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Kultur

Erzengel Michael – Wer ist wie Gott?

Der 29. September ist der Tag des Erzengels Michael. Dieser Engel stand nicht nur für himmlische Dinge. Wofür brauchen wir Engel überhaupt? Darüber spricht Renate Kirsch im Wort zum Sonntag für die evangelische Kirche.

Der Tag des Erzengels

In kirchlichen Kalendern steht unter dem heutigen Datum, dem 29.September: Michaelis oder: Tag des Erzengels Michael. Ich muss gestehen: für Hierarchien unter Engeln habe ich mich bisher nicht besonders interessiert. Im letzten Buch der Bibel, der sogenannten Offenbarung, wird der Erzengel Michael erwähnt, der mit seiner Engelschar den Satan aus dem Himmel wirft. Drunten auf Erden allerdings ist der Böse oder auch das Böse damit nicht so ohne weiteres entmachtet. Der Kampf geht weiter. Und so wird der Erzengel Michael oft mit Schwert dargestellt, wie er mit Gottes Hilfe den Drachen, das Böse, bekämpft und dem Guten und der Gerechtigkeit zum Sieg verhilft. Michael, der Bezwinger des Bösen, wird im Judentum, im Islam und in den christlichen Kirchen verehrt. Und so erklärt es sich, dass es viele Kirchen auch in Deutschland gibt, die Michaelskirche heißen und heute oder morgen am Sonntag ihr Patrozinium oder Jahresfest feiern. Warum nun gerade am 29.September?

Zum einen, weil im Jahre 813 auf dem Konzil in Mainz Ludwig der Fromme, gerade von seinem Vater Karl dem Großen zum Kaiser gekrönt, diesen Tag als Michaelstag festlegte. Zum anderen aber, weil es eigentlich ein vorchristlicher Festtag gewesen war, das Fest des Gottes Wotan, das nun christlich umgedeutet werden konnte als Tag der Engel, der Boten Gottes. Mit der herbstlichen Tag- und Nachtgleiche am 29. September, dem Beginn der dunklen Tage bis Lichtmess im Februar, schloss die bäuerliche Erntezeit ab. Das wurde als arbeitsfreier Tag mit Tanz und Spiel und später mit Dankgottesdiensten gefeiert. Bis heute gibt es Gegenden, an denen Erntedank an diesem Tag begangen wird.

Der Schutzpatron der Deutschen

Doch zurück zum Erzengel Michael, dem Kämpfer für das Gute. Schwert schwingend wurde er vorgestellt und wurde so zum Patron des Heiligen Römischen Reiches, zum Schutzpatron der Soldaten und schließlich auch der Deutschen überhaupt. Auf das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig setzte man ihn 1913 als sogenannten „Kriegsgott der Deutschen“, als Siegesgarant – kurz darauf verlor Deutschland den Ersten Weltkrieg in Blut und Tränen. Vom Schutzpatron der Deutschen blieb schließlich nur der „Deutsche Michel“ übrig, eine Gestalt, die mit seiner Zipfelmütze zwischen Behäbigkeit und rührender Naivität durch die Geschichte stapft.

Eine Frage gegen den Hochmut

MICHAEL, „Wer ist wie Gott?“. Das ist der Name dieses Gottesboten auf Hebräisch. In der deutschen Erzengelgeschichte ist diese Frage kaum gestellt worden. Wer ist wie Gott? Mit dieser Frage könnte Michael der Schutzpatron all derer sein, die Gefahr laufen, sich selbst zu überschätzen, von sich und anderen zu viel zu verlangen. Er könnte mit seinem Namen davor bewahren, Grenzen zu überschreiten bei mir selbst oder bei anderen. Er könnte dazwischenfahren mit seiner Frage, wenn Hochmut und Hinterlist anderen zum Unglück werden.

Wer ist wie Gott? Darauf gibt die Bibel nur eine Antwort: Jesus Christus. Kein Engel, kein Bote. Sondern die Botschaft selbst: Wahrer Mensch und wahrer Gott. Ganz nah bei den Menschen, ganz nah bei Gott. Mit der einen großen Botschaft: Gott ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. (1.Joh 4,16) Davon zu singen und zu sagen und danach zu handeln, kann unserem Leben Sinn geben. Und es kann passieren, dass unverhofft Menschen einander zu Engeln werden. Denn „es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel“, wie Rudolf Otto Wiemer einmal gedichtet hat. Menschen wie Du und ich, die da sind, wo einer allein ist. Die da sind, wo eine verzweifelt ist. Die da sind, wo ein Kind Angst hat und weint. Die da sind, wo andere sich gleichgültig abwenden und nicht protestieren, wenn Unrecht geschieht. Sie alle sind Boten Gottes, sind Engel, die wie Michael – Erzengel hin oder her – für das Gute und für Gerechtigkeit kämpfen. Nicht mit dem Schwert, sondern wie Jesus mit Gottes- und mit Menschenliebe.

Zur Autorin:

Renate Kirsch, Brannenburg am Inn (Bayern) / (Foto: Renate Kirsch)

Renate Kirsch

Renate Kirsch (Jahrgang 1937) lebt in Oberbayern, in Brannenburg am Inn. Sie ist in Duisburg geboren und studierte Germanistik sowie evangelische Theologie und war dann als Deutsch- und v.a. als Religionslehrerin am Gymnasium tätig.Von 1988 bis 1992 sprach Renate Kirsch in der ARD das „Wort zum Sonntag“. Seit vielen Jahren ist sie in der kirchlichen Rundfunkarbeit, in der Erwachsenenbildung und beim Weltgebetstag der Frauen (jedes Jahr am 1. Freitag im März) tätig. Renate Kirsch ist mit einem Pfarrer verheiratet und sie haben drei mittlerweile erwachsene Kinder.

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