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Welt

Erzbischof warnt vor Exodus von Christen aus Syrien

Die syrische Kirche warnt vor einer Radikalisierung in Syrien: Die wachsende Gruppe von Dschihadisten bedrohe die christliche Gemeinde. Betroffen sind aber auch moderate Muslime.

Kämpfer der Al-Nusra-Front (Foto:Guillaume Briquet/AFP/Getty Images)

Kämpfer der Al-Nusra-Front

Die Tage, nachdem ein Scharfschütze seinen Bruder ins Visier nahm und abdrückte, erlebte Jalal Gazouha wie durch einen Nebel: "Ich bin fast verrückt geworden vor Trauer", erzählt der Syrer am Telefon, die Leitung knistert. Sein Bruder war von Al-Kaida-Kämpfern in Al-Kusair ermordet worden, weil er Christ war, davon ist der 29-Jährige überzeugt. "Die wollen uns aus Syrien vertreiben." Die: Damit meint er die Dschihadisten, die aus den Nachbarländern, aber auch aus westlichen Staaten, in den Bürgerkrieg ziehen, um gegen das Assad-Regime zu kämpfen - und laut Gazouha auch gezielt Christen angreifen. Zwanzig Mitglieder seiner Familie seien bereits ermordet worden, er selbst sei aus Syrien geflohen, nachdem er Morddrohungen erhalten habe. "Ich habe meinen Namen auf einer Liste im Internet gesehen." Eine Liste von Christen, die ermordet werden sollten, sagt er. Geschrieben von "den Terroristen von Al-Kaida."

"In letzter Zeit fühlen wir Christen uns von bestimmten radikal-islamistischen Gruppen bedroht", sagt auch Jean Kawak. Der aramäische Bischof aus Damaskus wählt seine Worte mit Bedacht: Die radikalen Gruppierungen würden aber nicht nur Christen angreifen, betont Kawak, dessen Schwester aus Maalula fliehen musste, "auch moderate Muslime werden von diesen Gruppen bedroht." Allerdings: Der Angriff von islamistischen Rebellengruppe auf das christliche Dorf Maalula unweit von Damaskus, der Brandanschlag auf zwei Kirchen in al-Rakka, oder aber die Geiselnahme von zwei syrischen Bischöfen im April durch Unbekannte, nach Augenzeugenberichten wohl ausländische Dschihadisten - all das werde "die Präsenz der christlichen Gemeinde in Syrien beeinflussen." Ein Drittel aller Christen sei aufgrund der seit über zwei Jahren anhaltenden Kämpfe bereits aus Syrien geflüchtet - Tendenz steigend.

Furcht, dass Christen verdrängt werden

Das beunruhigt Kawak: Er befürchtet, dass es für die Flüchtlinge vielleicht kein Zurück in ihre Heimatländer geben könnte, so wie es etwa in der Südtürkei geschehen sei. "Christen sind seit 2000 Jahren ein integraler Teil des syrischen Mosaiks. Wir hoffen und wir wollen, dass das Christentum nicht aus der Region verdrängt wird." Kawak breitet die Hände aus.

Archivbild: Christliche Feier in Maalula (Foto: Photo Bassem Tellawi/AP)

Im christlichen Maalula bekämpften sich das Assad-Regime mit Al-Kaida-Kämpfern (Archivbild)

Um genau das zu verhindern, ist Kawak für ein paar Tage aus Damaskus nach Europa gereist, hat sich mit schwedischen Politikern und Mitarbeitern von deutschen Hilfsorganisationen und vom Auswärtigen Amt getroffen, ihnen Statistiken mit der Anzahl von Flüchtlingen gezeigt und so viele Visitenkarten ausgegeben, dass sie ihm beim Interview ausgegangen sind. Sein Ziel: mehr humanitäre Hilfe für die Menschen in Syrien - aber auch eine politische Lösung des Konflikts. Der Westen müsse mehr tun, um die beiden Seiten an den Verhandlungstisch zu bringen. "Eine Versöhnung ist möglich", davon ist Kawak überzeugt. Eine Versöhnung? Zwischen Baschar al-Assad und den Rebellen, die eine politische Lösung, in der der Machthaber weiterregieren darf, bislang kategorisch abgelehnt haben? Der Bischof schüttelt den Kopf: "Man darf keine Forderungen stellen, bevor man in die Verhandlungen geht. Ein echter Dialog muss ohne Vorbedingungen stattfinden." Denn sonst, fürchtet der Bischof, werde das Morden und gegenseitige Töten, bei dem beide Seiten Massaker verüben, noch Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte weitergehen – mit einem ungewissen Ausgang für Syriens Christen.

Persönliche Racheakte?

Das fürchtet auch Jochen Langer, Nahostexperte der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte. Die syrische Armee versuche, so gut sie könne, Syriens Christen zu schützen: „Das ist aber nur begrenzt möglich.“ Schließlich könne das Regime kaum seine eigenen Gebiete sichern; täglich, manchmal stündlich, verschieben sich die Fronten zwischen dem Regime und den Rebellen. Gefährdet seien Christen vor allem, "wenn sie, wo auch immer sie wohnen, bei den Kämpfen dazwischengeraten." Soll heißen: Dass Christen, wie alle anderen Syrer, durch Bomben und Granaten sterben, die auf ihre Dörfer und Städte fallen. In manchen Gebieten komme es schon zur gezielten Verfolgung von Christen, sagt Langer, oft durch die islamistische Al-Nusra-Front, über die die gemäßigte Opposition keine Kontrolle ausüben könne: "Aber das können auch ganz persönliche Racheakte sein."

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Die Angst der Syrer in den USA

Das es „vereinzelte Angriffe durch kranke Menschen“ auf Christen gegeben hat, will Sadiq Al-Mousslie, ein Mitglied des zur Nationalen Koalition gehörenden Syrischen Nationalrats in Deutschland, nicht ausschließen. Aber gezielte Angriffe? „Nein“, sagt er bestimmt. „Das sei Teil der Propaganda des Assad-Regimes, die vom Westen aufgegriffen wird.“ Dahinter stecke die Intention des Regimes, die Opposition aufzuteilen und zu schwächen.

Die Ländereien und Häuser von Jalal Gazouhas Familie seien unter den muslimischen Nachbarn aufgeteilt worden, erzählt der Syrer, der seinen Bruder verloren hat. "Wir waren eine wichtige Familie in Al-Kusair, deshalb wurden wir angegriffen", sagt Gazouha. Trotzdem: "Verfolgt wurden wir, weil wir Christen sind", davon ist der Syrer überzeugt. Er erzählt von Freunden, die verschwunden sind, Gerüchten von Checkpoints, an denen Syrer mit christlichen Namen gefangen genommen werden. Gazouha hat früher für das Tourismusministerium gearbeitet, ist auch heute "nicht mit Assad, aber für das Regime." Warum? "Unter Assad gab es Sicherheit für Christen." Das Assad-Regime, das sich überwiegend aus der religiösen Minderheit der Alawiten zusammensetzt, habe die Christen vor Übergriffen beschützt. Syriens Christen wird deshalb oft vorgeworfen, das Assad-Regime zu unterstützen - zumindest aber sich neutral zu verhalten und sich nicht eindeutig auf die Seite der Opposition geschlagen zu haben.

Diesen Vorwurf weist Bischof Jean Kawak zurück. "Die ganze Welt steckt die Christen immer in eine Ecke: die pro-Regime-Ecke. Das stimmt doch überhaupt nicht!" Wie in jeder anderen Gruppe in Syrien, egal, ob religiös oder nicht, gebe es auch bei den Christen solche,die Assad unterstützten und solche, die gegen ihn kämpften. Andere wieder stünden "irgendwo in der Mitte." Khaled, ein syrischer Christ, der in Deutschland studiert und eigentlich anders heißt, steht auch in der Mitte: "Ich war schon immer gegen Assad und sein Regime. Aber jetzt?" Khaled macht eine kurze Pause: "Wenn die Extremisten die Überhand gewinnen, dann weiß ich nicht, was schlimmer ist." Er bete, fügt er hinzu, dass es endlich eine friedliche Lösung gebe - wie immer sie aussehen mag.

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