime traf und zwischen 1942 und '44 zahlreiche jüdische Familien enteignete. Und selbst renommierte Exil-Professoren mussten fürchten, dass im Fall einer Ausbürgerung aus Deutschland ihre Arbeitserlaubnis in der Türkei hinfällig werden würde. Beispiele dafür gab es genug.

Wenige Spuren hinterlassen

So sehr die emigrierten Wissenschaftler das intellektuelle Leben der jungen Republik prägten – in der jüdischen Gemeinde Istanbuls haben sie nur wenige Spuren hinterlassen. Kontakte gab es kaum. "Während meiner Kindheit wusste man von ihnen eigentlich nichts", berichtet Robert Schild. "Eine Ausnahme war, was mir mein Vater damals erzählte. Er hatte als junger Geschäftsmann sein Büro in der Nähe der Uni. Ab und zu hörte er sich Vorträge dieser Professoren an." Doch nach dem Ende des Hitler-Regimes gingen die meisten wieder in ihre Heimat.

Normale Staatsbürger

Heute besteht die Jüdische Gemeinde vorwiegend aus Sefarden - Nachkommen der spanischen Juden, die ins Osmanische Reich geflohen waren. Auch einige Ashkenazim - Juden aus dem deutschsprachigen Raum oder Osteuropa - leben noch in Istanbul. Doch die Gemeinde wird kleiner und kleiner. Um die 20.000 Menschen gehören noch dazu. Der Zusammenhalt ist dementsprechend groß. "Bedingt durch die Religionszugehörigkeit und die Tradition denkt ein türkischer Jude anders als ein türkischer Moslem", sagt Robert Schild – und stellt dennoch fest: "Wir fühlen uns als normale Istanbuler oder türkische Bürger."

Beerdigung nach dem Anschlag auf die Neve-Shalom-Synagoge, Sarg mit türkischer Fahne (Foto: Izzet Keribar)

Schulterschluss: Beerdigung nach dem Anschlag auf die Neve-Shalom-Synagoge 2003

"Wir lieben das Land"

Und das, obwohl es 1986 und 2003 verheerende Anschläge auf Istanbuler Synagogen gab. Doch alle hier betonen, dass sie von Palästinensern beziehungsweise Al Kaida-Anhängern verübt wurden - nicht etwa von muslimischen Nachbarn. Ein Schock trotz alledem. Heute kann man die Synagogen nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen betreten. "Du musst einfach damit leben – und hoffen, dass es dich nicht trifft", sagt Izzet Keribar.

Er blickt nun auf 76 Jahre in Istanbul zurück: "Ich kann dir versichern, dass ich ein wunderbares Leben hatte, obwohl wir manchmal gespürt haben, dass wir nicht die gleichen Wurzeln hatten wie die meisten anderen Leute hier. Es gab keine Konzentrationslager in der Türkei. Wir lieben das Land und sind sehr froh, hier zu sein." Als international tätiger Fotograf hätte er sich anderswo niederlassen können. Aber darüber hat er nicht einmal nachgedacht: "Ich bin hier geboren, ich habe mein Leben hier verbracht, ich werde auch meine letzten Tage in der Türkei verbringen!"

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