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Kultur

Erste Werkschau von Ai Weiwei geplatzt

Eigentlich sollte es eine Premiere in China werden. Doch die erste Ausstellung des regimekritischen Aktionskünstlers Ai Weiwei wurde abgesagt - von Ai Weiwei selbst. Warum? Ein Gespräch mit dem DW-Journalisten Shi Ming.

Ai Weiwei bei der Verleihung des Kasseler Bürgerpreises (Foto: DW)

Ai Weiwei auf einer Preisverleihung in Kassel

Im März sollte der international bekannte chinesische Künstler Ai Weiwei zum ersten Mal in Peking ausstellen. Doch dann bekamen die Organisatoren kalte Füße und wollten die Werkschau des Regimekritikers aus Rücksicht auf die zeitgleich in Peking laufende Jahrestagung des Volkskongresses verschieben. Doch Ai Weiwei lässt sich nicht zensieren. Der Künstler lehnt deshalb eine Ausstellung in "Ullens Zentrum für Gegenwartskunst" des belgischen Sammlers und Industriellen Guy Ullens in Peking komplett ab. Die Deutsche Welle hat mit Shi Ming, Exil-Autor, Journalist und Mitarbeiter der chinesischen Redaktion der DW, über die Hintergründe gesprochen.

Deutsche Welle: Die Organisatoren wollten die Ausstellung absagen, weil sie ihnen zu heikel wurde. Was steckt dahinter?

Shi Ming: Ein Grund ist natürlich die Frustration, unter der die ganze Kunstszene seit der Verleihung des Friedensnobelpreises an den Dissidenten Liu Xiaobo leidet. Immer wieder wurden Künstler schikaniert. Einige wurden verhaftet und in Polizeigewahrsam oder in Hausarrest genommen. Ungefähr 300 Künstler sind von diesen Repressalien betroffen, auch Schriftsteller. Die Frustration wird immer größer. Die Folge ist, dass sie es ablehnen, mit offiziellen Behörden auch in abgemilderter Form zusammenzuarbeiten. Der andere Grund ist, dass das Selbstbewusstsein gewachsen ist. Man sieht ja, dass den Behörden außer solcher vorübergehenden Repressalien nicht mehr sehr viel einfällt. Wie hilflos sie sind, zeigt, dass sogar alles im Internet, was mit den Umstürzen in Ägypten und Tunesien zu tun hatte, zensiert wurde. Trotzdem lassen sich die Intellektuellen nicht unterkriegen, es gibt Diskussionen, die Künstler bringen sich ein.

Es war zu lesen, dass der Volkskongress, der im März stattfinden soll, diese Entscheidung beeinflusst haben könnte. Wie muss man sich das vorstellen?

Jedes Jahr finden Anfang März zwei wichtige politische Konferenzen statt. Das wussten natürlich auch alle Organisatoren der Ausstellung. Es ist ja nicht so, dass man vorher nicht bei den Behörden einen Antrag gestellt hätte. Und wenn solche Veranstaltungen auch noch in zeitlicher Nähe zu brisanten politischen Entwicklungen wie zum Beispiel in Tunesien oder Ägypten stattfinden, dann wird die Polizei noch nervöser, der Geheimdienst auch. Wenn die Ausstellung wirklich zu diesem Zeitpunkt zustandekäme, könnte man sich vorstellen, dass gleich wieder Hunderte von Künstlern in Gewahrsam genommen, unter Hausarrest oder unter Beobachtung gestellt werden. Das ist durchaus sehr realistisch.

In welchem Zusammenhang stehen die Ausstellung und die politischen Veränderungen in Nordafrika. Wie strahlen die jüngsten politischen Ereignisse auf China aus?

Die Dissidenten zum Beispiel fühlen sich davon sehr ermutigt. Sie diskutieren offen darüber, warum sich die Menschen in Nordafrika trauen, auf die Straße zu gehen. Es gibt sogar Menschen, die im Internet versucht haben, die Erinnerungen an das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens 1989 wieder aufzufrischen. Linke Intellektuelle melden sich zu Wort und weisen darauf hin, dass mit Tunesien und Ägypten Musterländer des Westens gekippt wurden. Hier wiederum gibt es eine Mikroblogger-Szene, das ist so etwas wie Twitter, die sich schon seit Tagen zu Wort meldet. Wenn ein Künstler auf die Straße geht, folgt ihm gleich der zweite mit einer Kamera. Der erste schreibt im Mikroblog: "Ich bin jetzt auf der Straßenkreuzung XY, hinter mir ist jemand her!" Der andere fotografiert den Verfolger und stellt das Bild ins Internet. Das ist fast wie eine Performance. Auf dieser Ebene ist eine Geheimhaltung der Verfolger kaum noch möglich. Also, wenn die Polizei jemanden auf der Straße verhaften will, ist mindestens eine Kamera dabei und zeigt: Hier ist jemand von einem oder zwei Polizisten angegangen worden.

Die Entscheidung von Ai Weiwei, die Ausstellung abzusagen, gleicht einem Paukenschlag in China. Was bedeutet das für die Zukunft der Kunstszene in China?

Bisher gibt es noch keine massiven, offenen Reaktionen der Kunstszene, auch der alternativen nicht. Der Zeitpunkt ist sehr heikel. Es gibt kaum Künstler, die offen Stellung beziehen zu Ai Weiwei. Sie nehmen lieber Bezug auf Themen, die im Internet nicht mehr zu verbieten sind. Sie diskutieren zum Beispiel über Korruption, über Diktatur, aber auch über die allgemein geltenden Werte der Humanität, also der Menschenrechte und dergleichen mehr. Da fühlt man sich offensichtlich in der Masse sicherer und geschützter.

In diesem Jahr ist in China eine Aufklärungsausstellung geplant mit deutscher Beteiligung. Wird es Auswirkungen geben auf dieses Vorhaben?

Von Seiten der chinesischen Behörden will man mit der Ausstellung zeigen, wie weltoffen China ist. Nach dem Motto: Wir haben nichts gegen westliche aufklärerische Ideen. Von Kulturschaffenden erwartet man, dass sie daran erinnern, dass auch mal die kommunistische Partei für eine kritische Aufklärung stand. Und sie wollen daran die Frage anknüpfen, warum diese Partei heute nicht mehr so ist. Dann gibt es natürlich den Wunsch, auch aus dem Westen, mit diesem verständnisvollen Herangehen die Machthaber in Peking zu besänftigen, dass man vielleicht doch aus freien Stücken politische Reformen in die Wege leitet. Das sind ganz unterschiedliche Rechnungen, die diese Ausstellung aufmacht. Welche von ihnen aufgeht, das muss man erst einmal abwarten.

Das Gespräch führte Conny Paul

Redaktion: Sabine Oelze

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