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Europa

"Es gab Bedenken wegen der Wiedervereinigung"

Wie haben Deutschlands Nachbarn den Fall der Mauer erlebt und wie sehen sie das wiedervereinigte Deutschland heute? DW-WORLD.DE hat darüber mit dem Politikwissenschaftler Wolfram Hilz gesprochen.

Deutschlandfahne und Europafahne mit Schattenspiel (Foto:

Deutschland - wichtiger Akteur in Europa

DW-WORLD.DE: Herr Professor Hilz, der 03. Oktober 1990 zählt für die Deutschen zu dem glücklichsten Tagen in ihrer Geschichte. Haben die Nachbarn Deutschlands ähnlich euphorisch auf die Wiedervereinigung Deutschlands reagiert damals?

Wolfram Hilz, Professor für Politische Wissenschaft an der Universität Bonn (Foto: Wolfram Hilz)

Wolfram Hilz: "Einige Länder fürchteten ein starkes Deutschland"

Wolfram Hilz: Nur verzögert, denn einige hatten doch erhebliche Bedenken. Wenn man insbesondere an Großbritannien denkt, Frankreich zunächst auch - beide Länder waren eher etwas zögerlich. Also die Freude über die mögliche deutsche Wiedervereinigung kam doch stark verzögert und erst auch mit entsprechender Überzeugungsarbeit, sowohl aus Bonn, aber auch beispielsweise aus Washington.

Was waren die Vorbehalte? Sie haben gerade Frankreich und Großbritannien genannt?

Aus der Sicht der größeren Nachbarstaaten waren es doch solche Vorbehalte, ob diese europäische Ordnung nicht doch aus dem Gleichgewicht geraten würde durch ein größeres, vereinigtes Deutschland, das auch durchaus dann selbstbewusster auftreten würde. Dagegen gab es eben zunächst einmal Vorbehalte. Die waren eben auch sehr begründet, weil die entsprechenden politischen Akteure durch ihre Kriegserfahrungen auch vorbelastet waren und Angst hatten, ob Deutschland nicht wieder eine zu eigenständige Rolle übernehmen würde.

Gab es den Versuch der europäischen Partner, die Einheit zu verhindern?

Es gab erstmal nur starke Vorbehalte. Es gab insbesondere von französischer Seite in den ersten Wochen nach dem Mauerfall auch eine Art Verzögerungstaktik. Francois Mitterand ist zunächst einmal in die Sowjetunion gereist, später auch in die DDR. Das wurde so interpretiert, dass Francois Mitterand durchaus skeptisch war, die deutsche Einheit voll zu unterstützen und auf Seiten Großbritanniens war es ein offen skeptischeres Auftreten gegen eine deutsche Vereinigung. Insofern kann man schon davon sprechen, dass Ängste im Spiel waren. Niemand wusste, ob ein Deutschland auch nach Helmut Kohl, der als Europäer damals durchaus ein hohes Ansehen genoss, sich weiterhin so stark einbinden würde. Und ob dieses große Deutschland, dass eigenständig agieren würde, auch wieder zu einer Art Gefahr werden könnte in der Mitte Europas.

Sie haben viel über die Regierungen oder über die Staatspräsidenten gesprochen. Wie haben die Bevölkerungen in Frankreich und Großbritannien auf die Einheit damals reagiert?

Die Einschätzungen der Bevölkerung lassen sich am besten ablesen in der damals publizierten Meinung. Hier gab es doch erhebliche Vorbehalte. Als unmittelbare Reaktion auf den Mauerfall gab es durchaus eine euphorische Zustimmung, und dann aber relativ schnell auch sehr viele skeptische Töne, die eben diese vorher angesprochenen Ängste als wichtige Meinung in den Bevölkerungen Frankreichs und Großbritanniens zum Ausdruck brachten. Hier kann man in gewisser Weise so ein Widerspiegeln der politischen Einschätzungen sehen: in der Bevölkerung gab es viele kritische Stimmen - auch wieder unter Rückgriff auf diejenigen, die noch persönliche Erfahrungen mit dem aggressiveren Deutschland in der Kriegszeit hatten. In der Presse wurde die Meinung betont, diese Einigung möglicherweise doch zu verhindern, oder zumindest hinauszuschieben.

Wenn man nun von Ängsten spricht, sind da nicht auch vor allem die kleineren Staaten in Europa gemeint? Die müssten doch am meisten Angst vor Deutschland haben - und nicht Großbritannien oder Frankreich?

In der westlichen Nachbarschaft, insbesondere wenn man an die Beneluxstaaten denkt, gab es zum Teil Vorbehalte, die nur kurz zum Ausdruck kamen. Auch das immer wieder angespannte deutsch-niederländische Verhältnis spielte hier eine Rolle. Sie kamen aber nicht in dem Sinne als Front, als Reaktion auf die Umbruchprozesse in der DDR zum Ausdruck. Sondern eher als Frage, ob dieses größere Deutschland, wenn es zu einer Vereinigung kommen würde, sich in den europäischen Strukturen weiterhin so kooperativ verhalten würde. Die kleineren westeuropäischen Nachbarn haben doch überwiegend in diesen europäischen Integrationskategorien gedacht und argumentiert, weniger auf der nationalen Ebene. Auf der hätten sie ohnehin ganz klar keine großartige Möglichkeit gehabt, etwas gegen diesen Einigungsprozess zu unternehmen.

Wie hat sich das vereinigte Deutschland in den vergangenen 20 Jahren in Europa präsentiert? Mehr dazu erfahren Sie im Interview - Sie können weiter unten das gesamte Gespräch direkt anhören oder herunterladen.

Interview: Andreas Noll
Redaktion: Nicole Scherschun

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