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Musik

Es begann mit einem Traum...

Die Richard Wagner-Festspiele in Bayreuth gelten neben den Salzburger Festspielen weltweit als das wichtigste Musikevent. Am Montag feiern die Festspiele ihr 100-jähriges Jubiläum. Anlass für einen Rückblick.

Ein Fan der Bayreuther Festspiele posiert am Montag (25.07.11) vor dem Festspielhaus in Bayreuth mit einem Hut, auf dem das Konterfei von Komponist Richard Wagner (1813 - 1883) und die Zahl 100 zu sehen sind. Die Festspiele werden am heutigen Montag mit einer der Neuinszenierung des Tannhaeuser eroeffnet. Die Bayreuther Festspiele finden vom 25. Juli bis 28. August 2011 statt und feiern in diesem Jahr 100. Jubilaeum. Foto: Joerg Koch/dapd

Richard Wagner - Textautor, Komponist und Regisseur in Personalunion - wollte ein Opernhaus ganz nach seinen Vorstellungen errichten lassen. Im April 1871 besuchten Wagner und seine Ehefrau Cosima das idyllische Bayreuth in Bayern, dem Land seines Mäzens, König Ludwig II. Wagner war von dem abgelegenen Residenzstädtchen so angetan, dass er sich entschloss, seinen Traum genau hier wahr werden zu lassen. 1872 wurde der Grundstein zum Festspielhaus gelegt, und nur vier Jahre später, am 13. August 1876, hob sich der Vorhang zu den ersten Bayreuther Festspielen und zur ersten kompletten Aufführung von Wagners Opern-Zyklus "Der Ring des Nibelungen".

Die ersten Festspiele waren ein finanzielles Fiasko und eine herbe künstlerische Enttäuschung. "Kinder, macht Neues!" war daher der Aufruf Richard Wagners an seine Zeitgenossen. Er folgte dem eigenen Rat und komponierte sein letztes Werk "Parsifal". Die zweiten Bayreuther Festspiele fanden 1882 statt, bestanden aus mehreren Aufführungen dieses einzigen Werkes und galten als großen Erfolg. Wagner starb am 13. Januar 1883 in Venedig.

Cosima Wagner. Photographie um 1870 (Foto: dpa)

Cosima Wagner leitete die Festspiele mit dem Hang zum Ritual

Die Witwe

Danach leitete Wagners Witwe Cosima, eine Tochter Franz Liszts, die Festspiele, die zunächst in unregelmäßigen Abständen stattfanden. Teilweise unter ihrer eigenen Bühnenregie wurden "Tristan und Isolde", "Die Meistersinger von Nürnberg", "Tannhäuser", "Lohengrin" und "Der fliegende Holländer" im Festspielhaus aufgeführt. Inszenierungen, Szenerie, Personenführung und Gesangstechnik: Alles geschah streng nach Cosimas Angaben, die den Willen des "Meisters" auf ihre Art auslegte. Jahrzehntelang durfte die Bühnendekoration auf der "Weihestätte" unter keinen Umständen ausgetauscht werden. Jeder Ablauf auf dem Grünen Hügel war ritualisiert, als gälte es, eine Ersatzreligion zu etablieren.

Die Künstler und Intellektuellen um Cosima Wagner bekannten sich zu einer starken deutschnationalen und völkischen Ideologie antisemitischer Prägung. Zum Teil berief man sich dabei auf Richard Wagners unmissverständlichen Hasstiraden in seinem Pamphlet "Das Judentum in der Musik". Die "Bayreuther Blätter" machten dieses Gedankengut in bürgerlichen Kreisen hoffähig.

Der Sohn

Der Komponist und Leiter der Wagner-Festspiele in Bayreuth von 1908-1930, Siegfried Wagner, in einer zeitgenössischen Aufnahme (Foto: dpa)

Siegfried Wagner versuchte eine vorsichtige Erneuerung

Schon vor der Ehe von Richard und Cosima Wagner waren dem Paar drei Kinder geboren. Der einzige Sohn, Siegfried - weltweit gereist, feinsinnig und weltoffen - war ein erfolgreicher Komponist und Dirigent. Als Cosima 1908 zurücktrat, bestand kein Zweifel, dass er die Festspielleitung übernehmen würde. Siegfried wagte vorsichtige Modernisierungen im Regiestil und rettete die Festspiele vor dem endgültigen Aus in den Wirren während und nach dem I. Weltkrieg. 1915 heiratete er die erst 17-jährige Engländerin Winifred Williams.

Die Schwiegertochter

1930 starb Cosima Wagner, wenige Monate später folgte ihr Siegfried in den Tod. Seine Witwe Winifred Wagner erwies sich als zähe und taktisch kluge Nachfolgerin in der Festspielleitung. Sie war fanatische Anhängerin Richard Wagners – und Adolf Hitlers. 1923 – zehn Jahre vor der Machtergreifung – hatte Hitler Bayreuth besucht und im Bayreuther Kreis ideologische Nähe gefunden. Winifred wurde zu seiner lebenslangen Duzfreundin.

Winifred Wagner am 25. Juli 1953 in Bayreuth mit ihren Töchtern Friedelind (l) und Verena (r) (Foto: dpa)

Winifred Wagner mit ihren Töchtern Friedelind und Verena, 1953

Die Beziehung zum "Führer" sicherte den Fortbestand der Bayreuther Festspiele. In den ersten Jahren des Regimes war er ein regelmäßiger Hausgast in "Wahnfried", der Villa Richard Wagners und seiner Nachkommen. Bei den "Kriegsfestspielen" wurde zum Schluss nur noch ein Werk aufgeführt, Wagners Komödie "Die Meistersinger von Nürnberg". Das Publikum bestand fast nur noch aus geladenen Gästen und verwundeten Soldaten, denen man "Heilung" durch die Musik Wagners versprach.

Die Enkel

Wieland Wagner (r) mit dem Sänger Dietrich Fischer-Dieskau 1961 (Foto: AP)

Wieland Wagner (r) mit dem Sänger Dietrich Fischer-Dieskau

Das Festspielhaus blieb von den Zerstörungen im II. Weltkrieg verschont. Bald danach wurden Wagnerianer aktiv, um die ideologisch geschädigten Festspiele wiederzubeleben. 1951 begann die Ära "Neubayreuth" unter der gemeinsamen Leitung von Wieland und Wolfgang Wagner. Unter dem Motto "Entrümpelung" prägte der einstige Kunststudent Wieland einen schlichten Regiestil, der die Werke auf mythologischer Ebene erscheinen ließ.

Bühnenbild in Bayreuth 1954 (Foto: dpa)

Die entrümpelte Bühne in Neubayreuth

Wolfgang, einstiger Student der Theater- und Musikwissenschaft, kümmerte sich vor allem ums Geschäftliche und Organisatorische. Die Bayreuther Festspiele zogen wieder die renommiertesten Dirigenten und Solisten an. In einem Interview mit der DW-WORLD sagte der deutsche Dirigent Peter Schneider: "Dieses Gefühl, dass hier die Größten unserer Zunft, dass Toscanini, Richard Strauss, Furtwängler, Knappertsbusch und Böhm an dieser Stelle gewirkt haben, da geht schon eine ungeheure Kraft von aus und natürlich auch eine ungeheure Verpflichtung. Und auch eine große Nervosität, diesem Anspruch gerecht zu werden."

1966 verstarb Wieland Wagner völlig unerwartet; Wolfgang Wagner übernahm die Gesamtleitung und blieb ganze 42 Jahre lang alleinverantwortlich. Er kümmerte sich um jedes Detail von der Beleuchtung bis zu Besetzungsfragen, führte Regie und lud auch die interessantesten Regisseure seiner Zeit nach Bayreuth ein, damit sie ihre eigenen Konzepte vorstellten.

Wolfgang Wagner (Archiv-Foto: dpa)

Wolfgang Wagner prägte die Festspiele am längsten

1976, 100 Jahre nach der Gründung der Bayreuther Festspiele, kam die "Ring"-Tetralogie von Patrice Chéreau auf die Bretter. Sie führte zu einem gewaltigen Theaterskandal und galt Traditionalisten als Frevel, gewann allerdings im Laufe der Zeit an Zuspruch. Im selben Jahr ließ sich Wolfgang von seiner Frau Ellen scheiden und heiratete seine Kollegin Gudrun Mack.

Die Urenkelinnen

1973 wurde der Familienbesitz samt Festspielhaus in eine Stiftung überführt, die auch mit der Entscheidung der Nachfolge betraut ist. Diese Frage wurde nach etwa 1995 zum Dauerstreit-Thema in der Wagnerfamilie und in den Medien. Gleichzeitig nahmen manche Beobachter künstlerische Stagnation am Hügel wahr. Die Forderung nach Sensationellem beantwortete Wagner so: "Wir sind nicht eine Filmfabrik, und da kann ich nicht jedes Jahr irgendetwas Sensationelles heraushauen. Ich muss kontinuierlich diejenigen Leute heranziehen, die dann ausgeglichen Überlegtes und Ausgewogenes machen." Erst 2008 trat Wolfgang zurück und überließ die Leitung seinen beiden Töchtern, Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner. Er starb im März 2010.

Die neuen Festspielleiterinnen Katharina Wagner, links, und Eva Wagner-Pasquier (Foto: AP)

Die Stunde der vierten Generation hat geschlagen

Die Bayreuther Festspiele – nun in der vierten Generation von Wagners geleitet – haben seitdem eine mediale Öffnung erfahren: mit Podcasts, Livestreams und kostenlosem Public Viewing der Aufführungen aus dem Festspielhaus. Man spricht von einem "frischen Wind am Hügel". Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt werden bei den Festspielen, die am Montag (25.07.2011) ihr 100-jähriges Jubiläum feiern, allerdings noch Produktionen gezeigt, die in der Ära Wolfgang Wagner vereinbart wurden. Die künstlerische Handschrift der Urenkelinnen wird sich erst 2013 zeigen mit der Neuinszenierung des "Ring"-Zyklus und der Erstaufführung dreier Jugendwerke Wagners in Bayreuth – letztere allerdings nicht im Festspielhaus, sondern auf einer anderen Bühne der Stadt.

Autor: Rick Fulker
Redaktion: Suzanne Cords

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