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Europa

Erster Staatsbesuch: Serbischer Premier in Albanien

Zum ersten Mal reist ein serbischer Premier nach Albanien. Doch der Besuch von Aleksandar Vucic am Mittwoch findet in einer aufgeheizten Atmosphäre statt - nicht nur wegen des Streits um Kosovo.

Edi Rama (l.) und Aleksandar Vucic in Belgrad (Foto: epa)

Edi Rama (l.) und Aleksandar Vucic in Belgrad 2014

Nicht einmal der ehemalige jugoslawische Staatschef Josip Broz Tito hat Albanien besucht. Der serbische Premier Aleksandar Vucic bekommt diese Chance - trotz seiner radikal-nationalistischen Politik in den 1990er Jahren. Damals war er gemeinsam mit dem heutigen serbischen Präsidenten Tomislav Nikolic und dem Anführer der Radikalen, Vojislav Seselj, einer der größten Unterstützer der "großserbischen" Politik - also des Ziels, dass alle ethnischen Serben in einem Staat leben sollten.

Doch der serbische Premier hat sich zu einem Politiker entwickelt, der die europäische Agenda in Serbien vorantreiben will. In den letzten 12 Monaten habe Vucic mehrere diplomatische Erfolge erreicht, so der Generalsekretär des Kooperationsrats für Südosteuropa in Sarajevo und ehemalige jugoslawische Außenminister Goran Svilanovic im Gespräch mit der DW. "Der Besuch in Tirana kommt nun nach dem Besuch im vergangenen Jahr in Sarajevo, nach mehreren Regierungstreffen mit den Nachbarländen sowie einem sehr guten Verlauf der regionalen Zusammenarbeit in den letzten Monaten", sagt Svilanovic.

Serbische Medien erwarten Fallen und Provokationen

Sowohl in Tirana als auch in Belgrad sprechen viele von einem historischen Besuch. Shkelzen Maliqi, Berater des albanischen Ministerpräsidenten Edi Rama, versucht allerdings, die Erwartungen zu dämpfen. Als "historisch" würde er das Trefffen nicht bezeichnen, sagt Shkelzen Maliqi gegenüber der DW. "Dennoch ist es sehr wichtig, die Beziehungen zwischen Tirana und Belgrad weiter zu normalisieren. Dennoch haben Serbien und Albanien völlig unterschiedliche Haltungen gegenüber der Unabhängigkeit des Kosovo."

Beim ebenfalls im Vorfeld als "historisch" bezeichneten

Besuch des albanischen Premierministers Edi Rama in Belgrad im November 2014

löste ein einziger Satz Spannungen aus: Rama sagte, dass "Serbien die neue Realität und die Unabhängigkeit des Kosovo anerkennen soll". Gastgeber Vucic sowie viele serbische Kommentatoren bezeichneten diesen Satz als eine offene "Provokation", als einen "Skandal" und eine "Unverschämtheit" des albanischen Ministerpräsidenten. Auf der anderen Seite wurde Rama von vielen Albanern als Held gefeiert - sowohl in Albanien als auch im Kosovo.

Einige serbische Medien behaupteten zuletzt, dass Rama vor dem Treffen in Tirana Fallen und Provokationen für seinen serbischen Amtskollegen vorbereitet habe. Sein Berater Shkelzen Maliqi weist solche Behauptungen zurück. Maliqi und Svilanovic sind der Meinung, dass auch Vucic auf jegliche Provokation verzichten wird- etwa Erklärungen, dass das Kosovo ein untrennbarer Teil Serbiens sei.

Schwieriges Verhältnis zwischen Serbien und Albanien

Die Beziehungen zwischen Serbien und Albanien sind schwierig - nicht zuletzt wegen der serbischen Gewalt gegen die Kosovo-Albaner während des Kosovo-Krieges 1998/1999, als rund 800.000 Kosovo-Albaner nach Albanien fliehen mussten. Andererseits beschuldigte Serbien das Nachbarland, als Rückzugsgebiet für Kriegsvorbereitung zu dienen und die Kosovo-Albaner mit Waffen zu beliefern.

Kosovo-Albaner auf den Bahngleisen, die vor den serbischen Truppen fliehen müssen

Kosovo-Albaner auf der Flucht (1999)

2008 erklärte Kosovo seine Unabhängigkeit von Serbien, Belgrad erkennt diese weiterhin nicht an. Der albanische Politik-Experte Alber Rakipi betont, dass Belgrad und Tirana nicht nur in der Kosovo-Frage unterschiedliche Auffassungen haben: "Albanien ist ein Mitglied der NATO und unterstützt die westliche Politik auf dem Balkan. Andererseits ist Serbien kein NATO-Mitglied und strebt eine engere Zusammenarbeit mit Russland an."

Dennoch kam es in den letzten fünf Jahren und besonderes seit der Berliner Konferenz im August 2014 zu einem Ausbau der Beziehungen zwischen Albanien und Serbien. Allein in den letzten Monaten gab es sechs Treffen zwischen den Premierministern Rama und Vucic. Allerdings - auch nach dem Besuch in Tirana am Mittwoch - erwartet Svilanovic keine Einigung zwischen Rama und Vucic in der Kosovo-Frage.

Eskalation der Gewalt in Mazedonien

Die beiden Premierminister werden jedoch zwei große Themen nicht vermeiden können: die Sicherheitslage in der Region - besonderes nach der Eskalation der Gewalt in

Mazedonien

- und die gemeinsame europäische Perspektive. Nach den blutigen Auseinandersetzungen in der mazedonischen Stadt Kumanovo am 9. Mai waren in Serbien Anschuldigungen zu hören, dass die Albaner in Mazedonien, Kosovo und Albanien das Ziel der Gründung eines "Großalbaniens" verfolgen würden.

"In Mazedonien und Kosovo - weniger in Albanien - gibt es Kreise, die ein Albanien in ethnischen Grenzen bevorzugen. Das ist jedoch keine offizielle Politik, weder in Tirana noch in Prishtina", so Shkelzen Maliqi. Die Krise in Mazedonien sieht er lediglich als "Kampf der jetzigen Regierung, an der Macht zu bleiben".

Beobachter erwarten von den Premierministern Vucic und Rama als Vertreter der größten Nationen in der Region einen Appell für eine Beruhigung der Lage in Mazedonien. Frieden, Stabilität und die regionale Zusammenarbeit sind die Hauptvoraussetzungen für eine Annäherung der Region an die EU. Das hat zuletzt auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier während seines Besuchs in Belgrad Ende April und nach dem Treffen mit seinem albanischen Amtskollegen Ditmir Bushati in Berlin im Mai unterstrichen. Er versprach weitere Unterstützung für Albanien und Serbien auf dem Weg nach Europa. Mit Blick auf die Annäherung an die EU setzen Serbien und Albanien große Hoffnungen auf den Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Belgrad und Tirana im Juli.