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Kultur

Erzähl mir eine Geschichte

Am 23. April feiert die UNESCO den Welttag des Buches. Doch schon lange bevor es Bücher gab, haben sich die Menschen Geschichten weitergesagt und auch heutzutage spielt das mündliche Erzählen noch eine große Rolle.

"Erzähl mir eine Geschichte!" - Ein jeder von uns wird wohl den Opa oder die Mama mit diesem Wunsch bestürmt haben. Durch das Erzählen von Geschichten und Märchen werden Erfahrungen und Werte vermittelt und Gemeinschaft und Nähe geschaffen. Matías Martínez, Gründer des

Zentrums für Erzählforschung in Wuppertal

sieht im Erzählen den Beginn einer jeden Kultur: "Alle menschliche Gemeinschaften haben etwa einen Gründungsmythos und diese Mythen an sich sind schon Erzählungen."

Oftmals waren es weltweit die gleichen Geschichten, die vom Mund zum Ohr wanderten. Homers Ilias und Odyssee etwa wurden jahrhundertelang mündlich weitergegeben, bevor sie im achten Jahrhundert schriftlich festgehalten wurden. Im Mittelalter war die Kunst des Erzählens weit verbreitet: Die Barden schmückten ihre Darstellungen poetisch aus und waren oft Erzähler, Dichter und Musiker in einer Person.

Es gibt noch richtige Geschichtenerzähler

Buchcover von Ich schenk Dir eine Geschichte (Foto: Timo Grubing)

Ich schenk Dir eine Geschichte

Erst im 18. Jahrhundert tritt an die Stelle des Erinnerns von Stoffen zunehmend das Vorlesen von schriftlichen Texten. Das Erzählen im Alltag verliert sich. In Deutschland macht sich vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg ein deutlicher Einschnitt bemerkbar: Die Volkssagen werden nicht mehr weiter erzählt. Die Menschen haben eine gebrochene Haltung gegenüber diesen Geschichten, nachdem Folkloristisches im nationalsozialistischen Deutschland verherrlicht und missbraucht wurde. Ein weiterer tiefer Einschnitt findet dann mit der Verbreitung von Radio, Fernsehen und Internet statt.

Doch auch heutzutage, trotz Digitalisierung und Informationsflut gibt es noch richtige Geschichtenerzähler. Einer von ihnen ist

Michel Zirk

. Seit 15 Jahren begeistert er die Menschen mit seinen Geschichten und hat sich geduldig sein Publikum "ranerzählt": "Die größte Kunst ist es, die Leute erst mal zu kriegen. Für viele bedeutet Erzählen, Märchen zu erzählen und das ist was für Kinder", erklärt Zirk im DW-Interview. Viele seiner Zuhörer seien nach den Vorstellungen doppelt erstaunt, denn "sie hätten nie gedacht, dass Erzählen eine voll gültige Abendunterhaltung sein könnte."

Zum Zuhören muss man sich Zeit nehmen

Im Gegensatz zur Schnelllebigkeit unseres Alltags ist das Erzählen eine langsame Kunst. Raum und Atmosphäre müssen erst geschaffen werden. Man muss sich auf den Erzähler einlassen und seiner Phantasie freien Lauf gewähren, erst dann können die lebendigen und individuellen Darbietungen ihren ganz besonderen Reiz ausüben. Anders als beim Vorlesen beherrscht der Erzähler oder die Erzählerin die Kunst, sich vollständig vom Text zu lösen und durch Mimik, Gestik und Intonation, eine starke Intimität, ja eine familiäre Atmosphäre zu dem Publikum aufzubauen.

Michel Zirk (Foto: Achim Gress)

Der Geschichtenerzähler Zirk in Aktion

Dementsprechend ist das Erzählen ein viel lebendigerer und interaktiverer Akt als das Vorlesen und zeichnet sich noch durch einen weiteren Vorteil aus: "Die Leute verdrehen sich furchtbar, wenn sie schreiben und sind ganz einfach, wenn sie sprechen", so Michel Zirk. Der Geschichtenerzähler "übersetzt" daher altertümliche Begriffe etwa bei den Grimm-Märchen ins Neudeutsche: "Warum sollte ich den Kindern von einer Itsche oder einer Fretsche erzählen, wenn ich auch von einer Kröte und anderen Tieren sprechen kann?"

Modernes Erzählen für moderne Hörer

Die Funktion des Geschichtenerzählers hat mittlerweile auch das Hörspiel übernommen. In den 30er Jahren im Radio sehr populär, war es bis Anfang des 21. Jahrhunderts fast vergessen. Mit der Neuauflage von Hitchcocks Geschichten rund um die "drei Fragezeichen" erlebte das Hörspiel Anfang der 2000er Jahre einen regelrechten Boom. Ob mit Musik unterlegt, fürs Radio oder live dargeboten, das Hörspiel ist mittlerweile sehr breit gefächert: "Anders als beim Hörbuch arbeitet das Hörspiel mit mehreren Stimmen, Akteuren und Geräuschen und daraus ergeben sich extrem viele Mischungsverhältnisse", sagt Paul Conrad, Mitbegründer des

Leipziger Hörspielsommers

.

Das kostenlose Festival findet in diesem Jahr zum zwölften Mal statt. Zehn Tage lang bietet das abwechslunsgreiche Programm spannende Geschichten für Jung und Alt. Über den Tag verteilt nehmen sich rund 2000 Besucher die Zeit zum Zuhören: "Durch die Komponente des Hörens und durch das Weglassen des Sehens, wird die Phantasie angeregt und man findet noch einen direkteren Draht in den Kopf und die Vorstellungswelt des Menschen. Es ist Kino im Kopf", sagt Conrad zum Erfolg des Festivals.

Zuhörer beim Hörspielsommer in Leipzig (Foto: Hörspielsommer e.V.)

Zuhörer beim Hörspielsommer in Leipzig

Bei der Wahl zwischen Hörspiel und Hörbuch, griffen die meisten Käufer allerdings immer noch eher zum Hörbuch, so Conrad. Das Hörspiel sei Teil der Popkultur und als Kunstform immer noch verkannt. Laut Matías Martínez vom Zentrum für Erzählforschung in Wuppertal könne sich das bald ändern. "Die Grenzen zwischen Hoch- und Popkultur lösen sich allmählich auf." In der Literatur greife man beispielsweise Kunstformen wie den Comic oder die Graphic Novel auf und auch Fernsehserien bekämen mehr Aufmerksamkeit.

In der Erzählforschung öffne man sich zudem nicht-literarischen Formen von Erzählen, etwa in journalistischen Texten, in der Rechtsprechung oder in ganz alltäglichen Erzählsituationen. "Das Erzählen ist ein Phänomen ist, das weit über die Literatur hinausgreift und eine ganz elementare Form der Kommunikation darstellt", erklärt der Erzählforscher Martínez. Im Erzählen von Geschichten äußert sich ein Grundbedürfnis des Menschen und ob in schrftlicher oder mündlicher Form, es wird immer erzählt werden.

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