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Kultur

Erzählen zwischen Berlin und Tel Aviv

"Hedonismus mit Hirn" attestiert Marko Martin Tel Aviv, während Anat Einhar Hybridwesen erkennt. Was deutsche und israelische Schriftsteller verbindet, und was ihr Schreiben unterscheidet, erklären beide im DW-Gespräch.

Ben Yehuda Straße in Tel Aviv Israel

Tel Aviv: für immer mehr Deutsche attraktiv

Deutsche Welle: Die globalisierte Popkultur verbinde junge Menschen aus Israel und Deutschland, ist immer wieder zu hören. Trifft das auch für Autorinnen und Autoren Ihrer Generation, die der 30- bis 40-Jährigen, zu?

Anat Einhar: Ich denke, viele israelische Schriftsteller, von denen die meisten in oder um Tel Aviv leben, empfinden sich als ziemlich westeuropäisch. Sie fühlen sich als Hybridwesen. Einerseits leben sie in Israel, was ein sehr isolierter Ort ist, andererseits sind sie ein Produkt der westlichen Kultur. Wir nehmen die westliche Kultur an. Aber ich empfinde das als Illusion, da ich glaube, dass wir mehr, als wir zugeben wollen, dem Mittleren Osten zugehören. Ich denke, dass die Unterschiede zwischen Israelis und Europäern größer sind, als die Israelis glauben möchten.

Marko Martin: Ich würde dieses Label "Pop-Literatur" schon ablehnen, weil es etwas wie endlose Ironie assoziiert. Endlose Ironie ist vielleicht nicht das Richtige, um das deutsch-israelische Verhältnis zu beschreiben. Was die Texte meiner israelischen und meiner deutschen Freunden und Kollegen kennzeichnet, ist vielleicht eher die Abwesenheit einer altbackenen Rhetorik, einer Aufarbeitungsanstrengung, zugunsten eines lustvollen Geschichtenerzählens. Aber lustvolles Geschichtenerzählen bedeutet eben nicht, dass man sozusagen einfach über das Mittelmeer hinweg plappert und das Vergangene begraben sein lässt. Sondern das geschieht in einem anderen Bewusstsein, in dem durchaus Ironie und ein schmerzliches oder auch ein mutwilliges Lächeln Platz haben, aber diese Art des Erzählens hat dann doch eine andere Grundierung als das, was man gemeinhin mit Popliteratur assoziiert.

DW: Frau Einhar, Sie sprachen vom Unterschied. Glauben Sie, dass in der deutschen und in der israelischen Literatur grundsätzlich unterschiedlich erzählt wird?

EINSCHRÄNKUNG Deutsch-israelisches Symposium in Berlin - Anat Einhar

Autorin Anat Einhar lebt in Tel Aviv

AE: Wenn ich zum Beispiel unsere gemeinsame Anthologie "Wir vergessen nicht, wir gehen tanzen" betrachte, dann stelle ich fest, dass die Israelis eher von kleinen Dingen erzählen, ohne das große Bild zu beschreiben oder groß in die Historie zu gehen. Für die deutschen Schriftsteller hingegen war es wichtig, den historischen und den politischen Hintergrund der Stories, die zum Beispiel in Tel Aviv spielen, zu beschreiben. Vielleicht ist der Grund dafür, dass der Holocaust als Gegenstand des Erzählens in der hebräischen Literatur sehr abgenutzt ist. Es ist fast unmöglich, in der zeitgenössischen hebräischen Literatur etwas Neues über den Holocaust zu schreiben. Es ist schon so viel darüber gesagt worden. Es fühlt sich deshalb immer sehr schwer und alt an, sehr abgenutzt und erschöpft, wenn man versucht, literarisch ernsthaft über den Holocaust zu schreiben.

MM: Dem kann ich nur zustimmen, genau so ist es. Es geht nicht um neue Informationen, sondern um neue Perspektiven. Ich glaube, das jetzt ist eine neue Art, mit der Vergangenheit umzugehen. Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen, wie wir von William Faulkner wissen. Es geht viel mehr darum, wie man sich der Vergangenheit nähert.

DW: Gibt es Trennendes, wenn es um den Konflikt im Mittleren Osten geht? Hört dann das gemeinsame Sprechen auf?

AE: Es ist selbstverständlich möglich, darüber zu sprechen. Der Nahostkonflikt ist etwas Gegenwärtiges, kein historisches Ereignis. Es gibt sehr Vieles, was darüber gesagt werden kann, da er sich ständig verändert. Als Israeli kann man nie sagen, was sich morgen ereignen wird. Auf der anderen Seite, wenn man ein Buch schreibt, braucht man dafür Zeit. Man fängt an, ein Jahr vergeht, dann vielleicht ein zweites, deshalb gibt es immer eine Differenz zwischen dem, wovon das Buch handelt, und der aktuellen Realität. Als Autor braucht man eine eigene Sichtweise, man muss die Dinge genau betrachten, sie verdauen, um zu verstehen, was geschieht. Das geht nicht auf der Stelle. Deshalb sind die israelischen Bücher über den Konflikt immer ein oder zwei Jahre hinterher, aber sie haben eine eigene Perspektive. Die brauchen sie, sonst schreibt man einfach als Journalist. Als Schriftsteller will man etwas anderes.

Deutschland Autor Marko Martin

Marko Martin verbringt ein Drittel des Jahres in Israel

MM: Ich fürchte, ich muss jetzt ein bisschen polemisch werden, denn viele deutsche Autoren wachsen in einem sozial und ethnisch homogenen Umfeld auf. Wenn sie durch die Welt reisen, bleiben sie oft in der Obhut des Goethe-Instituts und glauben dann, die deutsche Lehre, "Nie wieder Krieg, alles ist durch Dialog zu lösen", ließe sich auch auf andere Länder übertragen. Aber im Fall von Israel ist das eben viel komplizierter. Was ich im Kontakt mit meinen israelischen Schriftstellerfreunden so ungeheuer mag, ist diese Balance zwischen ethischen Skrupeln einer ganz fein ausdifferenzierten Wirklichkeitsanalyse und natürlich der Kenntnis der praktischen Realität im Nahen Osten. Sie sind aufgewachsen in einer Gesellschaft, die sich permanent im Kriegszustand befindet, die auch im Inneren von Konflikten zerrissen wird, und was diese Autoren dann schreiben ist eben nicht nur die Kolportage von Meinungen, sondern es ist die Beschreibung von Realität. Und ich finde, das ist es, was ein Schriftsteller zu leisten hat. Wenn er es nicht leistet, ist es, wie Anat sagte, eben Journalismus. Oder mitunter einfach nur pure Ideologie.

DW: Was macht für Israelis die Faszination von Berlin aus?

AE: Dies ist mein dritter Besuch, ich selber habe nie länger hier gelebt. Aber sogar mein Vater, der ein Holocaust-Überlebender ist, empfand Berlin als sehr freundlich. Er war lange vor dem Hype, etwa vor 15 Jahren, hier. Und ich stimme ihm zu. Ich empfinde Berlin als sehr entspannt, einen sehr einladenden Ort. Aber ich denke, Israelis fühlen sich hier auch noch aus einem anderen Grund wohl. In Israel lebt man mit vielen Grenzen und Einschränkungen, ganz konkreten Grenzen, aber auch Grenzen von Gelegenheiten, auch in der Kultur, das Leben ist da sehr geschlossen. Wenn Israelis nach Berlin kommen, fühlen sie sich der westlichen, der europäischen Welt zugehörig. Diese ganze Sache, Deutschland zu boykottieren - die jüngere Generation denkt überhaupt nicht mehr daran. Ich erinnere mich, dass viele ältere Menschen niemals nach Deutschland reisen und dass sie nie deutsche Produkte kaufen wollten. Aber die Jungen sehen das völlig anders. Viele Israelis, die nach Deutschland kommen, fühlen sich nicht mehr abhängig von Israel, sie fühlen sich als Weltbürger, und eben nicht mehr als Bürger Israels, wo die Situation sehr kompliziert und angespannt ist.

DW: Herr Martin, Sie haben ein Buch über Tel Aviv geschrieben. Was fasziniert Sie an der israelischen Hafenstadt?

MM: Tel Aviv spielt in vielen meiner Erzählungen eine Rolle, und ich finde diese Stadt deshalb so wunderbar, weil es für mich der einzige Ort auf der Welt ist, wo es so etwas wie Hedonismus mit Hirn gibt. Sozusagen ein Lobpreis unseres irdischen Daseins vermischt mit einem Bewusstsein, wie fragil alles ist. Und das finde ich ganz hervorragend. Und natürlich auch den Willen, diese kleine Insel der Toleranz zu verteidigen und gleichzeitig kritisch zu bleiben, auch gegenüber der eigenen Regierung, ohne in irgendeine Larmoyanz zu fallen, noch in einen doofen Patriotismus abzudriften. Das ist sexy! Wenn gut aussehende Leute gleichzeitig selbstreflexiv sind, ist das einfach nicht zu toppen!

Anat Einhar, geb. 1973, lebt als Schriftstellerin und Comiczeichnerin in Tel Aviv. Sie veröffentlichte zuletzt den Roman "Feinde des Sommers". Marko Martin, geb. 1970, ist Schriftsteller und Journalist. Er lebt in Berlin und Tel Aviv und berichtet in Reportagen aus Südamerika. Seine Liebeserklärung an Tel Aviv, "Kosmos Tel Aviv" (Reportagen), erschien im Werhahn Verlag. Beide haben an der Anthologie "Wir vergessen nicht, wir gehen tanzen" mitgewirkt.

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