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Europa

Erwachsen Sein im Jugendzimmer

Sie verdienen als Berufsanfänger 750 Euro und können kaum davon leben. Darum wohnen inzwischen rund drei Viertel der Griechen unter 30 Jahren bei den Eltern - obwohl sie gut ausgebildet sind und Jobs haben.

In einem Kinderzimmer liegt Spielzeug auf dem Boden verteilt (Foto: picture-alliance/dpa)

Zurück ins Kinderzimmer: Viele Griechen können sich keine Wohnung leisten

Ruhig ist es bei Nikos nicht: Die Mutter lässt sich gerade von einer Bekannten frisieren, irgendwo läuft ein Fernseher und vom Sofa aus grüßt der Vater. Auch Nikos' Zimmer ist nicht gerade das, was man sich unter der Bleibe eines Software-Ingenieurs vorstellt: rund zehn Quadratmeter, voll gestellt mit Jugendmöbeln, von der Decke hängen Modellflugzeuge.

Hier hat Nikos vor Jahren als Kind gelebt, hierher ist der 30-Jährige nach seinem Master-Studium und dem Berufseinstieg in London wieder zurückgekehrt. "Sicher gibt es Vorteile, wenn man zu Hause wohnt, aber leider auch eine Menge Nachteile. Ich habe zehn Jahre lang alleine gelebt, da ist es nicht gerade einfach, sich wieder umzugewöhnen", sagt Nikos. In England habe er sich eine eigene Wohnung leisten können, hier sei das von seinem Gehalt einfach nicht möglich.

WG mit den Eltern

Blick auf Athen (Foto: Bilderbox)

Athen: niedrige Einstiegsgehälter, hohe Lebenshaltungskosten

Nikos muss sich mit der Wohngemeinschaft mit seinen Eltern arrangieren, etwas Anderes bleibt ihm nicht übrig. 800 Euro netto verdient er im Monat. Das ist weniger, als ein Student in Athen zum Leben braucht - und dennoch ein typisches Einsteigergehalt. Nikos kommt Athen viel teurer vor als London. "In England waren die Mieten teuer, die öffentlichen Verkehrsmittel und das Benzin. Alles andere war billiger zu haben als hier. Nach Abzug aller Ausgaben hatte ich noch genügend Geld übrig um ein normales Leben zu führen." Aus privaten Gründen ist Nikos nach Griechenland zurückgekehrt, doch inzwischen denkt er ernsthaft darüber nach, nach England auszuwandern.

Rund drei Viertel aller Griechinnen und Griechen unter 30 Jahren geht es ähnlich wie Nikos: Sie leben bei ihren Eltern, obwohl sie berufstätig und noch dazu meist hoch qualifiziert sind. Ihrer niedrigen Löhne wegen werden sie die „700-Euro-Generation“ genannt.

Ein ungelöstes Problem

Seit zwei Jahren erörtern sie ihre Nöte auf einem Blogspot, mit dem Ziel, gemeinsam bessere Arbeits- und Lebensbedingungen durchzusetzen. Dabei sei vor allem die Politik gefragt, sagt Thanasis Gouglas, Gründungsmitglied des Blogspots. Das Stichwort sei Generationengerechtigkeit. "Wir haben eine Jugendarbeitslosigkeit von über 20 Prozent und gleichzeitig niedrige Einstiegslöhne. Das Problem ist noch keine Regierung angegangen, also in dem Sinn, dass man sagen würde: Wir schichten Chancen und Gelder zugunsten der Jungen um, damit sie selbständig leben können. Das könnten zum Beispiel Steuererleichterungen für Berufseinsteiger sein oder Subventionen", sagt Gouglas.

Auch der 29-jährige Orest wohnt noch bei seinen Eltern. Zum Glück verstehe er sich gut mit seinen Eltern, meint der Grundschullehrer. Denn auch für ihn kommt eine eigene Wohnung nicht in Frage. "Ich hab es mir ausgerechnet, aber es geht sich nicht aus - die Miete: mindestens 400 Euro, dazu 200 bis 300 Euro für die nötigsten täglichen Ausgaben und dann noch die Festkosten: Strom, Telefon, Handy und so fort. Damit wäre mein Einkommen bei weitem aufgebraucht“, sagt er. Er kenne Leute, die ausgezogen seien, aber die kämen nur gerade so über die Runden.

" 30-Jährige fühlen sich wie 22 "

Füße, die in Hausschuhen stecken (Foto: dpa)

Keine eigene Wohnung, keine feste Beziehung

Die Zahl der Berufseinsteiger, die bei ihren Eltern wohnen, ist in vergangenen Jahren gestiegen. Auch in Orests Bekanntenkreis gibt es kaum jemanden, der alleine wohnen würde. Dieses Wohnen präge eine ganze Generation, sagt er. "Solange man bei seinen Eltern wohnt, ist man ihr Kind. Viele hindert das Daheimwohnen daran, sich weiter zu entwickeln.“

Dass viele Leute keine feste Beziehung hätten, hänge auch damit zusammen, dass viele eben bei ihren Eltern wohnen, vermutet Orest. “Sie sind 30 oder 35 und fühlen sich wie 22. Sie haben einfach nicht das Gefühl, dass sie einen eigenen Haushalt gründen und Verantwortung für ihr Leben übernehmen müssen."



Autorin: Alkyone Karamanolis
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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