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Kultur

Erziehungslager in Frankreich bereits Realität

Deutschland debattiert über Erziehungslager für kriminelle Jugendliche. In Frankreich existieren solche Anstalten schon seit fünf Jahren – etwa in der Nähe von Le Mans, im Westen Frankreichs. Renate Krieger war dort.

Ein altes Herrenhaus auf grüner Wiese (Quelle: DW/Renate Krieger)

La Rouvelière: Erst Seniorenheim, jetzt Erziehungslager für Jugendliche

Die hölzerne Garagentür steht halb offen. Im Inneren des kleinen Raumes wird viel diskutiert. An der linken Wand hängt eine Autohaube, halb türkisblau, halb mit gelben Flammen bestrichen. Julien und Auguste beugen sich über den Motor eines Citroens, einer "Ente". Die Jugendlichen beraten mit zwei Erziehern, wie sie das kleine Auto wieder in Fahrt bringen können. Ein alltägliches Bild im Erziehungslager La Rouvelière – das Zuhause von elf Jugendlichen. Warum sind sie da?

Zwei Jugendliche mit einem Betreuer vor dem Tor eines alten Hausanbaus (alle Rückansicht) (Quelle: DW/Renate Krieger)

Eiserne Disziplin im Erziehungslager: In der Garage machen die Jugendlichen Autos wieder flott

"Einbruch und Aggression", sagt einer der Jugendlichen, "ich weiß nicht, man soll das eigentlich nicht tun, da gibt es einige, die das machen, weil sie es brauchen. Für mich war es eher der Trip, der Rausch."

Im Wald auf den rechten Weg

Die Erziehungsanstalt La Rouvelière, im Departement Pays de la Loire, versteckt sich im Wald, etwa zwanzig Kilometer von Le Mans entfernt. Die grün angestrichenen Zäune, etwa zweieinhalb Meter hoch, umringen das einstige Altersheim. Rechts neben dem Hauptgebäude befindet sich ein geräumiger Sportplatz. Kameras bewachen das Gelände. Hinter einem weiteren Zaun sind auf der linken Seite aneinander gereihte Häuser zu sehen – darunter die Garage, in der Julien und Auguste gerade arbeiten.

Elf Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren halten sich zurzeit in La Rouvelière auf. Sie sind Wiederholungstäter mit langen Strafregistern – darunter Einbruch, Diebstahl und Vergewaltigung.

La Rouvelière ist eine sogenannte geschlossene Erziehungsanstalt, ein "Centre Educatif Fermé" oder CEF. Seit 2003 hat die französische Regierung 33 solcher Anstalten für kriminelle Jugendliche errichtet, und zwar nach der Verschärfung des Jugendgesetzes als Alternative zum Jugendgefängnis. Ihr Vorhaben wurde scharf kritisiert: Man sprach von Rückschritt auf das Niveau der 50er Jahre. Darüber hinaus bemängelten Kritiker die oft unzureichende Ausbildung der Betreuer, den Mangel an Personal und die problematische Betreuung nach der Entlassung. Nichtsdestotrotz sollen nach Plänen bis 2009 weitere 47 Anstalten eröffnet werden – mit mehr als 600 Plätzen.

Strikter Zeitplan – keine Handys

Drahtzaun um eine Wiese (Quelle DW/Renate Krieger)

Freiheit mit Grenzen: 2,5 Meter hohe Zäune umringen das Gelände der Anstalt

Für sechs Monate werden rückfällige kriminelle Jugendliche in ein CEF geschickt. Der Aufenthalt kann durch eine richterliche Entscheidung um weitere sechs Monate verlängert werden. Nach zweimonatigem Ausgehverbot bekommen die Jugendlichen allmählich die Möglichkeit, am Wochenende die Familie zu besuchen und letztendlich ein Praktikum oder eine Ausbildung zu machen.

"Es gibt Kinder, die nicht wissen, was das heißt, morgens aufzustehen und abends frühzeitig ins Bett zu gehen. Sie haben einen sehr dürftigen Zeitplan", sagt Mustapha Labzaé, der seit 2005 für die eiserne Disziplin in La Rouvelière verantwortlich ist. Um sieben Uhr ist der Direktor da, wenn die Jungs aufwachen. Rund um die Uhr betreuen elf Erzieher die obligatorischen Tätigkeiten, von der schulischen Erziehung bis zum Sport, von der Arbeit in den Werkstätten bis zur psychologischen Beratung. Gelände und Aufenthaltsräume müssen die Jugendlichen selbst sauber halten. Geld, Handys, Musik-Player und elektronische Spiele sind verboten. Zigaretten werden viermal am Tag von den Erziehern verteilt. Mit den Eltern darf einmal pro Woche ein fünfminütiges Gespräch geführt werden.

Nicht alle Jugendlichen kommen zurecht

Es gibt Jugendliche, die sich den Vorgaben problemlos fügen können. "Ich weiß, das Erziehungslager ist besser, weil es eine Alternative zum Gefängnis ist", sagt der blonde Julien während einer Pause in der Werkstatt. "Man kann sechs Monate hier verbringen, das hilft, ein Praktikum zu finden, nachher kannst Du auch eine Ausbildung machen, es ist nicht wie das Gefängnis, wo du deine Haft nur absitzt und wieder rauskommst."

Aber nicht alle Jugendlichen sind mit den Regeln einverstanden. Die grünen Augen funkeln unter den langen Wimpern, während Marc von seinen Fluchtversuchen erzählt: "Einmal wollten wir ein Auto stehlen, aber es hat nicht geklappt, weil wir kein gutes Auto gefunden haben. Und einmal bin ich geflohen, habe mich sogar von der Stadt entfernt, aber sie haben mich später eingefangen".

Erfolg zeichnet sich ab

Die Strenge und das Eingehen auf jeden einzelnen Jugendlichen scheinen seit der Einführung der geschlossenen Zentren zu funktionieren. Nach Angaben des Justizministeriums werden 62 Prozent der Insassen im ersten Jahr nach ihrer Entlassung nicht rückfällig.

Pro Tag kosten die Zentren 600 Euro. Ein Preis, den Befürworter als Investition, Skeptiker als Verschwendung sehen. Die guten Vorsätze von Julien geben allerdings den Befürwortern Recht: "Ich will im Verkaufswesen arbeiten, in der Immobilienbranche oder als Autoverkäufer", sagt er. Er möchte "verkaufen, um den besten Preis zu erzielen, mit Menschen zu reden. Ich mache das Abitur und spezialisiere mich dann auf das Verkaufswesen."

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