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Amerika

Erste Guarani-Akademie in Paraguay

In Paraguay wurde die erste Akademie für Guarani in Lateinamerika gegründet. Sie soll der indigenen Amtssprache ein zeitgemäßes Regelwerk geben und so ihren Fortbestand sichern.

Guarani-Kinder (Foto AP)

Symbolbild - Guarani Kinder

Bevor Spanier und Portugiesen Südamerika eroberten, war Guarani ein kleines Mitglied der großen Familie der Tupi-Sprachen. Heute ist es eine der wenigen indigenen Sprachen, die überhaupt noch in größeren Teilen des Sub-Kontinents gesprochen werden. In Paraguay sowie den angrenzenden Regionen der Nachbarländer Argentinien, Bolivien und Brasilien sprechen immerhin zwischen vier und zwölf Millionen Menschen Guarani - je nach Schätzung.

Minderwertige Mehrheitssprache

Doch nur in Paraguay ist Guarani die Muttersprache der Bevölkerungsmehrheit. Seit 1967 Nationalsprache, wurde es 1992 neben Spanisch zur offiziellen Amtssprache erklärt - als einzige indigene Sprache in ganz Lateinamerika. Darauf sind die Paraguayer bis heute sehr stolz.

Rund 90 Prozent der Paraguayer sind bilingual: Auf Guarani unterhält man sich in der Familie und mit Freunden. Doch es genießt kein Prestige in der Öffentlichkeit und gilt sogar als verpönt. Immer weniger Eltern halten es für notwendig, dass ihre Kinder in der Schule Guarani lernen.

Paraguays Präsident Federico Franco (Foto: dpa)

Paraguays Präsident Federico Franco ehrte die Mitglieder der Akademie

Offizielle Dokumente, Zeitungen und das Fernsehen verwenden die spanische Sprache. Und sogar Ortsschilder werden ins Spanische übersetzt, obwohl die meisten geografischen Begriffe aus dem Guarani stammen - wie Paraguay, das bedeutet: "Wasser, das zum Meer fließt".

"Diese 'abgestufte Zweisprachigkeit' wird allgemein als richtig empfunden", meint Wolf Dietrich, Experte für indigene Sprachen Amerikas an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Doch soll die indigene Sprache erhalten bleiben, muss sie modernisiert werden.

Ein Problem des Guarani ist sein Vokabular: Es ist reich an Tier- und Pflanzennamen: Jaguar, Ananas und Maracuja haben es sogar bis in die deutsche Alltagssprache geschafft haben. Es kennt jedoch nur Zahlen von eins bis fünf und kaum politische oder technische Begriffe. Deshalb soll es nun aufgewertet werden.

Gesetzlicher Hintergrund

2010 beschloss die Regierung in Paraguay ein Gesetz, um den Gebrauch der Landessprachen zu regeln und die indigene Sprache zu stärken. In der Folge wurde das Sekretariat für Sprachpolitik ins Leben gerufen, das Miguel Ángel Verón, den Direktor des "Verbands zur Sprache und Kultur der Guarani" und seine 14 Mitstreiter bei der Gründung der "Akademie der Sprache Guarani" unterstützte. In seinen Augen war das überfällig: "Jahrzehntelang wurde Guarani in Paraguay und anderen Ländern abgelehnt. Dabei ist die Sprache das Fundament unserer Kultur. Die Gründung der Akademie ist ein Akt der Gerechtigkeit gegenüber der paraguayischen Sprache und Identität."

Aufgaben der Akademie

Die Statuten der Akademie sehen die Normierung der Rechtschreibung, das Verfassen eines aktuellen und eines wissenschaftlichen Wörterbuchs sowie einer Grammatik vor. Zudem sollen neu entstandene Wörter, beispielsweise aus Jugend- und Internetsprache, gesammelt und analysiert werden.

Der Mainzer Kultur- und Literaturwissenschaftler Wolf Lustig meint, diese Neuerungen würden einen wichtigen Fortschritt bedeuten: "Bisher gibt es nicht einmal eine gesetzlich verankerte Rechtschreibnorm des Guarani." In den Schulen werde aber zumindest versucht, die Sprache einigermaßen einheitlich zu vermitteln.

Prof. Dr. Wolf Dietrich Erforscher indigener Sprachen Südamerikas der Universität Münster

Wolf Dietrich erforscht das Guarani

Wenig Einigkeit herrscht bisher beim alten Streit darüber, ob "moderne" Begriffe vorzugsweise aus dem Spanischen übernommen oder ganz neu in Guarani gebildet werden sollten. "In den Schulen geht es hin und her. Die Akademie sollte einheitliche Regelungen entwerfen, die dem ein Ende setzen", fordert der Münsteraner Linguist Dietrich. Wichtig sei zudem, dass die neuen Wörterbücher wissenschaftlichen Ansprüchen genügten.

Das Latein Südamerikas

Selbst wenn die Sprache insgesamt kaum für wissenschaftliche Handlungen geeignet ist, so steht sie, nach Griechisch und Latein, an dritter Stelle als "Lieferant" wissenschaftlicher Namen im europäischen Sprachgebrauch - vor allem für Pflanzen und Tiere. "Guarani ist eine Kultursprache - sozusagen das Latein Südamerikas", befindet der Mainzer Wissenschaftler Wolf Lustig. Aber es ist keine tote Sprache - ganz im Gegenteil. Sie muss jedoch unbedingt an die heutige Zeit angepasst werden.

Erfolg ungewiss

In den 1950-er Jahren gab es in Paraguay schon einmal zwei Sprachakademien, die sich um die Rechtschreibung des Guarani kümmern sollten. Doch sie bewirkten wenig und wurden bald wieder geschlossen. Der Linguist Dietrich sieht diesmal bessere Voraussetzungen: "Es sind viel kompetentere Leute vertreten, die sich auf diesem Gebiet bestens auskennen."

Lustig steht dem neuen Institut dagegen eher skeptisch gegenüber: Die Institution möchte unabhängig von der staatlichen Politik handeln, so steht es in den Statuten. Doch wie ihre Arbeit finanziert werden soll, bleibe unklar, meint der Sprachforscher: Denn wirtschaftlich sei Guarani von keinerlei Interesse.

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