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Politik

Erstes Urteil im Abu-Ghoreib-Prozess

Was geht in einem Menschen vor, der irakische Häftlinge quält und dabei in die Kamera grinst? "Es herrscht Krieg - da passieren schlimme Sachen", sagte Charles Graner. Jetzt geht er dafür zehn Jahre hinter Gitter.

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Charles Graner auf dem Weg in den Gerichtssaal


Nur fünf Stunden Beratung brauchte die zehnköpfige Jury im Militärstützpunkt Fort Hood in Texas, um den 36-jährigen Unteroffizier Charles Graner für "schuldig in neun von zehn Anklagepunkten" zu befinden: Die Geschworenen - Offiziere und einfache Soldaten der US-Armee - sahen es als erwiesen an, dass der Unteroffizier im US-Militärgefängnis von Abu Ghoreib mehrere Gefangene brutal misshandelt und sich der Körperverletzung schuldig gemacht hat. Einen Tag nach dem Schuldspruch berieten sie etwa zwei Stunden über das Strafmaß: unehrenhafte Entlassung aus der Armee und zehn Jahre Haft.

Im Gerichtssaal: Charles Graner mit Anwalt, Zeuge und Richter

Im Gerichtssaal: Charles Graner mit Anwalt, Zeuge und Richter

Die Führung der US-Streitkräfte hatte den Unteroffizier im Rang eines "Specialist" als "Rädelsführer" der Abu-Ghoreib-Affäre dargestellt - also als Täter, der seine Pflichten sträflich verletzt hat. Graner aber beteuerte immer wieder, dass er nur Befehle befolgt habe, die Gefangenen systematisch für ihre Verhöre gefügig zu machen. Diese Befehle seien von Mitarbeitern des militärischen Geheimdiensts erteilt worden, sagte Graner in einer abschließenden persönlichen Erklärung. Erst habe er dem Druck widerstanden, die Gefangenen zu misshandeln. Aber seine Vorgesetzten hätten ihm klar gemacht, dass von ihm erwartet werde, den Anweisungen Folge zu leisten. Zum Schluss seiner nahezu dreistündigen Erklärung sagte Graner: "Was ich dort getan habe, habe ich nicht gern getan. Vieles davon war falsch, vieles war kriminell."

Neue Details

US-Soldaten, die im Abu-Ghoreib-Gefängnis zusammen mit Graner Dienst geleistet hatten, und frühere Insassen des Gefägnisses hatten während des Verfahrens übereinstimmend ausgeagt, dass Graner die ihm anvertrauten Gefangenen regelmäßig mit Fäusten oder Eisenstangen schlug. In E-Mails an Verwandte höhnte Graner, dass die Misshandlungen eine "gute Ertüchtigung für den Körper, aber schlecht für seine Hände" seien. In einer anderen E-Mail versandte Graner ein Foto, das ihn beim Vernähen von Wunden eines Gefangenen zeigt. Im beigefügten Text kommentierte Graner das Fotos mit den Worten: "Hier haben wir wohl ein bisschen übergetrieben."

Die Anklage hatte Graner vorgeworfen, besonders sadistisch mit den Gefangenen umgegangen zu sein. Als Anfüher einer Gruppe von Militärpolizisten soll er andere Gefangene zu Misshandlungen angestiftet haben. Ein Zeuge der Anklage hatte im Laufe des Verfahrens erklärt, Graner habe regelmäßig Anordnungen seiner Vorgesetzten missachtet. Ein Zeuge der Verteidigung hatte dagegen ausgesagt, dass Graner von seinen Vorgesetzten mehrfach ausdrücklich gelobt worden sei.

Verteidiger in Nöten

Gary Womack, der Zivilverteidiger Graners, hatte in seinem Schlussplädoyer erklärt, die Regierung verlange von Graner, alle Schuld auf sich allein zu nehmen. Die Behauptung seiner Dienstvorgesetzten, von den Misshandlungen nichts gewusst zu haben, bezeichnete Womack als Lüge. Graners Verteidiger hatte jedoch gleich zu Beginn des Verfahrens in der Öffentlichkeit für Empörung gesorgt, als er die Menschenpyramiden nackter Gefangener im Abu-Ghoreib-Gefängnis mit Showeinlagen von Cheerleadern bei amerikanischen Sportveranstaltungen verglich.

Ungünstig für die Verteidigung war auch eine Entscheidung des Vorsitzenden Militärrichters, Oberstleutnant James Pohl. Pohl hatte den Antrag der Verteidigung, die Zeugen darüber aussagen zulassen, wer in Abu Ghoreib welche Befehle erteilte, abgelehnt. Die Vorgänge im Abu-Ghoreib-Gefängnis, das von den US-Militärs nach dem Sturz Saddam Husseins im April 2003 übernommen worden war, ereigneten sich im Herbst und Winter 2003. Als die Fotos von den Misshandlungen und den sexullen Erniedrigungen der Gefangen im Frühjar 2004 von der amerikanischen Presse veröffentlicht wurden, hatte dies einen weltweiten Skandal ausgelöst. Im Irak selbst hatten sich Terrorkommados bei der Enthauptung von amerikanischen Staatsbürgern auf die Vorgänge im Abu-Ghoreib-Gefängnis berufen.

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