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Deutschland

Erster Staatsbesuch: Gauck in Israel

Joachim Gauck kann die Herzen der Bürger Israels berühren - davon ist Bundesaußenminister Guido Westerwelle überzeugt. Mit seinem Lebensthema Freiheit und Menschenwürde werde er dort gut ankommen.

Bundespräsident Joachim Gauck stammt aus der ehemaligen DDR, die keine offiziellen Beziehungen zum Staat Israel unterhielt. Die Regierung in Ostberlin sah sich als "antifaschistischer Staat" ausdrücklich nicht in der Rechtsnachfolge des Dritten Reichs und übernahm damit auch keine Verantwortung für die Last der deutschen Geschichte. Für die Bundesrepublik dagegen gehörte die unbedingte Solidarität mit Israel zu einem Grundsatz ihrer Politik. Der erste Staatsbesuch führt den neuen deutschen Bundespräsidenten daher nach Israel. Im Rahmen seiner Reise (28.05.2012 bis 31.05.2012) ist auch ein Besuch der Palästinensergebiete vorgesehen.

Solidarität und Staatsraison

Schon der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer bemühte sich um ein gutes Verhältnis zu dem 1948 gegründeten jüdischen Staat. Im Jahr 1953 unterzeichnete er mit Israels Staatsgründer David Ben-Gurion das Wiedergutmachungsabkommen.

David Ben-Gurion und Konrad Adenauer treffen sich am 14.3.1960 zum ersten Mal im Waldorf-Astoria Hotel in New York. Foto: DPA

14. März 1960: David Ben-Gurion und Konrad Adenauer treffen sich zum ersten Mal in New York

Im Jahr 1965 schließlich wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern aufgenommen. Heute gilt Deutschland als einer der engsten Verbündeten des jüdischen Staates.

Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte Israels Sicherheit sogar zur Staatsraison. Doch die deutschen Bürger folgen der Politik auf diesem Weg längst nicht mehr. Israel verliert in der deutschen Öffentlichkeit zunehmend an Ansehen. In einer Umfrage des Magazins "Stern" nannten 59 Prozent der Befragten Israel ein aggressives Land, zehn Prozent mehr als vor zehn Jahren. Etwa zwei Drittel der Deutschen sind der Meinung, dass Israel seine Interessen ohne Rücksicht auf andere Völker verfolge. Nur noch 36 Prozent erklärten, dass ihnen Israel sympathisch sei, fast zehn Prozent weniger als vor drei Jahren. 13 Prozent der Befragten sind sogar der Meinung, dass Israel kein Existenzrecht habe.

Freundschaft und Distanz

"Zwischen Deutschland und Israel gibt es keine Freundschaft", stellt der Münchner Historiker Michael Wolffsohn nüchtern fest. Seit 1981 wachse die Distanz zwischen beiden Ländern. Das lasse sich klar aus Umfragen ablesen, sagte er kürzlich bei einer Podiumsdiskussion in Berlin. Nach dem Sechstagekrieg von 1967 habe Israel in Deutschland einen außergewöhnlich guten Ruf genossen, der nach dem Yom-Kippur-Krieg von 1973 jedoch gelitten habe. Zu einem tiefen Bruch sei es dann im Jahr 1981 gekommen, als sich an geplanten deutschen Waffenlieferungen an Saudi-Arabien eine heftige Kontroverse zwischen den beiden damaligen Regierungschefs Menachem Begin und Helmut Schmidt entzündet hatte. Heute zähle Israel in der deutschen Öffentlichkeit zu einem der unbeliebtesten Staaten der Welt, meint Wolffsohn.

Vor allem bei jungen Leuten wächst die kritische Distanz zum jüdischen Staat. Sie sehen sich immer weniger in einer von historischer Schuld belasteten Verantwortung gegenüber Israel. Gleichwohl bleibt auch bei ihnen das Interesse hoch.

Interesse und Kritik

Die deutsch-israelische Historikerin Tamar Amar-Dahl kennt das aus eigener Anschauung. Sie lehrt an der Freien Universität in Berlin israelische Geschichte und kann sich über mangelnden Zulauf zu ihren Lehrveranstaltungen nicht beklagen.

Die israelisch-deutsche Historikerin und Peres-Biographin Tamar Amar-Dahl. Foto: Björn Duddeck

Die israelisch-deutsche Historikerin Tamar Amar-Dahl

"Das Interesse von deutschen Studierenden an Israel ist sehr groß", sagt sie im Interview mit der DW. "Israel hat für die Deutschen etwas Faszinierendes, ja Mysteriöses an sich, etwas, das schwer zu 'knacken' ist." Die Beschäftigung mit Israel bedeute für Studenten die Konfrontation mit der jüdischen Verfolgungs- und Leidensgeschichte und damit auch mit der gemeinsamen jüdisch-deutschen Vergangenheit. Israel wolle man als ein nationalstaatliches Projekt verstehen, dessen Gelingen die deutsche Schuld mildern könnte.

"Doch das zionistische Projekt ist 70 Jahre nach der Shoah gescheitert: Der jüdische Staat bietet keine Sicherheit für seine jüdischen sowie nichtjüdischen Bewohner", so das Fazit der Historikerin. Diese Erkenntnis setze sich langsam auch in Deutschland durch. "Man versteht langsam, dass die aussichtslose Politik Israels diese Lage mit verursacht hat." Deutsche sähen sich daher in einem Dilemma: Sie müssten versuchen, ihre tiefgreifenden Schuldgefühle mit der notwendigen Kritik an Israel zu verbinden. Dies setze einen souveränen und differenzierten Umgang mit Israel voraus.

Von einem "normalen Verhältnis zwischen Deutschland und Israel" will Amar-Dahl gleichwohl nicht sprechen. Dies sei auf lange Sicht nicht möglich, da das deutsche Verbrechen an den Juden zu radikal und zu monströs gewesen sei. "Die Shoah wird noch lange zwischen beiden Völkern stehen müssen."

U-Boote und ein Gedicht

Dennoch, die offiziellen deutsch-israelischen Beziehungen sind - fast 70 Jahre nach Kriegsende - gut und stabil. Seit dem Jahr 2008 gibt es regelmäßige Regierungskonsultationen zwischen beiden Ländern, die abwechselnd in Berlin und Jerusalem stattfinden. Und Deutschland gilt innerhalb der EU als verlässlicher Fürsprecher Israels.

Das erste von drei in Deutschland gebauten U-Booten der israelischen Marine, die INS Dolphin, ist in den Heimathafen Haifa eingelaufen (Archivfoto vom 27.07.1999). Foto: DPA

Deutschland baut U-Boote für die israelische Marine

Auch als Waffenlieferant ist die Bundesrepublik in Israel hoch angesehen. Erst vor wenigen Wochen nahm die israelische Marine das vierte U-Boot der Dolphin-Klasse aus deutscher Produktion in Empfang. Insgesamt hat Israel in Deutschland sechs atomwaffenfähige U-Boote bestellt. Jedes kostet bis zu einer halben Milliarde Dollar und ist damit Israels teuerste Waffe. Einen Teil der Kosten trägt die Bundesrepublik. Sie hatte Israel die ersten beiden U-Boote geschenkt und den Bau der weiteren mit mehreren Hunderttausend Euro subventioniert.

Die Lieferung von U-Booten an Israel war auch Anlass für Günter Grass, seine Sorgen über die wachsenden Spannungen im Nahen Osten und seine Kritik an der israelischen Politik zum Ausdruck zu bringen. Im April veröffentlichte der Literaturnobelpreisträger in mehreren deutschen und internationalen Tageszeitungen ein Gedicht, in dem er Israel wegen seiner Angriffsdrohungen gegen den Iran scharf angriff. Er löste damit eine Welle der Empörung aus. Die israelische Regierung erklärte Grass zur unerwünschten Person. Für Bundespräsident Gauck könnte auch dieses Thema auf der Tagesordnung seiner Gespräche in Israel stehen.

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