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Kunst

Erwin Wurm: Aufgeblasene Status-Symbole

Fette Porsches, Dickbäuchige Männer, erotische Strickwände: Erwin Wurms Skulpturen sind surreal, philosophisch und immer: voller hintergründigem Witz. Eine Doppel-Ausstellungen stellt seine schrägen Arbeiten aus.

Draußen ist es noch kühl. Die Morgensonne versteckt sich noch unter der zartgrauen Wolkendecke, die über dem Duisburger Binnenhafen hängt. Rechts vor dem Eingang des backsteingemauerten Museum Küppersmühle setzt eine imposante Außenskulptur ein farbstarkes Zeichen: ein überdimensionierter Boxhandschuh, matte Oberfläche, in klarem Signal-Orange. Typisch Erwin Wurm, denke ich im Vorbeigehen. Die flüchtige Erinnerung an eine überdimensionierte Wärmflasche, ebenfalls senkrecht positioniert als Skulptur, mit dem beziehungsreichen Titel "Die Mutter" drängt sich auf.

Drinnen herrscht geschäftige Ruhe vor dem Sturm. Letzter Aufbautag vor der offiziellen Pressekonferenz, die Ausstellung steht noch nicht ganz. Letzte Handreichungen sind zu erledigen, Werkzeug und Staubsauger stehen achtlos im Weg rum. Einiges musste in letzter Minute wieder geändert werden – auf spontanen Wunsch des Künstlers, deutet der Kurator vielsagend an. Eine ganze Wand war schon fertig, die Hängung perfekt arrangiert. Jetzt steht ein Großteil der kleinen Stickarbeiten auf dem Boden. Das Team ist dabei, die Keilrahmen wieder fürs Depot zu verpacken.

Duisburg Erwin Wurm Ausstellung
(Erwin Wurm/Foto: DW/H. Mund)

Dicker Mann begrüßt die Besucher im Foyer des Museums Lehmbruck

Prinzip: Meister der ironischen Abgründe

Der Künstler ist noch nicht da. Kurator Jörg Mascherrek überprüft, ob alles wie abgesprochen genau an seinem Platz hängt. Wir durchqueren die hohen, weitgehend leeren Räume. Eine optimale Präsentationsfläche, vor allem für die großformatigen Arbeiten von Erwin Wurm. Mit 5,20 Meter Höhe zieht sich auf der einen Seite elastischer Strickstoff in Maigrün und Hellrosa über die ellenlangen Wände. Zehn Helfer mit Hubwagen seien nötig gewesen, um die Arbeit mit Clipleisten straff an der Wand zu befestigen. Im Gegenlicht sieht man die Nähte der Einzelteile. "Gespannte Aufmerksamkeit" wäre auch ein guter Titel, denke ich.

Insgesamt 420 Meter habe der Künstler in Thailand fertigen lassen, erklärt mir der Kurator den handwerklichen Teil der Arbeit. Eine kleinere Strickarbeit von nur 40 Metern Breite sei schon in Bangkok zu sehen gewesen.

Duisburg Erwin Wurm Ausstellung
(DW/H. Mund)

Bekannte Bildsprache: Skulpturen, wie dieser "Fat Men" tauchen in fast jeder seiner Ausstellungen auf

Inzwischen ist Erwin Wurm eingetroffen, freundlich, aufmerksam für den kurzen Moment der Begrüßung. Aber die Unruhe treibt ihn. Im präzisen Schnelldurchgang durchquert der hochgewachsene Künstler allen voran die weiträumige Ausstellung in der Küppersmühle. Seine knappen Statements, mit denen er ganz nebenbei Journalistenfragen beantwortet, versieht er mit einem österreichischen Schuss Ironie – und erzählt dabei Erstaunliches aus seinem Künstlerleben.

In der Anfangszeit seines Künstlerlebens habe er einfach kein Geld gehabt. Billiges Abfallmaterial war das Material für seine Skulpturen, Holzreste, Blechteile, alte Unterhosen, was er eben so gefunden hätte. Wurm zeigt uns eine der frühen Skulpturenkisten aus den 80er Jahren: Innen in dem meterhohen, rohen Holzkubus spreizt sich eine weit aufgespannte, graue Skiunterhose. Witzig. Und irgendwie auch abgründig. Im Raum daneben sich selbst tragende Pullover-Arbeiten, museal auf einem Podest arrangiert: "10,12 Pullover übereinander, fertig ist die Skulptur", lacht er.

Philosophie: Erweiterung des Skulpturbegriffs

Seit 25 Jahren arbeitet der österreichische Bildhauer und Objektkünstler Erwin Wurm an der Fortentwicklung seines "offenen" Skulpturenbegriffs –mit schrägem Humor und viel Selbstironie. "Ich finde spannend, was passiert, wenn man Alltagsgegenständen einfach den Nutzwert entzieht", sagt er im DW-Interview. Manches wiederholt sich, die "Fat Cars" zum Beispiel, aber Wurm ist immer wieder für Überraschungen gut.

Duisburg Erwin Wurm Ausstellung
(Erwin Wurm/Foto: DW/H. Mund)

"Fat Car" in Rot: Seitenspiegel erscheint künstlerisch verfremdet

In Duisburg hat er in einem kleinen Kabinett ein komplettes Buch, jede Seite einzeln, an die Wand geklebt. Als Wort-Skulptur: "1 Buch an 4 Wänden – von Konfektionsgröße 50 zu 54 in acht Tagen." Auf einer der letzten Seiten steht: "12 Uhr nachts: 4 Schokolade-Palatschinken, 2 Schalen Kaukau. 4 Uhr nachts: 2 Tafeln Schokolade."

Das Resultat dieses angeblichen Selbstversuchs - natürlich habe er diese Gewichtszunahme nur künstlerisch wirkungsvoll inszeniert, gesteht Erwin Wurm - hängt als großformatige, zweiteilige Fotoarbeit im Eingangsbereich des Museums Küppersmühle: Erwin Wurm "He and Me", lebensgroß. Davor eine altmodisch fiesblaue Sonnenliege aus Plastik. "Das musste genau dieses Blau sein. Die haben wir in "Rudi's Resterampe" hier in Duisburg gefunden", lacht Kurator Macherrek.

Erfolg: Spitzenplatz im Weltranking

Erwin Wurm ist ein Suchender. Er kämpft, ringt mit sich und der Kunst, obwohl er längst zu den extrem gut verdienenden, erfolgreichen  Künstlern gehört. "Es geht um die Schwierigkeit das Leben zu meistern. Egal, ob mit einer Diät oder mit Philosophie", lässt er als Statement auf den Museumsflyer drucken. Als Bildhauer ist er in der Wiener Hochschule bei Bazon Brock in die Denklehre gegangen.

Duisburg Erwin Wurm Ausstellung
(DW/H. Mund)

Provozierend: Mann mit "Ärgerbeule"

Im internationalen Ranking von ART Facts.Net, der Weltrangliste der international bedeutendsten Künstler, steht der Österreicher Erwin Wurm immerhin auf Platz 17, weit vor Richard Serra, Damien Hirst, Jeff Koons und sogar Anselm Kiefer (Platz 57).

Aber seine nervöse Angespanntheit hat auch etwas Professionelles. Zielstrebig eilt Wurm wenig später durch die anderen Ausstellungsräume im Lehmbruck-Museum, dem zweiten Spielort seiner Duisburger Doppelausstellung. Nur selten verweilt sein Künstlerblick länger als gerade notwendig, um zu überprüfen, ob alles richtig platziert ist. Im Vorbeigehen rückt er zwei kleine rosa Skulpturen zurecht. Der Lichteinfall hat ihm nicht gefallen, zuwenig skulpturale Tiefe, merkt er an.

Haltung: Im Zweifel - mit Humor und Hintersinn

Ständig scheint der berühmte Bildhauer im Dialog mit sich und seiner Umwelt zu stehen. Dem begegnet er mit österreichischen Humor und Hintersinn, allerdings dezidiert politisch, wie er mehrfach betont. Die Aufgeblasenheit der Statussymbole spießt er in seinen Arbeiten immer wieder auf.

Italien Erwin Wurm Venedig Biennale 2017 (Getty Images/Awakening)

Setzt sich gern in Szene: der Künstler Erwin Wurm im Biennale-Pavillon seines Heimatlandes Österreich (2017)

Der Schnelldurchgang durch die fertig aufgebaute Ausstellung ist beendet. Mit den architektonischen Gegebenheiten im Lehmbruck-Museum ist er nicht zufrieden. Der "Zubau", wie der Künstler den modernen Anbau auf Österreichisch nennt, ist ihm zu voll gestellt. Es sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als plakativ riesige Wandarbeiten dagegen zu setzen. Erwin Wurm als sich selbst verfremdendes Kunstobjekt auf Fototapete.

Der Mann provoziert mit Lust: Die mannshohe Skulptur "Ärgerbeule" ("Anger bumps") löste schon beim Aufbau in Duisburg heftige Diskussionen aus. Das gefällt ihm. Aber darum gehe es ihm nicht, als Bildhauer sei er handwerklich extrem anspruchsvoll, lässt er wissen. "Mein Fat Car zum Beispiel: Wenn der handwerklich nicht perfekt ist, dann macht man's besser gar nicht." Den Satz lässt er so stehen und geht weiter.

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