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Musik

Erwin Schulhoff zum 120. Geburtstag

Der Komponist und Pianist Erwin Schulhoff galt als musikalischer Rebell, als "Draufgänger", der seine "Musik eher im Wirtshaus entdeckte als im bürgerlichen Konzertbetrieb". Am 8. Juni 1894 wurde er in Prag geboren.

In den Zentren der europäischen Avantgarde war Erwin Schulhoff ein gefragter Pianist und Komponist, gefeiert als einer der "talentiertesten jungen Musiker Mitteleuropas". Seine Musik klang aufregend neu. Konventionen interessierten ihn nicht. Er ließ sich vielmehr von den damals aktuellsten und radikalsten Kunstströmungen inspirieren, vom Expressionismus und vom Dadaismus. Und als einer der ersten europäischen Komponisten überhaupt setzte er sich intensiv mit dem neu aus Amerika herübergeschwappten Jazz auseinander. Von den Nationalsozialisten als Jude und als Komponist "entarteter" Musik verfolgt, starb Erwin Schulhoff 1942 in einem bayerischen Internierungslager an Tuberkulose.

"Am Eingang des Zukunftslandes"

Erwin Schulhoff wuchs als Wunderkind auf. Als Antonín Dvorák den Siebenjährigen am Klavier spielen hörte, war er so beeindruckt, dass er ihn gleich beim Prager Konservatorium anmelden wollte. Mit zehn Jahren begann der Junge tatsächlich dort sein Klavierstudium und entdeckte dabei sein Kompositionstalent: Schon als 14-Jähriger wurde er in die berühmte Kompositionsklasse von Max Reger in Leipzig aufgenommen und 1913 nahm er Unterricht bei Claude Debussy in Paris.

Erwin Schulhoff Komponist Archiv 1931

Erwin Schulhoff war ein gefragter Konzertpianist

Bereits 1911 hatte er "mit kolossalem Erfolg" seine erste Konzerttournee bestritten.

Der Ausbruch des ersten Weltkriegs unterbrach die Karriere des jungen Ausnahmetalents: Erwin Schulhoff wurde als Soldat zum Kriegsdienst eingezogen, erlitt eine schwere Handverletzung und Erfrierungen. 1918 notierte er in sein Tagebuch: "Es ist eine förmliche Sintflut hereingebrochen, ein zerstörendes Element, welches alle erworbene Kultur der europäischen Menschheit zu vernichten droht. Und jetzt stehe ich am Eingang des Zukunftslandes, elend und trotzig!“

"Groteske, Burleske, Humoreske"

Der Krieg hatte Erwin Schulhoff verändert, er litt an Depressionen: Seinem Tagebuch vertraute er an, er sei in einer Stimmung, in der "man den Glauben an sich selber verliert". Seinen Glauben fand er erst wieder, als er 1919 zu seiner Schwester Viola nach Dresden zog. Dort lernte Schulhoff die junge Künstlerbewegung der Dadaisten kennen, die ihren Protest gegen die Sinnlosigkeit des Krieges richteten: Mit Provokationen in Wort und Bild sollte der bürgerlichen Gesellschaft ein Spiegel vorgehalten werden.

Künstler Maler George Grosz

Von seinen Bildern ließ sich Schulhoff inspirieren: George Grosz

Schulhoff hatte sein "Zukunftsland" gefunden: Vor allem in den Bildern von Georg Grosz fand er ein Vorbild für die eigene Kunst, seine Musik sollte genauso provozieren, aufrütteln: "Es sind entsetzliche Spannungen im momentanen Dasein“, notiert er im Tagebuch. "Fürchterliches Chaos überall! Könnt ihr begreifen, dass mein Schaffen, angeregt durch diesen europäischen Trümmerhaufen, nur Spott ist?“

"Fortschrittskonzerte"

Als Mittel der musikalischen Provokation entdeckte Schulhoff für sich den Jazz, der damals noch als "Untergang des Abendlandes" verteufelt wurde. Er schloss sich der "Gruppe 1919" um den Maler Otto Griebel an und gründete die "Fortschrittskonzerte". Hier konfrontierte er die Öffentlichkeit mit moderner Musik, lud Vertreter der Avantgarde nach Dresden ein und stellte seine eigenen Jazz-inspirierten Werke vor.

Vor allem von den raffinierten Rhythmen der neuen Jazz-Tänze wie Foxtrott, Shimmy und Ragtime war Schulhoff fasziniert. Inspiration holte er sich in den Jazz-Clubs. "Geht in die Wirtshäuser und ihr findet mehr Musik als in den Konzertsälen dieser Welt", schrieb er: "Ich habe eine unerhörte Leidenschaft zum mondänen Tanz und habe Zeiten, in welchen ich Nacht für Nacht mit Bardamen tanze, rein aus rhythmischer Begeisterung und sinnlichem Unterbewusstsein. Dadurch habe ich in meinem Schaffen eine phänomenale Anregung, da ich in meinem Bewusstsein unglaublich irdisch bin, fast sogar tierisch!“

Von den Nazis verfolgt

Partituren von Erwin Schulhoff Komponist

Schulhoffs Musik galt als "entartete Kunst"

Zu diesem Zeitpunkt waren Schulhoffs Kompositionen ungeheuer populär, Paul Hindemith brachte einige seiner Kammermusikwerke zur Uraufführung, in Prag und Berlin wurden seine Orchesterstücke regelmäßig gespielt. Nach der Uraufführung seines Konzerts für Klavier und kleines Orchester bejubelte die Presse Schulhoffs "zündende Musikalität": "Er ist auch in seinem neuen Klavierkonzert kein Grübler. Er gehört dafür zu den temperamentvollsten Musikern, die wir haben. Wildeste Rhythmik ist bei Schulhoff der Keim der Komposition."

Aufgrund seiner jüdischen Abstammung, seiner Vorliebe für den Jazz und wegen seiner kommunistischen Gesinnung konnte Schulhoff nach 1933 seine Karriere im faschistischen Deutschland nicht fortsetzen. Seine Werke wurden als "entartet" verfemt, die Aufführung seiner Werke in Deutschland verboten. Schulhoff kehrte nach Prag zurück, wo er nach der Besetzung durch die Nationalsozialisten nur noch unter einem Pseudonym als Jazz-Pianist und Arrangeur arbeiten konnte. Am 23. Juni 1941 wurde er von der Gestapo in Prag verhaftet und in das Konzentrationslager Wülzburg bei Weißenburg in Bayern deportiert. Erwin Schulhoff starb dort am 18. August 1942, im Alter von nur 48 Jahren, an Tuberkulose.

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